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"New York Times":Gefährliche Ideen

James Bennet

James Bennet, 54, galt als einer der Kandidaten für die Nachfolge des bald scheidenden Chefredakteurs der New York Times. Den Text von Senator Cotton gab er frei, ohne ihn zu kennen.

(Foto: Larry Neumeister/AP)

Der Gastbeitrag eines republikanischen Senators löste einen Aufruhr in der Redaktion der "New York Times" aus. Nun tritt der Meinungschef ab.

Von Willi Winkler

Seit zwei Wochen berichtet die New York Times wie andere Zeitungen in den USA ausführlich über die Tötung von George Floyd durch einen Polizisten in Minneapolis und die nachfolgenden Proteste, Straßenschlachten und Plünderungen. Die Gewalt auf den Straßen macht vielen Bürgern Angst, und der Präsident macht sie sich zunutze. Er fordert hartes Durchgreifen und droht mit dem Einsatz des Militärs. Einer seiner Anhänger, der republikanische Senator Tom Cotton, gab das auf Twitter als Echo weiter und durfte seine Aufforderung danach in einem Gastbeitrag in der Times wiederholen, Titel: "Holt die Soldaten!"

In der Zeitung kam es deshalb zu einem nie da gewesenen Aufruhr, der am Sonntag damit endete, dass der zuständige Redakteur James Bennet kündigte. Der 54-Jährige stammt aus einer Familie solider Demokraten: Sein Vater hat für Jimmy Carter und Bill Clinton gearbeitet, sein Bruder ist Senator für den Bundesstaat Colorado und hat sich gerade um die demokratische Präsidentschaftskandidatur bemüht.

Bennet hat eine ebenso solide Medienlaufbahn hinter sich, war bei der Times als Korrespondent in Washington und Jerusalem und zehn Jahre lang Chefredakteur des Atlantic, den er zurück in die Gewinnzone brachte. Bei der Times galt er als Nachfolger des demnächst scheidenden Chefredakteurs, doch war es damit vorbei, als tausend Mitarbeiter gegen den Cotton-Artikel protestierten und mehrere ankündigten, nicht unter Bennet arbeiten zu wollen.

Im Bemühen, ein möglichst breites Meinungsspektrum abzubilden, hat die liberale Times auch schon Wladimir Putin und einen Taliban-Chef zu Wort kommen lassen, doch bei Cottons Beitrag fühlten sich vor allem schwarze Redaktionsmitglieder bedroht. Zunächst hatte Bennet den Abdruck des martialischen Artikels noch damit gerechtfertigt, dass er es für richtig halte, "auch gefährlichen Ideen" eine Plattform zu bieten, weil man sie auf diese Weise "loswerden" könne. Allerdings musste er zugeben, dass er das Meinungsstück gar nicht gelesen hatte, ehe es in Druck und online ging. Jetzt musste er gehen. Die gefährlichen Ideen sind damit nicht aus der Welt, zumal wenn sie regelmäßig von höchster Stelle kommen.

© SZ vom 09.06.2020
Katharina Nocun

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