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ZDF-Dreiteiler "Unterleuten":"Da prallen Welten aufeinander, die doch zusammengehören sollen"

Unterleuten - Das zerrissene Dorf

Mina Tander auf sinnlicher Mission, so beschreibt Regisseur Matti Geschonneck diese Szene aus seinem Film "Unterleuten".

(Foto: Stefan Erhard/ZDF)

Der Regisseur Matti Geschonneck hat den großen Gesellschaftsroman "Unterleuten" von Juli Zeh für das ZDF verfilmt. Ein Gespräch über Ossis, Wessis und die Windkraft.

Er ist ein bescheidener Mensch, ein eher leiser Typ, aber was für ein Beobachter. Matti Geschonneck, 67, macht seit den frühen Neunzigern Fernseh- und Kinofilme, oft Krimis, aber auch Zeitgeschichtliches. Der Sohn des großen DDR-Schauspielers Erwin Geschonneck hat nun aus dem Bestseller "Unterleuten" von Juli Zeh einen prominent besetzten Dreiteiler fürs ZDF gemacht. In einem Lokal in Berlin-Mitte erzählt er, warum man heute nicht nur lauter Serien braucht, wie man Schauspieler zu Höchstleistungen bringt und was er von Windkraft hält.

SZ: Herr Geschonneck, "Unterleuten" von Juli Zeh war ein großer Bucherfolg, wollten Sie deshalb den Roman verfilmen?

Matti Geschonneck: Nein, ich war damals, 2016, in Vorbereitungen für die Verfilmung des Romans "In Zeiten des abnehmenden Lichts". Eines Tages kam Reinhold Elschot vom ZDF zu mir: "Du musst dringend 'Unterleuten' lesen!" Es ist ja ein recht dickes Buch, und ich lese nicht schnell. "Wir wollen das unbedingt machen", insistierte er. Es fiel mir dann doch leicht, denn das Buch war sehr spannend und außergewöhnlich - dass daraus ein Film werden sollte, lag auf der Hand.

Warum?

Weil es ein echter Dorfroman ist, mit komplexen Charakteren. Und er erzählt von unserem Land. Da prallen Welten aufeinander, die doch zusammengehören sollen. Die Gegend, in der er spielt, die kannte ich.

Sie sind ja Berliner, Großstädter ...

Ja, aber seit meiner Kindheit ist mir das Berliner Umland vertraut, eben Brandenburg, Kinder- und Pionierferienlager ... Vieles hat sich verändert, aber so ganz anders sieht es heute auch nicht aus.

Bis auf die Windräder!

Richtig, aber abgesehen davon ist es ein schönes Land. Und dieser spröde Charakter hat auch mit seiner Geschichte zu tun, bestimmt auch mit den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges, den Hungersnöten, Seuchen. Die Landschaft, die Kargheit, die Armut, da gibt es viele Konstanten über die Zeit.

Das Buch erzählt, wie ein Dorf auseinanderbricht, als die große Windradhysterie ausbricht. Hat Sie diese Zerfallsgeschichte besonders gereizt?

Ich weiß gar nicht, ob es wirklich ein Zerfall ist. Als ich das Buch las, mochte ich zunächst mal die Figuren sehr, vor allem den Gombrowski. Der Mann, den alle im Dorf fürchten. Er kommt ja aus einer Gutsbesitzerfamilie, und die wird dann in der DDR enteignet. Aber er geht nicht in den Westen, wird sogar LPG-Vorsitzender. Nach der Wende gründet er die Ökologika, geschäftstüchtig, für sein Dorf Unterleuten! Und dann gibt es da seinen Widersacher, Kron, der unverbesserliche Kommunist, der im Gegensatz zu Gombrowski nichts von Landwirtschaft versteht. Dieser Urkonflikt spaltet das Dorf, und doch bedingen die beiden einander. Archaische Figuren.

Wie war denn die Zusammenarbeit mit Juli Zeh, die dafür bekannt ist, sehr für ihre Geschichten zu kämpfen?

Wir hatten anfangs ein eher sachliches Gespräch. Ich habe ihr gesagt, was ich von der Geschichte halte: dass ich die von der Struktur her als eine Art Western sehe. Da wird die Eisenbahn gebaut, hier sind es die Windräder. Als wir Juli Zeh den ersten Teil im Rohschnitt gezeigt haben, hat sie sich neunzig Minuten lang nicht bewegt. Eine sehr lange Zeit ... Dann ging sie wortlos raus, eisige Stille. Auf dem Flur begegneten wir uns, sie kam auf mich zu und umarmte mich - wie ein Schraubstock.

Netflix hätte aus dem Stoff sicher eine große Serie gemacht. Warum Sie nicht?

