TV-Kritik zu ARD-Doku "Schattenwelt BND" "Wir sind die Guten"

Der BND-Neubau Berlin. Wer bespitzelt wen?

(Foto: SWR)

Lange Flure und sprechende Köpfe: Eine ARD-Dokumentation über den BND bringt wenig Licht ins Dunkel. Dabei deutet der Film sogar an, dass es durchaus Erhellendes zu berichten gäbe.

Von Annette Ramelsberger

Wer es schafft, bis zur 89. Minute durchzuhalten, der hört den gerade in den Ruhestand versetzten BND-Präsidenten Gerhard Schindler den schönen Satz sagen: "Wir sind die Guten."

Und am Ende dieser Dokumentation über das Schattenreich des BND ist man geneigt, es zumindest für das kleinere Übel zu halten, wenn der deutsche Geheimdienst die eigenen Daten in die Finger bekommt und nicht die amerikanische Konkurrenz NSA oder die anderen großen Player auf dem universellen Datenmarkt: Amazon, Facebook und Google.

Denn in Deutschland gibt es zumindest so etwas wie Kontrolle über den Bundesnachrichtendienst, auch wenn sie löchrig ist und viel zu wenig ausgeprägt.

Aber über jene Datensammler, denen die User ganz freiwillig die Informationen darüber ausliefern, was sie kaufen, was sie denken, was sie fühlen und wen sie lieben, darüber geht dieser Film beiläufig hinweg. Dabei dürfte diese Gefahr in Zukunft sehr viel ausgeprägter sein als jede Datensammlung eines staatlichen Geheimdienstes bisher.

Oft bleibt der Film im Ungefähren und setzt auf sprechende Köpfe

Dafür steigt der Film von ARD-Chefredakteur Rainald Becker und dem Dokumentarfilmer Christian Schulz tief ein in das gespaltene Verhältnis von NSA und BND, dem großen und dem kleinen Bruder der Geheimdienste, in die Abhängigkeit des deutschen Dienstes von den Amerikanern, und verliert sich dann in einer fast vollständigen Aufzählung der BND-Verfehlungen der vergangenen 15 Jahre.

Wer einen "James Bond"-Film aus dem deutschen Vorgarten erwartet, täuscht sich. Der Film ist eine Leistungsschau journalistischen Fleißes, die aber nur noch sehr spezialisierte Kenner und Liebhaber der Materie in ihren Bann zieht.

Denn immer dann, wenn es droht, konkret zu werden, dreht der Film ab. Bei der deutschen Quelle Curveball zum Beispiel, die den USA mit dazu diente, den Irakkrieg zu begründen und sich später als Hochstapler herausstellte. Oder auch beim Beispiel der Sauerlandzelle, die durch einen Hinweis der Amerikaner aufflog - aber auch das lässt der Film im Ungefähren.

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Lieber setzt er auf eine Parade sprechender Köpfe: vom Grünen-Geheimdienstkritiker Konstantin von Notz über allerlei Buchautoren, Whistleblower und Daten-Experten bis zum angeblichen BND-Kritiker Erich Schmidt-Eenboom, der selbst dem Dienst sehr nahestand.

Das BND-Faktotum darf suggerieren, dass neuerdings Frauen als BND-Agentenführer "mutige Agenten" davon abhalten, Risiken einzugehen, um selbst keine Schwierigkeiten zu bekommen und Karriere zu machen. So eine Analyse könnte auch im verstaubten Aktenschrank eines BND-Auswerters liegen.

Dabei hat der Film doch Material. Der Blick in den Schießkeller des BND, in die trostlosen Aufenthaltsräume in Pullach, dann die Arbeit eines BND-Residenten im kurdischen Erbil, dem man trotz Verfremdung seinen bayerischen Akzent noch anhört, und seine Fahrt an die kurdische Grenze zum Islamischen Staat - das ist aufschlussreich, gerade, wenn man die Erkenntnisse des BND dann auch einmal selbst sehen kann.

Dass der IS jetzt ferngesteuerte Autos für Anschläge nutzt, zum Beispiel. Die Analyse des BND: Dem IS gehen die Selbstmordattentäter aus. Der BND hat den Autoren einen relativ großen Spalt zu seiner Schattenwelt geöffnet. Aber offensichtlich waren für sie die Schatten viel interessanter als das, was es zu sehen gab

Schattenwelt BND - Wie viel Geheimdienst braucht Deutschland?, Arte, 19. Juli, 20.15 Uhr und ARD, 27. Juli, 22.45 Uhr.