Tatort-Nachlese Panik in der Pathologie

Ein Toter, der noch eine Massenpanik auslösen wird: Gerichtsmediziner Kreindl (Günter Franzmeier) erklärt den Kommissaren Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser), woran Kamil Daouda Maka (David Wurawa) gestorben ist.

(Foto: ARD Degeto/ORF/Epo Film/Hubert M)

Im neuen Wien-"Tatort" wird natürlich auch getötet, doch das gerät hier zur Nebensache. Was verständlich ist, wenn ein mörderisches Virus ganz Österreich bedroht.

Kolumne von Paul Katzenberger

Erkenntnis:

"Du sollst nicht töten." Das sechste biblische Gebot sei der kleinste gemeinsame Nenner der Menschheit, sagt der Täter dieses Wien-"Tatorts" an einer Stelle. Kommissarin Bibi Fellner stimmt uneingeschränkt zu, doch ganz so einfach ist es dann doch nicht. Denn der Totschläger fährt fort: "Ja, aber es gibt auch Leute, die halten es für moralisch vertretbar, wenige zu opfern, wenn man dadurch viele retten kann." Er benennt damit das moralische Dilemma, das Ferdinand von Schirach in seinem Erfolgs-Theaterstück "Terror" seziert. Die Zwangslage lässt sich leider nicht auflösen. Das weiß man schon von von Schirach, und die Tatort-Folge "Virus" kommt - auch wenn man es heimlich hofft - zu keinem anderen Ergebnis.

Darum geht's:

Ein Mann aus Afrika wird erschlagen in einem Steinbruch im ost-steiermärkischen Pöllau aufgefunden. Es gibt keine Papiere oder Hinweise darauf, wer das Opfer sein könnte. Eine Spur führt zum Steinbruch-Betreiber Thomas Reuss (Martin Niedermair), der am Vortag unbedingt eine Sprengung durchführen wollte; womöglich, um den Toten unter dem Schutt zu begraben und damit Spuren zu verwischen.

Aber dann geht's doch vor allem um...

... Thomas Reuss' älteren Bruder Albert (Andreas Kiendl), der als Arzt für Hilfsorganisationen in Westafrika gearbeitet hat und nun nach seiner Rückkehr ein Flüchtlingsheim im Pöllauer Tal betreibt. Doch Albert Reuss wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Erst stellt sich heraus, dass der Arzt den Toten aus seiner Zeit in Afrika kannte, dann, dass das Opfer mit dem Ebola-Virus infiziert war. Sofort rückt ein Seuchenkommando an, ruft den Notstand aus und setzt das ganze Dorf unter Quarantäne. Jeder könnte zum Urheber einer Massenepidemie werden - auch die Ermittler.

Bester Dialog:

Moritz Eisner, in einem ABC-Schutzanzug steckend, trifft auf dem Stadtplatz von Pöllau auf die Kollegin Bibi Fellner. Weil die sich im Rahmen der Ermittlungen mit Ebola angesteckt haben könnte, hat das Seuchenkommando sie in eine Art Plexiglas-Sarkopharg verfrachtet.

Eisner: "Bibi, wie geht's Dir?"

Fellner: "Wie's mir geht? Ist das Dein Ernst?"

Eisner: "Ja!"

Fellner: "Echt jetzt! Wie blöd kann man fragen? Wie wird's mir scho' geh'n? Leg' Dich selber in so einen Schneewitchen-Sarg! Dann weißt' es!"

Eisner: "Kann ich irgendwas für Dich tun?"

Fellner: "Moritz! Wenn Du mich weiter nervst, dann beiß i' mi' durch das Plastik und steck' Di' an!"

Top:

Österreichs filmkünstlerischer Alleskönner Markus Schleinzer beweist hier mal wieder seine schauspielerischen Fähigkeiten - in der Rolle des beflissen-machtheischenden Pöllauer Seuchenkommando-Einsatzleiters Dr. Klaus Rottensteiner. Einfach großartig, wie er den österreichischen Amtsschimmel verkörpert. Seine Amtsanmaßung scheint noch direkt aus der k. u. k.-Zeit zu stammen. Dem muss sich auf Dauer selbst ein so geachteter Ermittler wie Moritz Eisner unterwerfen.

Flop:

Als sich Thomas Reuss bei der Befragung durch die Kommissare in Widersprüche verwickelt, räumt er schließlich ein, dass sein Aufkreuzen am Tatort zu ungewöhnlicher Zeit nichts mit einem "Kontrollgang" zu tun hatte, wie zunächst behauptet. Stattdessen sei sein spätabendliches Stelldichein in der Nähe des späteren Fundorts der Leiche eine "Übersprungshandlung" gewesen, weil er als Großgrundbesitzer vor dem Konkurs stehe. Eine Argumentation, die mindestens so hanebüchen ist wie Reuss' erste Schutzbehauptung. Gleichwohl wird sie von den Kommissaren in keiner Weise hinterfragt und spielt für den Rest der Handlung keiner Rolle mehr.

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Bester Auftritt:

Dr. Kreindl (Günter Franzmeier) ist nicht nur ein überaus kompetenter Forensiker, dem die Sektion geschundener Leichen offensichtliche Freude bereitet, sondern auch manifest belesen. Im Zusammenspiel mit Chefinspektor Eisner kommen da faszinierende Beispiele männlicher Dialogkultur zustande - man könnte es auch Sexismus nennen. Kollegin Fellner findet das Ganze folglich nicht besonders amüsant. Doch der Sache nützt es sehr, wenn der Dr. Kreindl bei Laune gehalten wird.

Die Schlusspointe:

Die Kommissare haben den Fall gelöst, doch was heißt das schon? Die Gefahr einer Ebola-Epidemie mitten in Europa ist dadurch ja keineswegs gebannt. Dr. Rottensteiner, der das "Räuber-und-Gendarm-Spiel" der Strafverfolger bei dieser Gefährdungslage ohnehin für absurd hielt, setzt sich durch: Eisner und Fellner kommen in Quarantäne. Jetzt muss erst mal die Welt gerettet werden - und da stören Kommissare nur.

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