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Fernsehfilm und Serien:Kleine Bombe

Annette Hess

Drehbuchautorin Annette Hess: Angetreten mit "sechs Punkten und einer gewissen Radikalität".

(Foto: Britta Pedersen/picture alliance/dpa)

"Kontrakt 18", eine Initiative von Drehbuchautoren, sorgte vor drei Jahren für einigen Wirbel. Was aus den Forderungen geworden ist, erzählt Annette Hess, die "Ku'damm 56" geschrieben hat.

Von Susan Vahabzadeh

"Es ist sehr schwer, aus einem schlechten Drehbuch einen guten Film zu machen. Umgekehrt ist das schon einfacher", hat Billy Wilder mal gesagt. Das ist ziemlich lange her, und doch hat es sich immer noch nicht bis in den letzten Winkel der Filmbranche herumgesprochen. Vor etwa drei Jahren, am 24. Mai 2018, trafen sich ungefähr 30 Drehbuchautoren und verabschiedeten den "Kontrakt 18" - seither sind es nur noch die allerentlegensten Winkel.

Annette Hess war dabei, die Autorin unter anderem von Ku'damm 56 und leitete den Writers' Room der kürzlich bei Amazon Prime angelaufenen Serie Wir Kinder vom Bahnhof Zoo - und sie hat auch die Initiative mitgegründet, die hinter "Kontrakt 18" steht. Zu den Unterzeichnern zählen Johannes Betz, Heide Schwochow, David Safier, Dorothee Schön, David Ungureit und viele mehr, die im deutschen Fernsehfilm- und Seriengeschäft einen Namen haben.

"Wir wollten die Willkür durchbrechen, mit der teilweise mit unserer Arbeit umgegangen wurde."

Bei vier der sechs Punkte, die sich die Unterzeichner seit damals in all ihre Verträge schreiben lassen wollen, geht es ums Dabeiseindürfen - bei der Auswahl der Regie, Proben, der Abnahme des Schnitts und allen öffentlichen Terminen, wenn der Film fertig ist. Punkt eins ist der wichtigste: Ein Autor oder eine Autorin verantwortet ihr Projekt - das soll verhindern, dass jemand einer Produktion einen Stoff bringt, dann aber einfach herausgedrängt wird. Und der letzte Punkt ist die Solidarität, die Punkt eins erfordert: Keiner der Unterzeichner übernimmt das Buch eines anderen Autors oder einer Autorin gegen deren Willen.

'Wir Kinder vom Bahnhof Zoo' (WKBZ)

"Die Zeiten, in denen ein Einzelner ein Drehbuch schreibt, sind im Serien-Boom vorbei": Bei der Amazon-Serie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" war Annette Hess Headautorin.

(Foto: Mike Kraus / Soap Images / mike@)

"Als wir angetreten sind mit unseren sechs Punkten und einer gewissen Radikalität - weil wir ja gesagt haben, wir schließen keine anderen Verträge mehr ab -, hat das eingeschlagen wie eine Bombe. In der Branche war ,Kontrakt 18' Gesprächsthema Nummer eins", sagt Annette Hess heute. Es machen inzwischen viele Autoren mit: "Wir sind, Stand heute, 180 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner. Inzwischen haben wir eine juristische Vertretung, die die Autorinnen und Autoren unterstützt, die Probleme haben, unsere Forderungen in ihrem Vertrag umzusetzen - das waren bisher ungefähr zehn bis 15 Fälle pro Jahr." Es geht da oft um dasselbe. Der Autor hatte eine Idee, und dann kommt der Regisseur oder die Regisseurin und verlangt die Deutungshoheit über den Stoff. "Wir haben gesagt: Wir wollen auf Augenhöhe arbeiten. Und wir wollten die Willkür durchbrechen, mit der teilweise mit unserer Arbeit umgegangen wurde ", sagt Annette Hess.

Mit den neuen Serienformaten kommen auch neue Probleme für Autoren auf den deutschen Markt

Sie glaubt, dass das Timing für "Kontrakt 18" perfekt war: "Wir haben zum richtigen Zeitpunkt eine Trendwende eingeleitet, was die fehlende Wertschätzung von Autoren und Autorinnen angeht - weil sich der Markt gerade radikal verändert hat. Die Serien, vor allem vom amerikanischen Markt, die Streamingdienste sind hier angekommen, und es wird inzwischen auch in Deutschland verstanden, dass die Qualität einer Serie in erster Linie von den Autoren und Autorinnen abhängt."

In den USA ist der Markt riesig und die Autorengewerkschaft mächtig- sie regelt Bezahlung und wer im Abspann genannt wird, wenn nach und nach ganze Teams von Autoren am selben Drehbuch gewerkelt haben. Wahrscheinlich würden dennoch die meisten amerikanischen Autoren behaupten, dass auch sie nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst werden und oft an Büchern arbeiten, für die sie keinen Credit, keine namentliche Nennung, bekommen. Mit den neuen Serienformaten kommen deshalb auch neue Probleme mit auf den deutschen Markt.

Bei "Kontrakt 18", erzählt sie, versucht man gerade, die neuen Berufsbilder zu definieren - was ein Head Writer ist und was es heißt, Staff Writer zu sein. Erst einmal muss man ja klären, was genau diese Zuordnungen bedeuten, bevor man Regeln aufstellen kann, wer in einem Autorenteam wie bezahlt wird und wer welche Kompetenzen hat. Denn die Zeiten, wo ein Drehbuch von einem einzigen Menschen in seiner Schreibstube ersonnen wurde, sind im Serien-Boom vorbei.

"Geschichten sind ja keine mathematische Gleichung, in der es nur richtig oder falsch gibt."

Es hat natürlich auch Ängste gegeben in der Branche, dass die Bindung an den Kontrakt die Arbeit an Projekten erschwert. Und außerdem geben die, die Macht haben, nie gerne etwas davon ab. Aber letztlich zählt ja das Ergebnis. Und Annette Hess hat "Kontrakt 18" vor allem deswegen mit ins Leben gerufen, weil sie vorher schon die Erfahrung gemacht hatte, dass die sechs Punkte das Endergebnis besser machen: Bei Ku'damm 56 hatte sie das künstlerische Mitspracherecht im Vertrag verankert. "Das hat zu einer absolut entspannten Arbeit geführt. Geschichten sind ja keine mathematische Gleichung, in der es nur richtig oder falsch gibt. Vieles wird subjektiv wahrgenommen. Das führt manchmal dazu, dass Veränderungen gewünscht werden, nur um Macht zu demonstrieren." Es sind noch lange nicht alle deutschen Autoren dabei, die Sender und Produzenten haben aber Richtlinien erstellt und beste Absichten versichert. "Diese Leitlinien klingen uns aber noch zu sehr nach Lippenbekenntnissen oder Aufweichungen", sagt Annette Hess. Das bedeutet für "Kontrakt 18": weitermachen. Im Namen der guten Geschichten.

© SZ/tyc
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