Live-Blog-Nachlese Wie München das dramatische Finale erlebte

Es war ein fröhliches Fanfest in München, in den Kneipen und beim Public Viewing auf Theresienwiese und Olympiastadion wurde voller Freude mitgefiebert. Doch die Nacht endete mit einer großen Enttäuschung - zumindest für die Anhänger des FC Bayern München. Der Live-Blog zum Nachlesen.

Von Anna Fischhaber, Felicitas Kock, Jürgen Schmieder, Lisa Sonnabend, Benedikt Warmbrunn und Beate Wild

Dramatik pur in der Münchner Arena: Nach dem 1:0 durch Thomas Müller gleicht Chelsea aus. Und dann verschießt Arjen Robben auch noch einen Elfmeter. Schließlich verlieren die Bayern im Elfmeterschießen. Die Münchner Fans sind am Boden zerstört - ganz im Gegensatz zu den Chelsea-Anhängern. Wie die Fans in der Stadt dieses dramatische Spiel erlebten, lesen Sie in unserer Live-Blog-Nachlese.

02:08 Uhr

Sie laufen im Dunkeln und sagen nicht viel. Sie wollten eigentlich feiern, auf der Leopoldstraße nach einem gewonnenen Spiel. Deswegen waren sie nach München gekommen und hatten zu hunderten ihre Zelte auf dem Campingplatz in Thalkirchen aufgeschlagen. Nun trotten die auswärtigen Bayern-Fans, die aus ganz Deutschland und halb Europa angereist sind, von der U-Bahn-Station vorbei am dunklen Schwimmbad Maria Einsiedel zu ihrem Schlafplatz. Es wird eine traurige Nacht sein.

02:02 Uhr

Kurz nach zwei Uhr fahren mehrere Busse vor dem Hotel vor, die Fans brechen in Jubel aus. Als die Busse ihre Türen öffnen, wird der Jubel noch lauter: In den drei Bussen saßen weitere Fans. Und scheinbar Angehörige und Freunde der Spieler. Die Spieler und der silberne Pokal? Sind immer noch nicht da.

01:54 Uhr

Um kurz vor zwei Uhr räumt die Polizei den Eingang vor dem Hotel des FC Chelsea frei. Als Erster kommt Roman Abramowitsch. Zu Fuß. Die zwei Bodyguards können kaum Schritt halten. Die Fans singen den Namen des russichen Klubbesitzers. Abramowitsch winkt, nimmt sich sogar Zeit für ein Foto, dann verschwindet er im Hotel. Eine Minute später werden die Spielerfrauen vorgefahren, mit Trainer di Matteo. Auch seinen Namen singen die knapp 80 Anhänger. Di Matteo winkt, nimmt sich aber keine Zeit für ein Foto. Dann verschwindet er im Hotel. Die Mannschaft? Feiert noch ein bisschen unterwegs.

01:32 Uhr

Kleinere Auseinandersetzungen, Pyrotechnik und geprellte Ticketkäufer: Die Polizei, für die mehr als 2000 Beamte im Einsatz waren, hatte am Finaltag einiges zu tun, das Fazit fällt aber dennoch positiv aus. "Gemessen an dem Gefahrenpotential, das in der Stadt vorhanden war, ist relativ wenig passiert", ließ die Polizei verkünden. Die genaue Einsatzbilanz muss bis Sonntagmittag erst noch erstellt werden. Zwei Stunden nach Abpfiff der Partie zählte die Polizei insgesamt 75 Festnahmen.

01:04 Uhr

Vor dem Mannschaftshotel des FC Chelsea warten inzwischen knapp 30 Fans, mit einer großen blau-weißen Fahne. Die Ankunft des Teams wird jedoch erst gegen halb zwei erwartet, frühestens. Es könnte eine lange Nacht werden. Zumindest für sie.

00:51 Uhr

Auf den Wegen zur U-Bahn hört man die immer gleichen Sätze: "Wie tragisch ist das", "wie furchtbar". Weinende Männer werden von ihren Freundinnen getröstet. Enttäuschung und Traurigkeit sind die Begleiter auf dem Weg nach Hause, berichtet Kollegin Katharina Sorg. Die U-Bahn ist voll, hören wir von unserer Kollegin Melanie Staudinger, die S-Bahn ebenfalls. Für manche Bayern-Fans wird es wohl doch noch eine lange Nacht. Unfreiwillig.

00:37 Uhr

"Ich sitz seit dem Abpfiff hier und kann's nicht fassen", sagt Johannes aus München, 30 Jahre alt. Er hockt auf dem Hügel am Stadionrand im Gras, neben ihm liegt der Elfmeterpunkt. Den hat er aus Frust aus dem Rasen im Olympiastadion gerissen. "Das ist so unglaublich. Es ist das Finale dahoam, und dann spielen sie auch noch so gut - es ist noch nie eine Mannschaft so unverdient Meister geworden."

