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Immobilien in München:Die große Leere nach der Wirecard-Pleite

Staatsanwaltliche Durchsuchung bei der Firma "Wirecard" in Aschheim, 2020

Die aktuelle Firmenzentrale (im Bild) liegt ganz in der Nähe der geplanten neuen. Noch arbeiten hier 570 der ursprünglich 1300 Mitarbeiter.

(Foto: Stephan Rumpf)

In Dornach bei München wollte das Unternehmen eine repräsentative Zentrale aufbauen. Dann kam die Insolvenz, nun werden neue Mieter gesucht. Mitten in der Corona-Krise könnte das schwierig werden.

Von Sebastian Krass

Damals, im Jahr 2018, war es ein Immobiliengeschäft, das in der Branche bundesweit Aufsehen erregte: Das - so schien es - aufstrebende Unternehmen Wirecard mietet ein großes, neu gemachtes Bürogebäude in Dornach, direkt hinter der Münchner Stadtgrenze, mit 40 000 Quadratmetern, was genug Platz für mindestens 2000 Arbeitsplätze bietet. Es sollte die repräsentative Zentrale eines Dax-Unternehmens werden, das weiter wachsen wollte.

Der Deal war die größte Bürovermietung des Jahres in Deutschland. Und für den Vermieter, das Grünwalder Unternehmen Rock Capital, das das Gebäude mit dem Projektnamen "Campus One" derzeit aufwendig modernisiert und aufstockt, schien es wie ein guter Fang: So ein Mietvertrag kann Kreditgespräche mit Banken erleichtern, was bei einem geschätzten Investitionsvolumen im mittleren achtstelligen Bereich wichtig ist. Doch nun ist die Sache geplatzt: Wirecard ist insolvent, der Insolvenzverwalter hat nach SZ-Informationen den Mietvertrag gekündigt. Rock Capital muss also einen oder mehrere neue Mieter suchen und das mitten in der Corona-Krise. Ähnlich dürfte es den Vermietern der zwei Gebäude, in denen Wirecard bisher saß und mit deutlich kleinerer Mannschaft noch sitzt, gehen.

60 000 Quadratmeter Bürofläche seien in den vergangenen Wochen plötzlich auf den Markt gekommen, berichten mehrere Münchner Makler für Büroimmobilien. Und es sei, obwohl die Branche seit Jahren extremen Büroflächenmangel und deshalb enorm gestiegene Mieten in München registriert, keineswegs ausgemacht, dass die Flächen in Dornach nun schnell weggehen. "Die Unternehmen, die es sich leisten können, gerade nicht über eine neue Anmietung zu entscheiden, halten die Füße still", sagt Helge Zahrnt vom Gewerbemaklerunternehmen Cushman and Wakefield.

Für Rock Capital sei das keine einfache Lage, heißt es in der Branche. "Es war ein guter Mietpreis mit Wirecard, aber auch für eine gute Ausstattung des Gebäudes. Es ist nicht selbstverständlich, in dieser Zeit einen entsprechenden Nachfolger zu finden", sagt ein Münchner Vertreter eines anderen großen internationalen Maklerunternehmens. Zumal der Umbau des Gebäudes auf die Bedürfnisse von Wirecard zugeschnitten sei, andere Mieter aber womöglich andere Raumkonzepte wünschen.

Ein bisschen Zeit hat Rock Capital noch: Die Fertigstellung des Komplexes am Einsteinring 30 in Dornach, der früheren Deutschland-Zentrale von Hewlett-Packard, ist für Ende 2021 geplant. Das Gebäude liegt gut zehn Fußminuten vom S-Bahnhof Riem und einen Steinwurf von der bisherigen Wirecard-Zentrale in Dornach entfernt.

Rock Capital ist einer der bedeutenden Akteure in der Münchner Immobilienszene. Derzeit entwickelt das Unternehmen unter anderem ein Wohnhochhaus im Werksviertel und ein riesiges Wohn- und Gewerbeareal rund um das ehemalige Siemens-Hochhaus in Obersendling. Es hat den Ruf, die Profitmaximierung auf durchaus robuste Weise zu betreiben. Welche Auswirkungen hat der geplatzte Vertrag mit Wirecard für Rock Capital? Wird die Finanzierung des Umbaus dadurch problematisch? Und sind bei einer neuen Vermietung niedrigere oder vielleicht sogar höhere Preise zu erwarten? Diese und weitere Fragen lässt Rock-Capital-Geschäftsführer Peter G. Neumann auf mehrmalige Anfragen unbeantwortet. Auch der Vermieter der derzeitigen Wirecard-Zentrale, die US-Investmentgesellschaft Barings, antwortet nicht auf eine Anfrage.

Und wie geht es mit Wirecard in Dornach weiter? Insolvenzverwalter Michael Jaffé äußere sich nicht dazu, erklärt sein Sprecher. Derzeit arbeiten noch 570 der ursprünglich etwa 1300 Beschäftigten für das Unternehmen. Die Suche nach Investoren, die Teile des bisherigen Wirecard-Geschäfts übernehmen, läuft. Wenn sich welche finden, ist es gut möglich, dass sie nach der Übernahme am Standort Dornach festhalten. Mit wie vielen Beschäftigten und in welchen Gebäuden das sein wird, ist offen.

© SZ vom 17.10.2020/lfr

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