Immobilienwirtschaft:Fatales Eigentor

Protest gegen den Mietenwahnsinn Protest gegen den Mietenwahnsinn 06 04 2019 Mitte Alexanderplatz

Auf dem Berliner Alexanderplatz protestieren Demonstranten 2019 gegen zu hohe Mieten.

(Foto: imago images / Steinach)

Die Fusion der beiden größten Wohnungsunternehmen, Vonovia und Deutsche Wohnen, ist gescheitert: weil viele Investoren gern mit Wohnraum zocken. Beschädigt sind nun die Unternehmen, Investoren und die Berliner Politik.

Kommentar von Benedikt Müller-Arnold

Es sollte eine Milliardenfusion werden, der Zusammenschluss der beiden größten Wohnungsunternehmen in Deutschland. Doch dieses Vorhaben ist auf derart verräterische Art und Weise gescheitert, dass nun alle vor einem Scherbenhaufen stehen: die Unternehmen Vonovia und Deutsche Wohnen, aber auch weite Teile ihrer Investoren und jene in der Politik in Berlin.

Der Vorgang sendet ein fatales Signal in Bezug auf den Ruf börsennotierter Immobilienkonzerne: So sehr sie auch betonen, ihre Wohnungen in Schuss zu halten, Häuser zu sanieren, endlich auch neue Wohnungen zu bauen - letztlich bleibt der Eindruck, dass internationale Investoren gern mit dem Zuhause von Tante Erna in Berlin spekulieren, wenn es nur die vage Hoffnung gibt, sie könnten noch zwei Euro mehr pro Aktie rausholen.

Rückenwind für Enteignungsinitiative

Konkret wollte Deutschlands größter Vermieter, Vonovia, den Rivalen Deutsche Wohnen übernehmen, den größten privatwirtschaftlichen Vermieter Berlins. So lukrativ das Geschäft in der Hauptstadt auch ist, so sehr gerät es unter Druck: Berlin versuchte zunächst vergeblich, den Anstieg der Wohnkosten mit einem Mietendeckel zu stoppen. Mittlerweile hat eine Initiative genug Unterschriften gesammelt, damit die Stadtbevölkerung bald über die kühne Idee abstimmen kann, private Großvermieter zu enteignen.

Es ist also ungemütlich geworden für Deutsche Wohnen. Da wollte man sich in eine Fusion mit dem Marktführer Vonovia retten, der Hunderttausende Wohnungen in verschiedenen Städten besitzt. Die Konzerne haben gar Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller ins Boot geholt: Sie versprachen, Mieterhöhungen für einige Jahre zu begrenzen und dem Land 20 000 Wohnungen zum Kauf anzubieten. Das passte in die Re-Kommunalisierungsagenda des rot-rot-grünen Senats: Um die Jahrtausendwende herum hatte das klamme Berlin Zehntausende Wohnungen privatisiert. Dass man nun zur Wiedergutmachung die Fusion zweier Dax-Konzerne mitfinanzieren wollte, bleibt fragwürdig.

Hedgefonds waren Treiber der Entwicklung

Doch so weit kommt es nicht, und das hat vor allem mit Hedgefonds zu tun, die einen beträchtlichen Teil der Deutsche-Wohnen-Aktien gekauft haben. Sie spekulierten, dass die Übernahme schon gelänge, sie aber in einem späteren Abfindungsangebot womöglich noch mehr Geld pro Anteilsschein erhalten könnten. Also gaben sie ihre Aktien zunächst nicht ab. Und weil sich viele so verhalten haben, hat Vonovia nun knapp doch nicht die Kontrolle über Deutsche Wohnen erlangt. Dass mehr und mehr Fonds schlicht einen Index wie den Dax nachbauen und daher zunächst nicht auf Übernahme-Offerten eingehen, hat die Sache nicht besser gemacht.

Die Art und Weise, wie die Fusion gescheitert ist, liefert all jenen ein Argument mehr, die Wohnraum nicht in den Händen börsennotierter Unternehmen sehen möchten. Sie nützt jenen, die mehr kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungsbau fordern. Sie ist auch keine schlechte Nachricht für jene Initiative, die "Deutsche Wohnen & Co." in Berlin am liebsten enteignen möchte.

Die Milliarden-Entschädigungen, die das Land in diesem Fall zahlen müsste, wären zwar besser in sozial gerechten Wohnungsbau oder die Anbindung des Umlands investiert. Doch das ändert nichts daran, dass mehrere Aktionäre in den vergangenen Tagen ein fatales Eigentor geschossen haben. Ihnen bleibt vorerst ein eigenständiges Unternehmen Deutsche Wohnen übrig, das dem gesellschaftlichen Gegenwind voll ausgesetzt ist. Das allgemeine Beileid dürfte sich in Grenzen halten.

© SZ
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