Wir fanden das klassische Format des Dreiteilers angemessen. Viele meinen, man kann heute nur noch Serien machen, um eine Geschichte zu erzählen, weil die jungen Zuschauer das angeblich fordern. Ich weiß nicht.

Vielleicht finden es einige Zuschauer zur Abwechslung ganz angenehm.

Das könnte sein.

Bei Ihrem Film In Zeiten des abnehmenden Lichts, der in der Spätphase der DDR spielt, haben Sie die Rolle des Kommunisten Wilhelm Powileit einem Schweizer anvertraut - Bruno Ganz. Jetzt setzen Sie in Unterleuten auf ostdeutsche Darsteller bei den ostdeutschen Figuren. Warum?

Nun, das mit Bruno Ganz ist eine eigene Geschichte, zumal er ja dem deutschen Publikum vor allem durch seine Rolle als Hitler in Der Untergang bekannt war. Die Schauspieler, die diesen alten Kommunisten hätten spielen können, gab es nicht mehr. Es hätte eigentlich auch mein Vater sein können. Jedenfalls habe ich mich sehr an ihm orientiert, als wir den Film machten. Das wusste auch Bruno Ganz, der ein Glücksfall war, für den Film und für mich. Bei Unterleuten hatte ich dagegen sehr schnell eine Besetzung im Kopf. Die ostdeutschen Schauspieler stellten sich von selber ein.

Ihr Vater Erwin Geschonneck war einer der beliebtesten Schauspieler der DDR. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?

Mein Vater war in drei Konzentrationslagern inhaftiert. 1939 ist er noch vor Kriegsbeginn verhaftet worden und überlebte dann am 3. Mai 1945 den Untergang des Luxusdampfers Cap Arcona, auf den die SS mehr als 4000 KZ-Häftlinge gesperrt hatte. Später hat er als Schauspieler bei Bertolt Brecht im Berliner Ensemble Karriere gemacht, wurde ein sehr beliebter Defa-Schauspieler. Als die Mauer fiel, war er 83. Ich bin ja nicht bei ihm groß geworden. Es war für ihn unvorstellbar, dass einer mit seinem Namen in den Westen geht - so wie ich das 1978, nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann, getan habe. Nach dem Mauerfall aber haben wir uns angenähert, 1995 sogar seinen letzten Film zusammen gedreht, Matulla und Busch, nach einem Drehbuch von Ulrich Plenzdorf. Ein großes Geschenk für uns beide! Auch die Jahre danach, bis zu seinem Tod 2008.

Er war damals schon 88 - und noch fit?

Na ja, körperlich nicht ganz so, aber unglaublich diszipliniert, total auf den Regisseur fixiert. Da mein Vater sehr gerne sang, durfte er in dem Film auch mit "Schiebermax, der Nuttenkönig, ist ein wahres Tanzgenie ..." aufwarten.

Können Sie sich als Regisseur die Schauspieler eigentlich selbst aussuchen?

Ja, schon. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir eine Besetzung mal aufgezwungen wurde. Ich hätte das auch nicht mitgemacht. Aber Besetzungsvorschläge müssen ja nicht immer schlecht sein.

Matti Geschonneck

Leiser Typ: Matti Geschonneck.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Können Sie sich das leisten, weil Sie einen Namen haben, oder weil Sie Ihr Ding machen, ohne Rücksicht auf die Quote?

Was heißt leisten? Ich kann auch nicht "mein eigenes Ding" machen. Das will ich gar nicht. Es heißt nicht "Ein Film von Matti Geschonneck". Bei den Stoffen, die ich mache, bin ich in ihre Entstehung involviert, meist zusammen mit mir vertrauten Autoren und Produzenten. Bei Unterleuten war es tatsächlich anders, da kam das Buch zu mir. Trotzdem muss ich mir die Geschichte, ihre Figuren zu eigen machen, mich von der Vorlage entfernen, um schließlich wieder zu ihr zurückzukehren. Der Respekt vor der Leistung der beiden Autoren, Juli Zeh und Magnus Vattrodt, des Drehbuchautors, spielt für mich dabei eine große Rolle. Und selbstverständlich will ich, dass unser Film erfolgreich ist.

Und die Schauspieler hatten Sie beim Lesen schon im Kopf?

Ja. Thomas Thieme und Hermann Beyer sofort! Sie sind für mich, sozusagen, das Gerüst des Films. Unverwechselbare Charaktere. Sie sind Unterleuten, besser: Sie waren Unterleuten. Und bei Dagmar Manzel und Christine Schorn musste ich ebenfalls nicht lange nachdenken. Charly Hübner war für mich als Schaller gesetzt. Ich mochte sowieso alle Schauspieler!

Die Wessis im Film werden von westdeutschen Schauspielern dargestellt. Sind wir doch noch ein geteiltes Land?