00:24 Uhr

NamNam - das Restaurant in der Maxvorstadt, das die Chelsea-Fans in einen Pub verwandelt haben: Hatte während des Elfmeterschießen noch beinahe religiöse Anspannung geherrscht, fegt danach ein Jubelorkan über die Theresienstraße. Chelsea-Fans springen auf die Straße, tanzen, reißen sich ihre T-Shirts vom Leib und schwenken sie wie wild. Unter den misstrauischen Augen der Polizei liegen sich ziemlich betrunkene Engländer in den Armen und rollen über den Asphalt. Doch der Gewinner bleibt fair: Vorübergehende Bayern-Fans werden um einen Handschlag gebeten und nicht nur einmal ist das Geständnis "ihr wart besser" zu hören. Nach gut 15 Minuten ist das Spektakel vorbei, die Blues ziehen von der Polizei eskortiert Richtung Innenstadt. Zurück bleibt das NamNam, ziemlich verwüstet und wahrscheinlich von den Gästen aus London auch noch komplett leergetrunken.

00:21 Uhr

(Foto: AFP)

Die britischen Fans erobern binnen einer Stunde nach Spielschluss die zentralen Plätze der Stadt, berichtet Kollege Ulrich Schäfer. An der Oper, direkt vor dem Franziskaner, tanzen sie mit nacktem Oberkörper Polonäse - eine eigenwillige Art des Feierns, beonachtetet von zwei Dutzend dick vermummten Polizisten. Am Odeonsplatz besetzen hunderte von Chelsea-Anhängern die Feldherrnhalle, einer klettert auf die acht bis neun Meter hohe Statue des Grafen von Tilly, setzt sich ihm auf die Schulter und weiß hernach nicht mehr, wie er herunter klettern soll. Der Brite auf der Statue wird schließlich von der Feuerwehr, die mit einer Drehleiter anrückt, von seinem luftigen Platz befreit.

00:05 Uhr

"Ihr habt unverdient gewonnen!" Auf der Leopoldstraße wird Egzon von zwei weiblichen Bayern-Fans umzingelt. Er kann darüber nur grinsen, er jubelt. Egzon hat vor fünf Jahren in London gelebt, seitdem ist er Chelsea-Anhänger.

00:02 Uhr

Kollege Benedikt Warmbrunn steht am Stachus, wo eigentlich der Autokorso vorbeifahren hätte sollen. Nun besprenkelt die Brunnenanlage den Müll des Tages. Eines Tages, mit dem viele Fans so viel Hoffnung verbunden hatten. Und was davon bleibt, das ist erst einmal: Müll. In der Schillerstraße wird dagegen gefeiert: Hier haben die Chelsea-Fans eine Kneipe nahezu für sich alleine gefunden. Sie hüpfen nun über die Straße, mit einer England-Flagge. Die Polizei hat die Zufahrt zur Schillerstraße blockiert, mit drei Kastenwagen. Ruhig ist es dagegen vor dem Mannschaftshotel des FC Chelsea. Vier Fans fragen kurz, ob die Mannschaft hier wirklich übernachte. Ja? Schön. Trotzdem lassen sie sich ins Hotel fahren. Wenige Minuten später, um Punkt Mitternacht, fahren dafür drei schwarze Limousinen vor: vermutlich Ehrengäste, also Sponsoren, für das Bankett der Mannschaft.

23:57 Uhr

Carolina und Renate ziehen in Bayernmontur zum Siegestor. "Jetzt feiern wir erst recht", sagen sie. "Wir wollen ein Zeichen setzen." Ob es sehr schlimm sei? "Es kommt ja gleich die EM", meint Carolina und kann schon wieder ein wenig lächeln.  Matthias und Michi dagegen schauen alles andere als fröhlich, vielmehr fassungslos. Doch feiern wollen auch sie: "Wir machen trotzdem Party, wir knallen uns weg."

23:55 Uhr

Würde nicht immer noch die Live-Übertragung aus der Fröttmanninger Arena laufen, wäre es fast totenstill auf dem Fanfest auf der Theresienwiese. Viele Fans haben das Festival-Gelände bereits verlassen. Ein paar sitzen auf dem Boden, der ein oder andere weint, berichtet unsere Kollegin Melanie Staudinger. Die restlichen Anhänger starren wortlos auf die Leinwand. An den Schänken fällt das Bier in sich zusammen, das für die Siegesfeier bereits ausgeschenkt wurde. Nur gut 20 Chelsea-Fans feiern. Auch bei Veranstaltungsleiter Franz Seipp mag keine rechte Freude aufkommen. Gut sei der Abend gelaufen: Bis auf die bengalischen Feuer und unverbesserliche Steinwerfer, die sich nicht vermeiden ließen, gab es keine Zwischenfälle. Der Rettungsdienst meldet ebenfalls nur 38 Einsätze bei 30.000 Besuchern - Schnittwunden, Kreislaufprobleme und zu starker Alkoholkonsum. "Aber der sportliche Erfolg hat halt zu einem perfekten Abend gefehlt", sagt Seipp. Und so beginnen die Techniker, das Equipment abzubauen. Bis vier Uhr morgens wollen sie fertig sein.

