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Schulschließungen:In Zeiten des Coronavirus ist die Digitalisierung ein Segen

Schulschließungen sind richtig, doch große Wissenslücken durch wochenlangen Unterrichtsausfall müssen verhindert werden. Lehrer und Schüler sollten mit digitalen Lernformen experimentieren.

Kommentar von Anna Günther

Nach knapp zwei Wochen der Abwägung haben mehrere Bundesländer beschlossen, von Montag an alle Schulen und Kindertagesstätten für einige Wochen zu schließen. Berlin geht sukzessive vor, andere Länder beraten noch. Die Schließung ist richtig. Denn es ist klar, dass die Verbreitung des Coronavirus verlangsamt werden muss, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Infektions- und Quarantänezahlen steigen massiv, da sind drastische Maßnahmen gefragt.

Dass sich die Ministerpräsidenten nicht einheitlich zu Schließungen durchringen können, ist allerdings ein schwaches Signal. Viren machen nicht an Landesgrenzen halt. Schüler, die im nordwestlichen Bayern wohnen, gehen in Hessen zur Schule. Hamburger Jugendliche lernen in Niedersachsen, Berliner in Brandenburg. Aus diesem Grund hat das Saarland die eigenen Schulen und Kitas vernünftigerweise geschlossen - und das, obwohl dort bis Freitagmittag erst knapp 30 bestätigte Fälle nachgewiesen worden waren. In Bayern sind es 500, in Nordrhein-Westfalen fast 1300. Das Robert-Koch-Institut hatte die ans Saarland grenzende französische Region Grand Est zum Risikogebiet erklärt.

Die klare Entscheidung zur Schulschließung verschafft den Menschen nun wenigstens in dieser Hinsicht Fakten und ein Quäntchen Ruhe. Eltern und Lehrer müssen sich nicht länger den Spekulationen in Klassenchats oder im Bekanntenkreis aussetzen und jeden Tag aufs Neue rätseln, was passieren wird. Unsicherheit ist in Krisenzeiten der schlechteste Ratgeber. Die Betreuung der Kinder zu sichern, wird eine große Herausforderung sein.

Was jedenfalls nicht sein kann: dass Kinder und Jugendliche nun fünf bis sechs Wochen "Corona-Ferien" haben. Das Leben geht nach Corona weiter. Auch die Schule muss weitergehen. In zehn Jahren wird zwar niemand fragen, ob die Französische Revolution, Fotosynthese oder Statistik im Detail durchgesprochen wurden. Echte Wissenslücken aber müssen verhindert werden. Diese werden in der Lehrstelle, an der Uni oder im Job spürbar.

Lehrer und Schüler sollten diese ungewöhnliche Zeit nutzen für außergewöhnliche Unterrichtsprojekte, für neue Arbeitsmethoden. Die Digitalisierung könnte segensreich sein - und bei Skeptikern Vorurteile abbauen: Wer ins kalte Wasser geworfen wird, muss schwimmen. Lehrer könnten Live-Chats mit ihren Klassen abhalten, per Video oder E-Mail Fragen beantworten oder mit Youtube-Videos Stoff vermitteln. Material und Wissen sind da, sie müssen nur genutzt werden. Die digital besonders affinen Lehrer in Deutschland sind gut vernetzt und teilen ihre Ideen in der Regel. Ausstattung und sozialer Hintergrund sollten keine Rolle spielen: Nahezu jede Familie verfügt mittlerweile über ein geeignetes Gerät.

Wer weder Smartphone noch Computer hat, kann sich mit Freunden zusammentun. An jeder Schule gibt es Lehrer, die wissen, wo geeignete Geräte zu finden sind. Natürlich ist die technische Ausstattung von Land zu Land, von Schule zu Schule unterschiedlich. Aber improvisierter Unterricht funktioniert auch mit Büchern und Arbeitsblättern. Jetzt ist Erfindergeist gefragt. So könnte sich in dieser Notsituation die Gelegenheit ergeben, das Schulwesen zur Spielwiese zu machen.

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© SZ/saul
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