Volksmusik:Nach Herzenslust juuzen

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Volksmusik: Kuratorin Stefanie Boltz und Christian Loferer von den "Munich Opera Horns" freuen sich auf die Gipfelbesteigung.

Kuratorin Stefanie Boltz und Christian Loferer von den "Munich Opera Horns" freuen sich auf die Gipfelbesteigung.

(Foto: Robert Haas)

Beim ersten "Alpenrausch"-Festival im Gasteig HP8 kann man in Heimatsounds aller Art schwelgen.

Von Oliver Hochkeppel, München

Die meisten kennen sie als Sängerin, vor allem mit ihren zwischen Jazz und Pop changierenden Duos Le Bang Bang und JazzBaby! Aber Stefanie Boltz hat sich schon früh "breiter aufgestellt", wie man so schön sagt. Betreibt seit etlichen Jahren ihre Künstleragentur "Fine Artists". Und tut sich über die vielen Verknüpfungspunkte des Talent- und Location-Scoutings schon seit einigen Jahren auch als Veranstalterin hervor. Das an diesem Freitag startende erste "Alpenrausch"-Festival im Gasteig HP8 ist ihr jüngstes und wohl größtes Baby, doch angefangen hat alles vor gut zehn Jahren auf Gut Sonnenhausen bei Glonn, wo der kunstsinnige Betreiber des alternativen Hotel-Refugiums Georg Schweisfurth Boltz nach einem Auftritt gleich als künstlerische Leiterin einer Konzertreihe engagierte. Schon damals besann sich Boltz schnell auf das, was dort sozusagen zu ihren Füßen, ihr aber ohnehin besonders nahe und am Herzen lag: das Alpine.

Die Münchnerin Boltz lebte zwar einst auch mal in Berlin, wie sich das für einen jungen Jazzer wohl so gehört. Doch als "bekennende Voralpen-Heidi", wie sie sich gerne nennt, kehrte sie bald zurück. Zumal Südtirol durch die Familienausflüge und -urlaube quasi ihre zweite Heimat geworden war. Bei ihren Anfängen als Veranstalterin kamen ihr nun einige Trends entgegen: dass sich der Jazz, ihr erlerntes Metier, in Europa generell verstärkt den verschiedenen Volksmusiken zugewandt hatte; dass auch im Pop eine "Heimatsound"- Welle zu rollen begann und dass Festivals im Alpenraum diese Bewegungen erfolgreich zusammenzuführen begannen, wie etwa das European Jazztival auf Schloss Elmau oder "Jazz am See" in Feldafing.

Bandaloop tanzen an der Fassade

So mischte Boltz schnell in vorderster Front mit. Gründete auf Gut Sonnenhausen schon 2016 das "Alpenspektakel" und zwischenzeitlich auch im Hotel Kronthaler in Achenkirch ein kleines "Alpen Jazz"-Festival; und betreut in Südtirol ein kleines Festival auf Schloss Prösels und Konzerte in Völs und anderen Orten. Jetzt kommt zum ersten Mal ihre Heimatstadt München in den Genuss der inzwischen langjährigen Expertise von Boltz in Sachen alpiner Musik und Kultur. Am Freitag um 15 Uhr fällt im Gasteig HP8 der Startschuss zum ersten "Alpenrausch" Festival - beziehungsweise ertönt der Startruf: mit einem Naturjuuz-Kurs mit Bernhard Betschart im Saal X, natürlich mit anschließender Jodelperformance im Forum.

Danach setzt die amerikanische Kompanie Bandaloop ihre gerade beim BMW-Vierzylinder-Jubiläum begonnene Deutschland-Premiere fort und präsentiert ihre atemberaubende und innovative Tanzperformance jetzt an den Fassaden des Gasteig HP8 - in schwindelerregenden Höhen vertikal an Seilen hängend. Normalerweise machen sie das an Klippen oder Wolkenkratzern - "sie hier zu erleben, wird unser neues Gelände noch einmal ganz anders in Szene setzen", sagt Gasteig-Chef Max Wagner. Für den musikalischen Alpenrausch sorgen am ersten Tag die von bayerisch-tirolerischem Humor durchzogene Mini-Bigband Grapha, das Schweizer Volksmusik-Trio mit Andreas Gabriel an der Geige, Jürg Nietlispach an der Halszither und dem Perkussionisten Andi Pupato, sowie das Duo Marie-Theres Härtel und Florian Trübsbach, das ihr erstes Programm standesgemäß auf einer Berghütte komponiert hat.

Musikalische Wanderung mit zwei Bläsern

Weiter geht es am Samstag zunächst mit zwei kleinen musikalischen Wanderungen der verrückten Bläser Matthias Schriefl und Johannes Bär an der Isar entlang - als Kostprobe ihrer "Z'Fuaß"-Tour vom Vorarlberg ins Allgäu, die sie vergangenes Jahr unternahmen und demnächst wiederholen. Der dabei entstandene Film ist im Anschluss auch hier (im "Projektor"-Saal) zu sehen. Apropos Film, auch das grandiose Tiroler Trio Jütz - mit Isa Kurz, Daniel Woodtli und Philipp Moll - improvisiert zusammen mit VJ Timon Christen live zum preisgekrönten Experimentalfilm "Piz Regolith" über Dialekte in den Alpen. Und zum Festival-Abschluss begibt sich der prominente österreichische Hang-Perkussionist Manu Delago mit einem sechsköpfigen Instrumentalensemble parallel zu seinem Film "Parasol Peak" live auf Bergexpedition.

Dazwischen zeigen die Staatsopern-Bläser Munich Opera Horns unter anderem auf Alphörnern ebenso ihr herausragendes Können wie die Wiener Truppe Faltenradio, in der sich Mitglieder der großen Wiener Orchester tummeln. Jütz gibt es auch noch einmal pur, ebenso wie die freche Münchner Band Oansno oder das volksmusikalische Familienunternehmen Unterbiberger Hofmusik. Mitmachen ist mehrfach Teil des Programms: Der "Go Sing Choir" lädt schon bei der offiziellen Eröffnung zum Mitsingen ein: "Bologna" der österreichischen Band Wanda wird mit allen Gästen erklingen. Und auch den kleinen Besuchern wird es nicht fad: Doctor Döblingers geschmackvolles Kasperltheater rundet mit gewohnt bayerischem Dialekt und Witz das Programm für die ganze Familie ab.

"Wir sprengen mit diesem neuen Festival musikalische und regionale Grenzen", sagt Kuratorin Stefanie Boltz, "hier treffen alte Hasen und junge Wilde im kreativen und unverkrampften Umgang mit ihrer Herkunft aufeinander und erzeugen durch Musik neben Heimatgefühl das, was der Name verspricht: einen Alpenrausch mitten in München." Ohne dass einem dabei an irgendeiner Kasse schwindlig werden muss: Alle Veranstaltungen haben freien Eintritt.

Alpenrausch 2022, Fr. und Sa., 29. und 30. Juli, Gasteig HP8

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