23:52 Uhr

Selten haben so viele Männer gleichzeitig geweint wie gerade auf der Leopoldstraße. Manche liegen auf dem Boden, andere schluchzen laut. Währenddessen ist in der Theresienstraße vor dem Lokal NamNam bei den Chelsea-Fans die Hölle los. Für sie ist das heute das Paradies auf Erden. Die Engländer ziehen jetzt auch zur Leo, um dort zu feiern. Das könnte Ärger geben. Die Polizei steht mit Wasserwerfern bereit.

23:50 Uhr

(Foto: AFP)

Die Stadt, die eben noch so laut war, die gebebt hat: Sie ist eine Viertelstunde nach Spielschluss wie tot. Die Gesänge: verstummt. Die Schlachtrufe: vorbei. Im Glockenbachviertel stehen hunderte von Fußballfans vor dem Sax, einer großen Fußbsllkneipe, wo auch unser Kollege Ulrich Schäfer steht. Er berichtet, dass die Menschen leise reden, es ist eine gespenstische, umheimliche Stille, die über der Stadt liegt. Am Gärtnerplatz, der an solch einem lauen Frühlingsabend normalerweise von hunderten von Menschen gefüllt ist, ist fast menschenleer. Am Brunnen in der Mitte, sonst Mittelpunkt der nächtlichen Partyzone, sitzen ein paar einsame Gestalten, ein paar Menschen, die nicht aus der Stadt sind, und fragen nach der nächsten U-Bahn-Station. Sie wollen nur schnell weg. Irgendwann tauchen drei Briten auf, rufen "come on Chelsea". Kaum einer niemand nimmt sie wahr. München ist still, trauert in sich gekehrt.

23:38 Uhr

Gespenstige Stille auf der Leopoldstraße. Sie ist abgesperrt, damit die trauernden Bayern-Fans nach Hause gehen können. Zwei Fans in Trikot liegen auf dem Boden, die Köpfe aneinandergedrückt. Sie zittern, sie weinen. Die Nacht in München - es ist ein Drama.

23:34 Uhr

Fassungslosigkeit bei den Fans des FC Bayern München. Chelsea gewinnt im Elfmeterschießen. Wie konnte das passieren? Der Jubel der britischen Fans nach Drogbas entscheidendem Schuss wirkt im Olympiastadion beim Public Viewing, als käme er aus einem kleinen Lautsprecher. Die Münchner Anhänger lassen die Köpfe hängen und starren fassungslos vor sich hin. Die ersten verlassen bereits das Stadion.

23:27 Uhr

Nach dem ersten Elfmeter von Lahm jubelt das Roxy, als wäre der Pott gewonnen. Nach dem verschossenen Elfmeter von Chelsea, jubelt das Roxy, als hätten sie das Triple gewonnen. Und nach dem getroffenen Elfmeter von Neuer schreien sie, denn sie sind jetzt fast sicher: Sie haben das Champions-League-Finale dahoam gewonnen. Und dann trifft Olic - nicht.

23:21 Uhr

Jetzt kommt es zum Elfmeterschießen - und die Fans beim Public Viewing im Olympiastadion können gar nicht hinschauen, berichtet Kollegin Katharina Sorg. Einige setzen sich mit dem Rücken zur Leinwand.

23:02 Uhr

Letzte Aufmunterungsversuche im Olympiastadion, wo es die Besucher des Public Viewings vor Spannung kaum aushalten. In der Pause der Verlängerung spielt der DJ "I will survive" von Gloria Gaynor.

23:01 Uhr

Langsam geht Bayern die Kraft aus. Bei den Fans auf der Leopoldstraße steigt die Frustration. Doch Elfmeterschießen? Ganz hinten im Café Roxy sitzt Andreas. Rotes Trikot, rote Baseball-Cap. Ob er noch an einen Erfolg glaubt? "Ich sehe schwarz", sagt er. Ob das schlimm für ihn wäre? "Ja, das wäre..." Er kann nicht weitersprechen, Tränen schießen in seine Augen. Wird es das Drama oder das Wunder von München?

22:53 Uhr

Entsetzen auch beim Public Viewing im Olympiastadion, wo unser Kollege Martin Jäschke mit zigtausenden Bayern-Fans und einer Handvoll Chelsea-Anhängern das dramatische Spiel verfolgt. Der Jubel der in blau gekleideten Engländer geht nach dem verschossenen Elfmeter von Arjen Robben fast unter. Vorher wurden auch bengalische Feuer geworfen, aber eigentlich verhalten sich die Besucher recht gesittet. "Meine Fresse, jetzt kommt doch mal", sagt einer.

22:47 Uhr

(Foto: Lisa Sonnabend)

Robben schießt - und trifft mal wieder nicht. Unser Chelsea-Fan im Roxy jubelt. Alle anderen starren nur noch vor sich hin, einer hat den Kopf auf der Bierbank. Wie wird das nur ausgehen?

22:46 Uhr

Es geht in die Verlängerung. Auf der Leopoldstraße schwankt die Stimmung zwischen Panik und Bangen. "Bin völlig fertig mit den Nerven", sagt einer. Dann: Elfer für die Bayern. Ungerechtfertigt?