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"Tatort" aus München:Eine Stadt im Lockdown

'Tatort: Unklare Lage'

Sind sie nicht längst zu einem Wesen verwachsen? Die Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec, M) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, r) im "Tatort" "Unklare Lage".

(Foto: dpa)
  • An diesem Sonntag kommt der "Tatort" aus München.
  • In der sehr guten und dramatischen Folge "Unklare Lage" ist ein Fahrkartenkontrolleur im Bus erschossen worden und es gibt Hinweise, dass der Stadt eine Anschlagsserie droht.
  • Vieles in "Unklare Lage" hat damit zu tun, wie Angst zur Unterhaltung für Millionen Nutzer wird, die online live dabei sind.

In diesem Münchner Tatort gibt es eine Szene, in der Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) in einem Treppenhaus auf dem Boden sitzen und ahnen, dass es noch lange nicht vorbei ist. Und dann sagt Leitmayr: "Wir könnten jetzt doch einfach so sitzen bleiben." Es ist ihm völlig ernst.

Die wachsende Versteinerung der beiden Ermittler, die man seit ein paar Fällen beobachten kann, steht diesmal im krassen Gegensatz zu der enormen Nervosität um sie herum. Der Stadt droht möglicherweise eine Anschlagsserie.

Haben die beiden eine Zwei-Personen-Depression? Wobei gar nicht mehr sicher ist, dass man Batic und Leitmayr - weise Männer mit dichtem weißem Haar auf den Köpfen - überhaupt noch zwei Personen nennen kann. Oder ob sie nicht längst zu einem Wesen verwachsen sind, das sich jetzt mit sich selber unterhält. Manchmal ohne Worte. Und viel schweigt. Dieses Wesen hat zu viel gesehen. Am Ende dieser Folge ist sein Schweigen noch dunkler.

In der sehr guten und dramatischen Folge "Unklare Lage" ist ein Fahrkartenkontrolleur im Bus erschossen worden, der Täter war jung und drohte: Ich bringe euch alle um. Wie er das meinte, kann man nicht mehr fragen, er wird auf der Flucht von den Einsatzkräften getötet. Man findet 500 Schuss Munition und ein Funkgerät, einiges deutet auf einen Komplizen hin, der vielleicht weitermacht. Der getötete Junge hat außerdem eine Anleitung zum Bombenbauen heruntergeladen und fünf Kilo Nägel gekauft, die nicht zu finden sind. Der Führungsstab des Einsatzes ordnet an: Wir machen die Stadt dicht, keine Züge, keine U-Bahn mehr. Lockdown.

"Unklare Lage" ist ein Tatort, der sofort verschoben würde, wenn sich im echten Leben ein Amoklauf oder Anschlag ereignete. Er ist zu nah an der Wirklichkeit, als dass man sich das alles ansehen könnte, wenn man den Schreck in den Gliedern hat. Viele in München wird die Folge an die real unklare Lage beim Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum im Juli 2016 erinnern: Falscher Alarm überall in der Stadt, die Gerüchte in den sozialen Medien, dann sitzt man fest und weiß lange nicht, ob da Gefahr ist oder nicht.

Vieles in "Unklare Lage" hat damit zu tun, wie Angst zur Unterhaltung für Millionen Nutzer wird, die online live dabei sind. Das muss man sich erst mal trauen, denn irgendwie lebt ja auch dieser Tatort von der Transformation der Angst in Spannung. Holger Joos (Buch) und Pia Strietmann (Regie) erzählen klug, fast karg. Sie zeigen die Jagd auf den Täter im abgedunkelten Kontrollzentrum als cleane Aktion gegen eine immense Leerstelle. Das ist die Unbegreiflichkeit der Tat.

Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr

Korrektur: In einer früheren Version dieser Kolumne hieß es, der Dialog übers "sitzen bleiben" finde im Auto statt. Ein aufmerksamer Leser wies uns daraufhin: Batic und Leitmayr unterhielten sich im Treppenhaus.

© SZ vom 25.01.2020
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