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Journalismus:Die neue Sensibilität

"Der Gegenstand der Berichterstattung - Politik und Öffentlichkeit - polarisiert sich. Und das hat Auswirkungen auf die Berichterstatter", sagt der Mediensoziologe Bernd Blöbaum. Illustration: Stefan Dimitrov

Gemäßigte Liberale hier, politisch Korrekte da? Die Medien sind von derselben Krise betroffen, die sie der Gesellschaft an sich attestieren. Daran ist auch die Entstehung einer digitalen Gegenwelt in den sozialen Medien schuld.

Von Meredith Haaf

Für Personaldiskussionen in Redaktionen interessiert sich normalerweise niemand außer: das Personal von Redaktionen. Das gilt in der Regel erst recht, wenn sie auf einem anderen Kontinent stattfinden. Es muss also etwas heißen, dass die Nachricht, dass bei der New York Times im Juli der leitende Meinungsredakteur James Bennett und eine seiner profiliertesten Mitarbeiterinnen, Bari Weiss, ihre Kündigung einreichten, derart hohe Wellen schlug, dass sie von vielen europäischen Redaktionen aufgegriffen wurde (auch die SZ berichtete).

Das liegt allerdings weniger an den Personen selbst oder an der Medienmarke New York Times, es liegt nicht einmal an der publizistischen Fahrlässigkeit, die Bennett und Weiss zuvor im Zusammenhang mit dem Gastbeitrag an den Tag gelegt hatten. Der republikanische Amtsträger Tom Cotton hatte im Rahmen der Black-Lives-Matter-Proteste gefordert, das Militär gegen Randalierer einzusetzen. Weswegen Bennett und Weiss sich den Ärger ihrer Kollegen und ihres Verlegers einhandelten; mehrere Journalistinnen und Journalisten sahen darin eine Gefährdung der schwarzen Kollegen. Dass massive handwerkliche oder inhaltliche Kritik dazu führen kann, dass Journalisten eine Redaktion verlassen, ist schon das ein oder andere Mal vorgekommen, es stellt an sich noch kein Politikum dar.

Doch die Auseinandersetzung, die aus der Redaktion der NYT an die Öffentlichkeit getragen wurde, wird von vielen als Schlacht in einem eskalierenden Kampf zwischen identitätspolitisch Hyperaufgeklärten und gemäßigten Liberalen beschrieben.

Als gäbe es zwei Arten von Journalisten

Grob gesagt stehen sich in diesem Szenario zwei Arten von Journalisten gegenüber: Die einen wollen die richtigen Leute zu Wort kommen lassen, nämlich vor allem die mit den "richtigen" Ansichten und aus bislang sozial unterdrückten Gruppen, und damit einen Beitrag zum sozialen Fortschritt leisten. Sie achten peinlich darauf, keine Gefühle zu verletzen, vor allem nicht die von Frauen oder Minderheiten, und sind im Zweifelsfall auf dem linken Auge blind. Die anderen wollen fast zwanghaft alle zu Wort kommen lassen, immer auch mit Rechten reden und damit einen Beitrag zur Aufklärung und zum freien Austausch leisten. Sie stehen Mehrheitsmeinungen und Gruppendynamik skeptisch gegenüber - aus prinzipiellen, nicht politischen Überlegungen. Die einen sind dabei eher nach 1980 geboren, die anderen davor.

Oberflächlich betrachtet sehen aktuellere Medienkontroversen wirklich aus, als träten dabei gestandene Profis gegen junge Publizistikaktivistinnen an - wie etwa in der Debatte, die die taz anlässlich der umstrittenen Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah auf mehreren Zeitungsseiten und zahlreichen Online-Texten führte. Auch dort ging es, neben der Frage, wie weit Kritik gehen darf, um Machtstrukturen und den Umgang mit Rassismus. Doch viel mehr treffende Beispiele fallen einem dann auch nicht ein. Und so ist der Befund, den etwa Welt-Redakteur Robin Alexander twitterte - "diese Debatte steht uns in Deutschland auch noch bevor" - wohl eher einem allgemeinen Unbehagen darüber geschuldet, wie sich die Wahrnehmung von Journalismus derzeit ändert, als tatsächlichen Erfahrungswerten.

Die Presse befindet sich heute in dem seltsamen Zustand, dass ihre Rolle und Arbeit selbst ständig Gegenstand von medial vermittelter Kritik und - wie vergangenes Wochenende in Berlin bei den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen eindrücklich zu beobachten - auch Missachtung sind. Im Prinzip ist die Presse von derselben Krise betroffen, die sie der Gesellschaft an sich attestiert - eine Krise der Polarisierung, eine Krise des Wirksamkeitsverlustes bei gleichzeitig gesteigerter Angreifbarkeit und nicht zuletzt eine wirtschaftliche Krise, die viele verunsichert. Und sie hat nicht wenig mit der Entstehung einer digitalen Gegenwelt in den sozialen Medien zu tun.

