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New York Times:Flucht einer selbsternannten "Zentristin"

BARI WEISS  - Sept.27, 2019 - Austin, Texas

Bari Weiss bei einer Diskussionsveranstaltung in Texas.

(Foto: Brian Cahn/ZUMA Press/imago)

Die umstrittene Meinungsredakteurin Bari Weiss verlässt die "New York Times" - und erntet dafür Beifall von unerwarteter Seite.

Von Willi Winkler

Immerhin gab der eine oder andere Twitter-Lärmer zu, dass er von Bari Weiss bis Dienstagnachmittag noch nie gehört hatte. Anders als die digitale Aufregung, die sich sofort entspann, vermuten lässt, ist die 36-jährige Journalistin außerhalb der eigenen Branche kaum bekannt. Allerdings toben dennoch seit Jahren erregte Debatten über sie, und jetzt erst recht, wo sie ihren Job als Meinungsredakteurin bei der New York Times hingeschmissen hat. Mangelndes Geltungsbedürfnis konnte ihr bisher niemand vorhalten, und deshalb hat sie ihren Weggang in einem umfangreichen, manifestartigen offenen Brief an A. G. Sulzberger, den Verleger der Times, bekannt gemacht.

Weiss berichtet darin von internen Auseinandersetzungen in der Redaktion, in der sie wegen ihrer abweichenden Meinungen schikaniert und sogar bedroht worden sei. Nachprüfen lässt sich das nicht ohne Weiteres, doch als sie einmal verbittert aus einer Konferenz twitterte, dort herrsche zwischen jungen Aktivisten und älteren Liberalen ein "Bürgerkrieg", wurde das von anderen Teilnehmern umgehend als maßlose Übertreibung bezeichnet.

In einem glamourösen Porträt in Vanity Fair ließ sich Weiss vor anderthalb Jahren als "progressive, feministische Zionistin" feiern, die für das Existenzrecht Israels kämpft. Bereits auf dem College agitierte sie gegen Professoren, die sie für Parteigänger der Palästinenser hielt. Bei aller Sympathie für den Women's March gegen den Frauenverächter Trump war ihr doch der Hinweis wichtig, dass sich unter den Anführern auch solche fanden, die sich antisemitisch geäußert hatten. Nach dem Massaker in der Synagoge "Tree of Life" in Pittsburgh hat sie ein bewegendes Stück geschrieben; sie hatte dort ihre Bat Mitzvah gefeiert.

Weiss bezeichnet sich als "Zentristin", als Vertreterin der Mitte, für die es jedoch bei ihrer Zeitung keinen Platz mehr gebe. Mit 150 anderen Autoren, Wissenschaftlern und Intellektuellen hat sie vor wenigen Tagen den Aufruf in Harper's unterschrieben, der sich gegen ein angeblich zunehmend illiberales Meinungsklima in den USA wendet. In ihrem eigenen Brief, den sie unter der Rubrik "Kündigungsschreiben" prominent auf ihre Website gestellt hat, hält sie ihrer Zeitung vor, sie führe zwar Twitter nicht im Impressum, doch sei "Twitter der alles entscheidende Redakteur" geworden.

Das ist sicherlich kein ganz falscher Befund, doch gilt er keineswegs ausschließlich für die Times. In ihrem Brief schreibt sie: "Aus dem Leitmedium ist zunehmend ein Medium für jene geworden, die in einer fernen Galaxie leben und deren Interessen so gut wie nichts mehr mit dem Leben der meisten Menschen zu tun haben." Weiss gehört zu den Autoren, die James Bennet als Meinungschef nach dem für die Redaktion so überraschenden Wahlsieg Donald Trumps ans Blatt gebunden hat, um sich um genau diese Menschen zu kümmern. Als Bennet jedoch einen republikanischen Senator in einem Gastbeitrag den Einsatz der Army gegen die Demonstranten von "Black Lives Matter" fordern ließ, hatte er die Liberalität der Zeitung überreizt und musste gehen. Sein Schützling Bari Weiss folgt ihm jetzt freiwillig.

Dafür bekam sie Beifall von einer Seite, mit der sie bisher nicht identifiziert sein wollte. Der republikanische Senator Ted Cruz, der eben ohne Gesichtsmaske im Flugzeug erwischt wurde, sandte Bari Weiss ebenso eine Grußadresse wie Donald Trump Jr. Hans-Georg Maaßen, der ehemalige deutsche Verfassungsschutzpräsident, musste sich anhängen und Weiss' Klage aufgreifen, wonach man mit jeder Meinungsäußerung sofort als Nazi und Rassist diffamiert werde.

Bei Weiss' Twitter-Feinden hieß es schon vor Wochen, dass sie sich mit ihren Äußerungen bei Fox News bewerbe. Zwei dem Präsidenten ergebene Fox-Moderatoren haben bereits Sympathieerklärungen für Weiss geäußert, während es ein dritter, Tucker Carlson, vorgezogen hat, Urlaub zu nehmen, nachdem bekannt geworden war, dass sein Haupt-Autor seinen Rassismus im Internet austobt.

© SZ/cag
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:Dieser Text ist nicht neutral

Die weiße Mehrheitsgesellschaft gibt sich einer Illusion von Neutralität hin. Sie muss in Debatten mehr Nebeneinander akzeptieren und Zuhören lernen.

Kommentar von Sonja Zekri

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