Das würde ich nun nicht an unserer Besetzung festmachen wollen. Aber es ist schon spürbar, wenn die Schauspieler sich mit ihren Figuren identifizieren, wissen, was und wen sie da verkörpern, wenn sie selbst Erlebtes reflektieren. Letztlich sind es aber Schauspieler! So auch Alexander Held, der den Investor Meiler spielt. Ein Selfmade-Millionär aus der bayerischen Provinz, der vielleicht mal mit einer Tankstelle angefangen hat. Einer, dem das Land Brandenburg egal ist, das er gerade zum Preis einer Butterbrezn aufkauft.

Im Film gibt es einen sehr komischen Moment: Wie die Vertreterin der Windenergiegesellschaft, die auch noch Frau Pilz heißt, sich an ein gigantisches Windrad auf freiem Feld schmiegt, es geradezu liebkost - eine Fetischszene?

Na ja, diese Frau Pilz, Mina Tander, identifiziert sich so sehr mit ihrer Aufgabe, dass die zu einer metaphysischen, sinnlichen Mission wird. Das lässt den Mann, der den Deal mit ihr machen will, einen Moment lang teilhaben: zwei einsame, tragikomische Figuren, die eine Nacht im Hotelzimmer verbringen, wobei die Geschäftsbedingungen klar sind: "Kein Sex, nur Alkohol!"

Das Thema Energiewende ist hochaktuell, in vielen Teilen Deutschlands streiten die Menschen erbittert um Windräder. Wie stehen Sie dazu?

Windkraft ist prima - aber nicht in meinem Vorgarten! Man will allerdings saubere Luft haben, überhaupt ein gesundes Klima. Ökologische Landwirtschaft, Artenschutz - gerne! Aber möglichst zum Nulltarif. Das Thema wird zum Problem, wenn es die eigenen vier Wände erreicht.

In Bayern wurden 2018 gerade mal acht Windräder genehmigt. Das sollen gefälligst die Ossis übernehmen, damit die schöne Landschaft zwischen Berchtesgaden und Lindau nicht versaut wird.

Genau, und dazu kommt noch einer wie Dr. Fließ nach Unterleuten, der den Kampfläufer und den Feldhamster schützen will. In dem Moment, wo die Rotorblätter in Sichtweite seines Hauses sind, ist es aus mit der Energiewende.

Im Film kämpft jeder für sich und seine Interessen. Ist das ein Spiegelbild der deutschen Wirklichkeit 2020?

Ich würde sagen: Jeder glaubt sich im Recht. Jeder hat seine Gründe. Ein Dilemma unserer kostbaren, fragilen Demokratie. Ich verstehe jeden Einzelnen, zumindest die in Unterleuten.

Ist Unterleuten ein Nachwendefilm?

Eher ein Heimatfilm, auch die Geschichte einer Ablösung. Eine für mich entscheidende Szene findet gegen Ende statt, als sich Gombrowski und Kron ein letztes Mal treffen. Kron sagt: "Ich bin kein Kommunist mehr. Und du bist kein Bauer mehr." Darauf Gombrowski: "So sieht's aus." Damit endet das lebenslange Duell der beiden Protagonisten. Die Zeit der alten Männer ist vorbei. Trotzdem entlässt die Geschichte den Zuschauer, denke ich, in einer Atmosphäre positiver Melancholie.

Als Dr. Fließ, der Berlin-Flüchtling, mit seiner jungen Familie sein Glück in Unterleuten partout nicht findet, staut sich bei ihm eine gefährliche Aggression an. Wie inszeniert man die Enthemmung eines vermeintlichen Gutmenschen?

Dazu braucht es einen Schauspieler wie Ulrich Noethen, der den Fließ spielt. Am Ende sitzt er am Boden, nach der Katastrophe: "Ich weiß jetzt, warum die Leute Gewalt so toll finden: weil Gewalt funktioniert." Eine Art Läuterung. Nun könnte man darüber spekulieren, warum einer so wird, der eigentlich die Natur schützen und Gutes für die Gemeinschaft tun will. Vielleicht hat es mit dem Frust zu tun, unter seinen beruflichen Erwartungen geblieben zu sein, vielleicht mit seinem latenten Hass auf sich selbst.

Wie bringt man Schauspieler zu solchen Leistungen?

Handwerk, Intuition, Empathie, Respekt. Es hat nichts mit Magie zu tun. Ich muss dem Schauspieler das Gefühl vermitteln, dass er gemeint ist, dass er sich gesehen fühlt, dass ich es ernst mit der Arbeit und mit ihm meine. Und wenn dann die Figur sich selbständig macht, ihr Eigenleben entwickelt, die Geschichte übernommen hat, wird man belohnt.

Unterleuten, ZDF, am 9., 11. und 12. März um 20.15 Uhr und in der Mediathek.

© SZ vom 06.03.2020/luch
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