Münchner Gewerkschaften:Wem gehört die Zeit?

Münchner Gewerkschaften: Bereits seit Jahren protestieren auch in München immer wieder Gewerkschaftsmitglieder für bessere Bezahlung. (Archivfoto, Warnstreik bei der Post)

Bereits seit Jahren protestieren auch in München immer wieder Gewerkschaftsmitglieder für bessere Bezahlung. (Archivfoto, Warnstreik bei der Post)

(Foto: Florian Peljak)

Vielerorts fehlen die Fachkräfte, trotzdem fordern Arbeitnehmer reduzierte Arbeitszeiten und vollen Lohnausgleich. Wie Münchner Gewerkschaften sich für kommende Tarifverhandlungen in Stellung bringen.

Von Leon Lindenberger

Sechs Tage Streik der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) sind überstanden, neue Verhandlungen mit der Bahn stehen aus. Die zentrale Forderung: drei Stunden weniger Arbeit pro Woche bei vollem Lohnausgleich. Und nicht nur die GDL rückt das Thema Arbeitszeit in den Mittelpunkt der Tarifverhandlungen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) überschrieb die Jahrespressekonferenz der Münchner Gewerkschaften am Dienstag mit einer alten Frage: Wem gehört die Zeit?

Dem DGB gehören einige der größten Gewerkschaften des Landes an, allen voran die IG Metall und Verdi. Und auch: die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG. Nicht dabei: die GDL. "Die Tarifverhandlungen anderer Gewerkschaften kommentieren wir nicht", sagt DGB-München-Vorsitzende Simone Burger zunächst. Dann schiebt sie hinterher: "Aber wir sehen, es gibt ganz klar den Wunsch nach weniger Arbeitszeit."

Münchner Gewerkschaften: DGB-Vorsitzende Simone Burger. (Archivfoto)

DGB-Vorsitzende Simone Burger. (Archivfoto)

(Foto: Stephan Rumpf)

"Kann man das denn fordern, wenn überall die Arbeitskräfte fehlen?", fragt Claudia Weber, stellvertretende Geschäftsführerin von Verdi München, und beantwortet ihre Frage gleich selbst: "Ja!" Und zwar, da sind sich bei dieser DGB-Konferenz alle einig, indem man die Jobs flexibler gestaltet. Man befinde sich gerade in einem Teufelskreis, findet Simone Burger. Es fehle vielerorts an Arbeitskräften, dadurch steige die Belastung für jeden Einzelnen. Aus Sorge vor zusätzlichen Ausfällen sinke die Bereitschaft der Arbeitgeber, Forderungen nach Entlastungen nachzugeben. Das jedoch sei ein Trugschluss und führe zu noch mehr Ausfällen.

Burger verweist an dieser Stelle auf einen Report der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin aus dem Jahr 2022, wonach sich 53 Prozent der befragten Erwerbstätigen eine Reduzierung ihrer Arbeitszeit wünschen. "Ich persönlich schwärme ja für die 35-Stunden-Woche", sagt Burger. Heute gehe es aber vermehrt um die Vier-Tage-Woche. Die DGB-eigene Hans-Böckler-Stiftung kam in einer Studie 2023 zu dem Ergebnis, dass sich 81 Prozent der Vollzeitbeschäftigten ein solches Modell wünschen. Den meisten gehe es darum, mehr Zeit für ihre Familien und "für Muße" zu haben. Knapp 31 Prozent der Befragten gaben an, aus gesundheitlichen Gründen weniger arbeiten zu wollen. Das nennt Burger ein "Alarmzeichen für eine hohe Arbeitsbelastung".

"Natürlich hat auch Corona Spuren hinterlassen, der Krankenstand ist aktuell sehr hoch", sagt Sibylle Wankel, erste Bevollmächtigte der IG Metall München. Die Krankenquote lasse aber auch klare Schlüsse auf die Zufriedenheit der Arbeitnehmer zu. Wer unzufrieden mit der Belastung ist, werde sich im Zweifel schneller krankmelden. "Das verschärft den Fachkräftemangel immens", bekräftigt Burger.

Konkrete Ankündigungen bleiben bei der diesjährigen Pressekonferenz des DGB-München weitgehend aus. Es stehen neue Tarifrunden im Baugewerbe und in der chemischen Industrie an, Streiks seien aber bisher nicht geplant. Den Gewerkschaften geht es vielmehr um das Allgemeine, Burger spricht von einer dringend notwendigen "Humanisierung der Arbeitswelt". Konkreter sind die politischen Forderungen nach einer schnelleren Integration Geflüchteter in den deutschen Arbeitsmarkt. Claudia Weber sieht darin eine wichtige Chance: "Es ist nicht einzusehen, dass ausgebildete Ingenieure bei uns als Reinigungskräfte arbeiten!"

Weniger zu arbeiten sei in vielen Unternehmen schon heute möglich, man müsse es sich aber leisten können. Das betont Burger wiederholt. "Zeit statt Geld"-Modelle seien gerade in einer Stadt wie München mit hohen Miet- und Lebenshaltungskosten für viele keine Option, so Wankel. "Nur mit vollem Lohnausgleich haben Arbeitnehmer eine echte Wahl." Damit ist die Stoßrichtung für kommende Verhandlungen der DGB-Gewerkschaften klar gesetzt.

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