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"Unklare Lage":Ein Tatort zwischen Fakten und Fiktion

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Szenen wie diese aus dem Tatort "Unklare Lage“ erinnern an das Attentat am OEZ im Juli 2016.

(Foto: Marco Nagel/BR)

"Unklare Lage" spielt auf das Attentat am OEZ an. In Details weicht der Film allerdings von der realen Polizeiarbeit ab - und geht mit dem Thema insgesamt zu sorglos um.

Einsam ist der Job des Bombenentschärfers. Im geräumten Marienplatz-Untergeschoss fährt er auf einer Rolltreppe dem mutmaßlichen Sprengstoff entgegen, ungerührt. Eine von den Machern des am Sonntag ausgestrahlten München-Tatorts womöglich gar nicht komisch gemeinte Szene. Zu ernst ist das eigentliche Thema des Plots: der Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum am 22. Juli 2016, eines der verheerendsten Attentate in der Geschichte der Bundesrepublik mit neun Toten, zumeist Jugendlichen albanischer oder türkischer Herkunft.

"Ich will hier kein zweites OEZ", sagt der Einsatzleiter im Film "Unklare Lage". Da sind erst ein paar Minuten vergangen und doch ist schon jetzt klar: Die Macher wollen genau das. Ihr Fall ist nicht das OEZ-Attentat - und ist es zugleich doch. Es ist, als ob jemand etwas erzählt und dazu mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft malt. Eine Geschichte, die ständig signalisiert: Schaut her, ich weiß alles, ich hab's schon so gemeint. Ein Spiel mit der tödlichen Realität.

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Das dann allerdings, nicht nur beim Auftritt des Sprengmeisters, in Details recht sorglos von der realen Polizeiarbeit abweicht. Was auch daran liegt, dass im Tatort alles ganz schnell gehen muss. 90 Minuten dauert die Folge. So lange brauchte der reale Bombenentschärfer, ein Roboter des Landeskriminalamts, am Abend des OEZ-Anschlags, um sich dem Rucksack des Täters nur zu nähern, der kurz zuvor Suizid begangen hatte. Im Film geht alles zack-zack. Spezialeinsatzkommando hierhin, rumms, dorthin, krach. Rein in die Schule, schnell ein paar verängstigte Jugendliche zusätzlich traumatisiert, dann runter in den Keller - und: "Gesichert!"

Fahndungsfotos werden eben mal rausgehauen, das entscheiden im Film der Einsatzleiter und die SEK-Chefin. Die Todesnachricht wird nach Zeugenanrufen überbracht, ohne Identifizierung des Opfers. Und überall, wirklich überall, gibt es Videokameras, auf die die Polizei sich sofort draufschalten kann: ein halbes Dutzend allein in einem Rohbau, was praktisch ist, weil die Polizeiführung so am Bildschirm mitverfolgen kann, wie der Mörder zur Strecke gebracht wird. Selbst auf dem Schulklo gibt es eine Überwachungskamera - und schon ist der Einsatzleiter im Bilde.

Auch eine Stadt in Angst wird angedeutet, mit 2000 sogenannten Phantomtaten. Panik, die ausgelöst wird von einer so vagen Personenbeschreibung, dass die wirkliche Polizei sie aus sehr gutem Grund in einer solchen Situation nie und nimmer in die Welt hinausposaunen würde. In der Realität waren es 300 angebliche Taten an 70 Orten der Stadt, von denen Anrufer der Einsatzzentrale berichteten. Krimi-Fiktion, könnte man einwenden. Vereinfachen, abkürzen und übertreiben ist ihr gutes Recht. Wäre es, käme der Tatort nicht gleichzeitig so pseudo-dokumentarisch daher.

Immer wieder wird auf den realen OEZ-Anschlag angespielt, an einer Stelle sogar eine Videosequenz vom McDonald's in der Hanauer Straße gezeigt. Die Parallelen sind nicht zu übersehen: der junge Täter mit seiner Pistole, der einen Ballerspiel-Kumpel als Mitwisser hat. Und dann die Anspielungen: der Bus mit der Aufschrift "Petuelring", der Kameraschwenk über die OEZ-Nachbarschaft, der Mann auf dem Balkon, die Auftritte realer Fernsehreporter wie Martin Breitkopf, der am Abend des OEZ-Anschlags tatsächlich live berichtete; sein BR-Kollege Oliver Bendixen tritt auch im Krimi auf und darf den Verdacht äußern, es könnte sich um einen Terroranschlag handeln.

In nahezu jeder Szene vermengt der Tatort Fakten und Fiktion. "Unklare Lage" eben. Das wird nicht besser dadurch, dass dazwischen immer wieder Szenen gelingen, die Zeugen jenes Abends im Juli noch heute schaudern lassen. Etwa wenn Assistent Kalli auf dem Handy-Display den Satz seiner besorgten Freundin liest: "Geht's dir gut?" In einzelnen Szenen bedient der Krimi sich sehr direkt bei der vor eineinhalb Jahren gesendeten BR-Dokumentation "München - Stadt in Angst".

Polizisten, die "Unklare Lage" gesehen haben, finden spontan, manches sei nicht schlecht getroffen: die wenigen Optionen, die einem Einsatzleiter in bestimmten Situationen bleiben, das Hochschaukeln der Panik durch die massenhafte Kommunikation über Smartphones, Facebook, Whatsapp. Nein, ganz und gar unrealistisch ist "Unklare Lage" (Buch: Holger Joos, Regie: Pia Strietmann) nicht. Im Netz schwärmten Tatort-Experten vorab: "Unbedingt angucken und Popcorn bereit halten!" Popcorn? Bei einem Film, der mit der Erinnerung an die Schreckensnacht am OEZ spielt? Der Fiktion und Realität unfreiwillig bis dahin zusammenführt, dass er sich nicht um die Opfer schert - nicht um den ermordeten Buskontrolleur im Krimi, aber auch nicht um die neun Toten vom OEZ und ihre bis heute trauernden Familien.

"Ein Einzelner unterhält die ganze Welt", sagt einer der Tatort-Kommissare in einer Schlüsselszene. "Unterhält?", fragt der andere zurück. Ihm dämmert, dass das, wovon er Zeuge werden wird, mit Unterhaltung nichts zu tun hat. Dass es kein Spiel ist.

© SZ vom 27.01.2020/vewo
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