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Dokumentation auf Arte:Einer fühlt sich immer angegriffen

Dicktatorship

Es gibt in Italien nicht unbedingt mehr Sexismus als anderswo, man sieht ihn womöglich nur öfter. Die Macher von Dicktatorship, Luca Ragazzi (links) und Gustav Hofer.

(Foto: déjà vu Filmverleih)

"Dicktatorship" von Luca Ragazzi und Gustav Hofer handelt vom überholten Idealbild der Hypermännlichkeit. Was die Filmemacher am Beispiel Italien erklären, ist universell.

Italien ist besessen vom Penis. Sagt sich so leicht dahin. Aber wenn man sieht, wie ein hölzerner Riesenphallus in einer Prozession durch ein Bergdorf getragen wird, glaubt man den Satz. Es sind Szenen aus einer Doku, Dicktatorship heißt der Film, ein Wortspiel mit dem englischen Wort für Penis. Im Italienischen gibt es dafür übrigens 887, sagen die Filmemacher.

Wer Luca Ragazzi und Gustav Hofer in ihrer Wohnung besucht, ist gleich dort, wo ihre Filme beginnen. Die beiden Journalisten wohnen mitten in Rom, zehn Minuten zu Fuß vom Kolosseum. Zwei Arbeitszimmer, die Regale voller Bücher, Filme und Krimskrams, das Schlafzimmer mit dem selbstgebauten Bett, der Esstisch: wie im Film. Es gibt Brownies und Espresso, die Tassen mit Beefeater-Motiv haben Freunde aus London mitgebracht, und für die kalten Füße Hausschuhe aus Südtirol. Das ist die Heimat von Gustav Hofer, 43 Jahre alt, auch als Moderator bei Arte zu sehen. Luca Ragazzi, 49, Filmkritiker, ist Römer. Beide tragen Brille, der eine die Haare länger und heller, der andere kürzer und dunkler. Seit 20 Jahren sind sie ein Paar, privat und auch beruflich.

Dicktatorship ist ihre vierte Dokumentation. Nähe zulassen, sich selbst zeigen - das gehörte vom ersten Film an dazu. Die erste Szene: Zwei Männer sitzen auf einer Bank und halten sich im Arm, der Verkehr rauscht vorbei, hinter ihnen Ruinen und der Circus Maximus. "Das ist die Geschichte von Gustav und Luca, oder besser: Luca und Gustav, wie ihre Freunde sagen, weil es besser klingt", sagt die Stimme der Erzählerin. 2008 war das, der Film hieß Improvvisamente l'inverno scorso (Plötzlich letzten Winter), es ging um die Situation von Homosexuellen in Italien, an ihrem eigenen Beispiel. Das ist geblieben: Immer erzählen sie eine Geschichte von Luca und Gustav. Und immer ein Stück Italien.

2011 verhandelten sie in Italy, Love it or Leave it, ihrem vielleicht lustigsten Film, über ihr Land. Kann man da überhaupt noch leben, trotz politischer und wirtschaftlicher Krisen? Hofer wollte nach Berlin ziehen, Ragazzi ihn von Italien überzeugen. Es wurde ein Roadtrip, und am Ende blieben sie. 2013 untersuchten sie in What is Left? die italienische Linke und was aus ihr geworden ist, wieder mit einem englischen Wortspiel im Titel.

"Wo Sexismus ist, da ist auch Homophobie", sagt Ragazzi

In Dicktatorship geht es nun um Sexismus, Gewalt gegen Frauen und männliche Macht. Entstanden ist die Doku, weil sie sahen, wie auf Social Media die Hasskommentare gegen Frauen zunahmen, "wie diese Misogynie immer offener auftritt", sagt Hofer. Und das trifft sie persönlich. "Wo Sexismus ist, da ist auch Homophobie", sagt Ragazzi. Wie beides zusammenhängt? Im Hass, den Männer auf Frauen haben, sagt er. "Was Männer an Schwulen hassen, ist das 'Weibische', das, was sie als 'effeminiert' wahrnehmen."

Im Film nehmen sie sich Medien, Bildungssystem, Politik, Kirche und Familie vor. Wieder fahren sie durch die Gegend, nach Mailand, Venedig und Barcelona. Sie sprechen mit Wissenschaftlern, Politikern und Intellektuellen, mit Jugendlichen. Mit einem Friseur, der als Transmann berichten kann, wie seine Realität jetzt aussieht im Vergleich zu früher, als er noch als Frau galt: Dass er nun mehr verdient und seine Sätze endlich zu Ende sprechen darf. Natürlich geht es auch um das Klischee vom italienischen Mann als Latin Lover, von dem angeblich die ganze Welt träumt. Hofer und Ragazzi befragen den Pornodarsteller Rocco Siffredi, und was er über die vermeintliche Unterwerfung der Frauen zu erzählen hat, stimmt überraschenderweise überein mit dem, was katholische Fundamentalisten von "Il Popolo della Famiglia" sagen.

Am Anfang war es schwierig, Geldgeber für Dicktatorship zu finden, sagen die Filmemacher. Das Patriarchat sei doch nun wirklich kein Thema mehr, hörten sie. Dann kamen Harvey Weinstein und MeToo, und auf einmal war das Interesse da. Sie zeigen am Beispiel Italien etwas, das universell ist. Das hält ihre Filme zusammen, sie erklären das Land, wie es niemandem sonst gelingt. Eine Erkenntnis von Dicktatorship: Es gibt in Italien nicht unbedingt mehr Sexismus als anderswo. Man sieht ihn nur womöglich mehr. Da ist das von Stereotypen bevölkerte Fernsehen, das Klischee der italienischen Mamma, da waren zwanzig Jahre Faschismus und zwanzig Jahre Silvio Berlusconi, wobei, sagt Ragazzi: "Eigentlich vierzig Jahre." Schließlich sei Berlusconi schon seit den Siebzigern "in die Köpfe der Italiener gekrochen" und habe über seine Fernsehsender die Ideale und Vorstellungen geprägt.