Auch die Namen von Journalistinnen und Journalisten stehen auf "Todeslisten"

In dieser Gegenwelt sind nicht nur die traditionellen Medien selbst andauernd Gegenstand von Kritik. Professionell arbeitende Redaktionen sind für etliche Mediennutzer zu einer Informationsquelle unter vielen geworden, neben Facebook, Twitter, Instagram oder Messengerdiensten. Die klassischen Redaktionen werden kritisch beäugt und stärker nach Interessenskonflikten und Vorurteilen abgeklopft, als so manch vermeintlich unabhängiger Telegram-Publizist. Sie werden auch zu Zielscheiben politischer Angriffe. Und immer häufiger werden sie bedroht; auch die Namen von Journalistinnen und Journalisten stehen auf sogenannten rechtsextremen Todeslisten.

Erfolgreiches Veröffentlichen setzt natürlich Gespür für die Stimmung und die Anliegen des eigenen Publikums voraus. Doch das ist schwieriger zu greifen geworden, obwohl Mediennutzer jeden Tag mit den Stimmungen der anderen konfrontiert sind. Der Mediensoziologe Bernd Blöbaum, der schon lange zur Beziehung zwischen Medien und Publikum und zum Selbstverständnis von Journalisten forscht, sagt: "Der Gegenstand der Berichterstattung - Politik und Öffentlichkeit - polarisiert sich. Und das hat Auswirkungen auf die Berichterstatter."

Zugleich aber beobachtet er eine Art Übersensibilisierung: "Ich habe den Eindruck, Journalisten überschätzen die journalistische Bedeutung von sozialen Medien", vielleicht auch, weil viele von ihnen sie selbst so viel nutzen: "Nach wie vor schneiden öffentlich-rechtlicher Rundfunk aber auch Regionalmedien bei Vertrauensumfragen am besten ab." Die Medienskepsis, die - auch in den Medien selbst - vorgetragen werde, sei nicht unbedingt größer als zu früheren Zeiten: "Sie ist nur sichtbarer, und deswegen hat sie größeres Verunsicherungspotenzial." Zu den Vorteilen der Sozialen Medien gehört die Rasanz und die Angebotsvielfalt an Positionen und Realitätsinterpretationen. Ein publizistisches Gesamtprodukt, das mit Recherche, Kooperation und Wiedererkennbarkeit arbeitet, kann und sollte das aber logischerweise nicht imitieren.

Unter Jüngeren ist in den letzten Jahren eine Art hyperkritisches Bewusstsein entstanden

Doch Soziale Medien sind nicht nur Treiber von Unsicherheit und Empörung, sondern auch von Debatten über Machtverhältnisse: Wer wen retweetet oder auf seinem Account präsentiert, gilt als relevantes politisches Signal. Unter diesem Einfluss ist insbesondere, aber nicht nur, unter jüngeren Journalistinnen und Journalisten in den letzten Jahren eine Art neues hyperkritisches Bewusstsein dafür entstanden. Dafür, wie mediale Repräsentation und gesellschaftliche Machtverhältnisse sich gegenseitig beeinflussen - und welche Rolle sie selbst dabei spielen.

Dieser Zusammenhang spielt insbesondere für das Selbstverständnis derjenigen Publizisten eine Rolle, die einen medial eher unterrepräsentierten Hintergrund haben, also Kinder von Einwanderern sind, eine dunkle Hautfarbe haben oder nicht akademisch sozialisiert sind. Blöbaum sagt: "Es kommt tatsächlich eine neue Generation in den Beruf, die durch Studium und andere Einflüsse gelernt hat, ihr journalistisches Selbstverständnis kritisch zu hinterfragen, und die unsichtbaren Leitplanken der Auswahl und Darstellung von Inhalten zu analysieren".

Institutionelles "Gatekeeping" - also die Entscheidung darüber, wer wo für wen spricht - war einmal eine ziemlich selbstverständlich und oft subjektiv ausgeübte Praxis derjenigen, die sich in den Institutionen etablieren können, und ist zu einem Verdachtsgegenstand diskriminierender Verhältnisse geworden. Dieser Perspektivenwandel sorgt tatsächlich für Konflikte zwischen den Generationen, hoffentlich aber auch für die Weiterentwicklung journalistischer Ideale jenseits von "Diversität" oder "Fairness".

© SZ
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