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Medienkolumne "Abspann":Die Farbe des Olaf Scholz

Olaf Scholz (SPD) bei "Farbe bekennen"

Die Beine ruhig, allenfalls mal eine ordnende Handbewegung, so gibt sich Olaf Scholz auch im Interview-Format "Farbe bekennen".

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Bei "Farbe bekennen" in der ARD übt sich der SPD-Kanzlerkandidat in Fehlervermeidung. Er hat das Terrain so bereitet, dass ein einziger Punkt bei ihm abzufragen ist - und alle arbeiten sich daran ab.

Von Nils Minkmar

Das linke Auge des SPD-Kanzlerkandidaten liegt etwas tiefer als das rechte. Es bewegt sich unentwegt, ist aber nicht für Ausdruck zuständig, sondern wirkt wie ein Frühwarnsystem. Es schaut voraus, so kann das andere Auge schon mal den passenden Gesichtsausdruck einrichten: Augenbraue hoch - erstaunt und ehrlich - oder eben runter - deutlich bis angriffslustig. Manchmal die Andeutung eines Klapperns der Augenlider wie einst bei Helmut Kohl, bevor er schnell den Kopf wegdreht. Da in diesem Format immer zwei Menschen die Fragen stellen, diesmal waren es Ellen Ehni und Oliver Köhr, konnte Olaf Scholz rasch wegschauen, wenn ihm eine Frage nicht behagte.

Der Bundesfinanzminister ist ein reflektierter und kontrollierter Mann. Roger Willemsen hätte bei ihm von einer "Ganzkörpermaske" geschrieben. Die Beine ruhig, allenfalls mal eine ordnende Handbewegung, keine hektischen Gesten und kein Scherz am Rande.

Man sollte ihn mal nach seiner ersten Liebe, nach seiner schönsten Wohnung oder dem größten Flop seines Lebens außerhalb der Politik fragen, aber das wird im Fernsehen niemand tun, denn Scholz hat das Terrain so bereitet, dass ein einziger Punkt bei ihm abzufragen ist. Er hat einen roten Teppich ausgelegt und wartet, beide Handflächen auf beiden, stillen Knien. Es ist stets die selbe Frage: Wie kann es sein, dass er, obwohl er keinesfalls einen verrückten Eindruck macht, davon ausgeht, der Nachfolger von Angela Merkel zu werden? Seine Partei ist zerstritten, liegt bald gleichauf mit der FDP und er, der nicht mal SPD-Vorsitzender werden konnte, sieht sich als Kanzler? Dieses Thema hat er formuliert und alle arbeiten sich daran ab. So wie Heiner Müller in einer inspirierten Stunde erklärte, er, Müller, sei der größte deutsche Dramatiker und fortan zitierten, ja glaubten das auch alle - so macht das auch Olaf Scholz, der nächste Bundeskanzler. Man tendiert erst einmal dazu zu glauben, was jemand über sich erzählt.

Sehr lustig wurde die Sendung, als Scholz auf die Maskenaffäre angesprochen wurde. Das linke Auge bereitete die Antwort im Modus feiner Boshaftigkeit schon vor, das rechte ging in empathische Mutter-Beimer-Tiefe. Die Vorsitzenden der SPD hatten den Rücktritt von Gesundheitsminister Jens Spahn ins Spiel gebracht. Scholz referierte die allgemeine Empörung und präzisierte: "Meine Parteivorsitzenden sind noch empörter, weil sie das Ganze moralisch gesehen haben!" Nennt sie nicht einmal, stellt ihre Emotionalität heraus und verpasst ihnen noch den Poststempel moralisch, perfekte Abfertigung der beiden sympathischen Menschen. Später lobte - also killte - er noch Saskia Esken, als er sie im Kontext der Debatte um den Staatstrojaner, eine "Bürgerrechtlerin" nannte. Ja, man musste wirklich lachen.

Ansonsten übte er sich in Fehlervermeidung, obwohl zwischenzeitlich etwas Interessantes aufblitzte, als er von einer Zeitenwende sprach und von Zukunft, aber das kürzte er selbst herunter auf Wohlstand, also Geld. Seine säkulare Religion ist die Arbeit, logisch, und dann landet er bei der Formel mehr Geld für Arbeit. Es ist SPD als Betriebsrat der Republik und gut für 18 Prozent maximal.

Scholz gibt sich als Macher und wäre insofern schon ein Kanzler nach deutschem Geschmack, wenn er sich beizeiten um eine Koalition gekümmert hätte. Die Farbe, die er bekannt hat, war das mineralische Grau des Felsen des Sisyphos.

© SZ
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