Diversität bei Wikipedia:Kulturwissenschaftler Kirby ist eine Frau

feministische Schreibwerkstätten in Berlin_ (c) Emely Krüger (bei Namensnennung honorarfrei)

Lena Wassermeier, Hannah Schmedes, Eva Königshofen (v. l.) organisieren feministische Schreib-Workshops in Berlin.

(Foto: Emely Krüger)

Wie weiblich ist die Welt der Online-Enzyklopädie Wikipedia? Ein feministischer Workshop zeigt, wie man nachhelfen kann und warum das manchmal gar nicht so leicht ist.

Von Jacqueline Lang

Bevor es losgeht, bittet Hannah Schmedes alle Teilnehmerinnen, zu ihren Namen noch das Personalpronomen zu schreiben, "damit niemand missgendert wird". An diesem Nachmittag steht überall "sie/ihr" hinter den Namen. Dann spricht Schmedes noch eine Triggerwarnung aus: Es könne sein, dass sie in den kommenden drei Stunden auf Sexismus, Rassismus "oder andere Ismen" stoßen würden. Wer sich unwohl fühle, solle bitte Bescheid geben. Und dann kann sie auch schon beginnen, die achte feministische Schreibwerkstatt. Mit dabei sind an diesem Tag junge Frauen, schätzungsweise alle Mitte zwanzig, die sich aus unterschiedlichen Städten in ganz Deutschland zugeschaltet haben und alle irgendwas mit Medien studieren.

Doch von vorne: Schmedes, 28, und ihre beiden Freundinnen Lena Wassermeier und Eva Königshofen, beide 29, haben die feministische Schreibwerkstatt im September 2019 gegründet, weil sie sich ein Ziel gesetzt haben: Sie wollen Wikipedia, die größte Internet-Enzyklopädie der Welt diverser machen. Zum einen wollen sie mehr Flinta - das ist die Abkürzung für Frauen, Lesben, Inter, Nicht-Binär, Trans, Agender - dazu motivieren, selbst Autorinnen zu werden. Zum anderen möchten sie gemeinsam mit anderen Schreibenden dafür sorgen, weiblich gelesene Personen und nicht weiße Menschen mit Wiki-Artikeln sichtbarer zu machen. Weiblich gelesen bedeutet, dass eine Person als Frau wahrgenommen wird, unabhängig davon, welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlt.

Der Frauenanteil der deutschsprachigen Biografien liegt bei nicht einmal 17 Prozent

Kennengelernt haben sich die drei Frauen während ihres Bachelorstudiums an der Uni Lüneburg, alle drei studierten damals Kulturwissenschaften. Mittlerweile wohnen Schmedes und Wassermeier in Berlin, Königshofen in Frankfurt.

Zum Einstieg gibt es erst einmal ein paar Fakten: Eine Umfrage der gemeinnützigen Wikimedia Foundation hat 2018 ergeben, dass nur neun Prozent der Verfasser von Artikeln weiblich gelesene Personen sind. Zudem beträgt der Frauenanteil deutschsprachiger Biografien gerade einmal 16,54 Prozent. Die vermeintlich für alles und jeden zugängliche Online-Enzyklopädie Wikipedia sei eben leider doch "not-so-open-source", nicht ganz so frei zugänglich, sagt Königshofen. Die deutsche Wikipedia sei nach wie vor ein "eher maskuliner, weißer Raum". Bis heute ist das generische Maskulinum die Norm. Wer sich anmeldet, wird gar nicht erst gefragt, welchem Geschlecht er oder sie sich zugehörig fühlt. Man ist automatisch erst einmal ein User. "Frauen werden so bewusst unsichtbar gemacht", findet Schmedes und ärgert sich deshalb. Ein Sprecher von Wikimedia Deutschland indes sagt, die standardmäßige Bezeichnung "User" sei geschlechtsneutral zu verstehen. Eine Geschlechterabfrage finde bei der Anmeldung bewusst nicht statt, "um dem Recht auf Anonymität in der Wikipedia Rechnung zu tragen". Gleichwohl gehöre zu einem "zentralen Ziel" von Wikimedia, die ehrenamtliche Community bei dem Prozess "hin zu mehr Diversität und Geschlechtergerechtigkeit zu unterstützen".

Bei sogenannten Edit-a-thons treffen sich Userinnen zum weltweit gemeinsamen Editieren

Innerhalb der Wikipedia-Welt gelten Regeln. Es gibt beispielsweise Relevanzkriterien, anhand derer festgelegt wird, ab wann eine Person eine Erwähnung verdient. Das ist der Fall, wenn jemand - nach einer doch eher schwammigen Definition - eine breite Öffentlichkeitswirkung hat und "nach sinnvollem Ermessen auch zeitüberdauernd von Bedeutung" sein wird. Der Genderstern ist nur in Eigennamen und in Zitaten erlaubt, ansonsten gilt das generische Maskulinum. Wäre es, wenn einem all das wichtig ist, nicht konsequenter, für eine andere Enzyklopädie zu schreiben als für Wikipedia? Natürlich gebe es, sagt Königshofen, auch feministische Enzyklopädien wie etwa die englischsprachige Seite thisisgendered.org, aber die würden eben bei Weitem nicht so geklickt.