Mindestens ein Mann im Publikum fühlt sich bei jeder Vorführung angegriffen

Es gibt Unterschiede zwischen Italien und Deutschland, "aber so stark sind die nicht", sagt Hofer. Vor allem, wenn man sich die Zahlen anschaut, den Lohnunterschied, die Führungspositionen, die Erwerbstätigkeitsquote. Und vor allem: die Gewalt. In Italien bringt jeden zweiten Tag ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin um, in Deutschland mehr als jeden dritten. "Wir haben uns in Italien sogar ein eigenes Wort dafür einfallen lassen", ruft Ragazzi aus der Küche, er plätschert am Spülbecken. Femminicidio. In Deutschland hat die Debatte darüber erst später begonnen.

Im Film kommt ein Mann zu Wort, der gewalttätig ist und sich helfen lassen möchte. Da wird das Thema Mord an Frauen angedeutet, es wäre zu schwer gewesen, noch weiter zu gehen und danach wieder zu einem lockeren Ton zurückzufinden. Ihre Filme sollen immer auch lustig und unterhaltsam sein, Ironie und Dokumentarisches verbinden. Ragazzi nennt Michael Moore als Vorbild. Ihre Dialoge sind improvisiert, sie legen nur das Thema fest. "Merkel ist eine Frau mit Eiern", sagt Ragazzi dann, und Hofer: "Unglaublich sexistisch!" Sie arbeiten mit Animationen und Archivmaterial aus dem Fernsehen, viele Absurditäten, die sonst womöglich unbemerkt versendet wären. Und mit einer Rollenzuweisung: Der eine behauptet etwas, der andere widerspricht. In Dicktatorship spielt Ragazzi den ungläubigen Mann, Hofer will ihm die Augen öffnen. Ganz kauft man ihnen das nicht ab, "besser so", sagt Ragazzi. Es ist eben ein Spiel. Im echten Leben, sagt er, sind sie als Schwule nun mal Außenseiter, und das ist ihnen bewusst. Hofer hat Mandarinen an den Tisch gebracht, er redet dazwischen, "die sind biologisch, sehen nicht so schön aus, schmecken aber sehr gut!" Und Ragazzi: "Liebling, unterbrich mich nicht immer!"

Auch das ist in ihren Filmen so: Gezanke vor Zuschauern, spielerisches Hin und Her. Jedenfalls, erzählt Ragazzi weiter, gibt es bei jeder Vorführung, egal ob in Chile oder Norwegen, mindestens einen Mann im Publikum, der sich angegriffen fühlt. Der es nicht gewohnt ist, als Teil einer Gruppe gesehen zu werden und nicht als Individuum. Der steht dann auf und fragt: Was ist mit der Gewalt von Frauen gegen Männern? "Als ob das das wahre Problem wäre", sagt Ragazzi. Er streicht seinem Mann die Haare aus dem Gesicht.

Durch ihre Arbeit hat sich auch ihre eigene Wahrnehmung geändert

Die größte Überraschung bei den Recherchen war, sagen beide, wie offen Frauenfeindlichkeit auftaucht. Besonders im Gedächtnis geblieben sind ihnen die Interviews mit Schülern. Für manche wäre es ein Problem, wenn ihr Sohn mit Barbies spielt. "Der sollte so männlich und viril wie möglich sein", sagt einer der Befragten. Ein Mädchen dagegen darf gern auch burschikos sein. Viril, das ist so ein Wort, das im Film immer wieder auftaucht, es ist im Italienischen viel gebräuchlicher als im Deutschen. Hypermännlich also. Ein weibliches Äquivalent gibt es nicht. Dass das Ideal vom virilen Mann ein Käfig ist, aus dem man sich befreien kann, darum geht es ihnen. Dass es jetzt mal an der Zeit wäre, dass Männer sich ändern.

Hofer nimmt eine Schneekugel aus dem Regal, mit einem Gugelhupf darin, lässt den Puderzucker regnen. Wird es nicht manchmal zu privat? Hofer sagt: "Das Private ist politisch." Ragazzi sagt: "Für mich ist meine Privatsphäre schon ein Thema." Am Anfang war er sehr offen vor der Kamera, sie dachten ja nicht, dass das viele sehen würden. Dann bekam ihr erster Film aber gleich eine Auszeichnung auf der Berlinale. Heute findet er: Man muss nicht alles zeigen. Vor der Kamera verzichten sie auf ihre Kosenamen.

Das Unsichtbare sichtbar machen, darum geht es ihnen bei Dicktatorship. Durch die Arbeit daran hat sich für ihn einiges verändert, sagt Ragazzi. Ihm fällt es jetzt sofort auf, wenn wieder nur Männer in einer Talkshow sitzen. Neulich hat er eine Apothekerin bewusst gesiezt. Früher hätte er einfach drauflosgeduzt, ohne drüber nachzudenken. "Es ist, als hätte ich jetzt eine Brille auf, die ich nicht mehr ablegen kann."

Dicktatorship - Machos made in Italy. Arte, Mittwoch, 21.55 Uhr, und in der Mediathek.

© SZ vom 29.02.2020

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