Obwohl sich die drei Wikipedianerinnen an die vorgegebenen Regeln halten und im Rahmen der Workshops schon rund 70 Artikel veröffentlicht wurden, kommt es immer wieder vor, dass für Artikel eine Löschung gefordert wird. Ein solches Verfahren kann theoretisch jede und jeder der rund eine Million Nutzer beantragen. Meist ist der Grund vermeintlich fehlende Relevanz. Da helfe es, so Schmedes, sich Verbündete zu suchen. Nur so hätten sie es geschafft, dass ein Artikel über die feministisch-aktivistische Gruppe Feel Tank Chicago nicht gelöscht wurde. Bei einem Artikel, den eine Teilnehmerin über die Journalistin und Soziologin Carolin Wiedemann geschrieben hatte, hatten sie weniger Erfolg.

Schmedes, Wassermeier und Königshofen sind keineswegs die Ersten oder Einzigen, die versuchen, die hierarchischen Strukturen von Wikipedia aufzubrechen: Regelmäßig finden seit Jahren weltweit sogenannte Edit-a-thons statt, Veranstaltungen, bei denen sich Userinnen zum gemeinsamen Editieren treffen. Das Schreib-Projekt "Women in Red" führt eine Liste mit Frauen, die nach den Relevanzkriterien von Wikipedia zwar einen eigenen Artikel verdient hätten, aber noch keinen haben. Auf der persönlichen Liste der drei jungen Frauen stehen aktuell die Soziologin und Philosophin Denise Ferreira da Silva sowie die Filmemacherin Su Friedrich.

Selbst Artikel zu verfassen ist übrigens einfach: Man muss sich lediglich einen Account anlegen. Wer viel editiert, steigt auf in der Hierarchie. Zu den dabei relevanten Aktionen zählt auch, einen Genderstern aus einem Artikel zu entfernen. Auch deshalb nutzen ihn die drei bei Wikipedia nicht - die Gegner gendergerechter Sprache sollen nicht durch ein solches Entfernen noch mehr Macht bekommen. Seitens Wikimedia Deutschland heißt es dazu: Ein Punktesystem für die Bearbeitung von Artikeln gebe es im eigentlichen Sinn nicht, allerdings würden bestimmte Rechte an Nutzer abhängig von der Anzahl durchgeführter Bearbeitungen vergeben. "Hierbei ist der Gegenstand der Bearbeitung unerheblich, jede Bearbeitung wird automatisch mitgezählt."

"Wir bieten nur den Raum zum Ausprobieren und helfen, die anfängliche Scheu zu überwinden."

Schmedes, Wassermeier und Königshofen geht es um Sichtbarkeit und Vielfalt. Allerdings, das müssen sie zugeben: Die Diversität der Teilnehmer ist auch in ihren Schreibwerkstätten ausbaufähig. Es haben bislang nahezu ausschließlich Studentinnen teilgenommen, sprich: Frauen und Akademikerinnen. Das sei ihnen, sagt Wassermeier, durchaus bewusst, doch derzeit übersteige es ihre Kapazitäten, gezielt andere Gruppen anzusprechen. Immerhin verdienen sie mit der Schreibwerkstatt kein Geld. Das solle auch so bleiben, sagt Wassermeier. "Was wir da vermitteln, kann sich theoretisch jede Person auch selbst beibringen. Wir bieten nur den Raum zum Ausprobieren und helfen, die anfängliche Scheu zu überwinden."

Weil aller Anfang schwer ist und ein selbst geschriebener Artikel gut recherchiert sein will, empfehlen die drei Neulingen, englische Artikel ins Deutsche zu übersetzen. Denn auch das ist wichtig, um für mehr Sichtbarkeit zu sorgen. Selbst eine Übersetzung dauert aber ihre Zeit, denn die Quellen müssen ja trotzdem geprüft werden, und so ist noch kein Artikel der Teilnehmerinnen nach den drei Stunden Workshop fertig. Trotzdem geht am Ende ein neuer Artikel online. Schmedes hat ihn über Vicki Kirby, eine australische Anthropologin, verfasst. Kirby ist eine Frau. In den Kategorien, die man wählen kann zur Einordnung in eine inhaltliche Systematik, kann Schmedes trotzdem nur "Kulturwissenschaftler" auswählen.

Bleibt die Frage: Ist Wikipedia repräsentativ für die Gesellschaft? "Ich hoffe ehrlich gesagt, dass wir gesamtgesellschaftlich schon ein bisschen weiter sind", sagt Wassermeier.

© SZ/tyc
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