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"Maybrit Illner" zur Groko:Wer wandelt sich am schnellsten?

Maybrit Illner zur Groko

Bei Maybrit Illner zu Gast: unter anderem Philipp Amthor, Annalena Baerbock und Markus Söder.

(Foto: ZDF/Jule Roehr)

Malu Dreyer kämpft in der Talkshow Maybrit Illner gegen die SPD-Depression, CDU-Mann Philipp Amthor erwärmt sich für eine CO₂-Steuer. Und Markus Söder trägt bayerische Bienen übers Feld.

Es wird sehr schnell klar, dass es wieder auf einen Generationenkonflikt hinausläuft. So verlaufen nun mal die politischen Debattenlinien in diesen Tagen: Jung fordert, alt kommt nur schwer und unwillig in die Gänge. Also Bühne frei für den Zweikampf im ZDF: hier der mit Sicherheit älteste 26-Jährige des Landes, Philipp Amthor von der CDU. Dort einer aus der Sparte "junggebliebene Mittfünfziger", Autor und Journalist Hajo Schumacher. So sitzen sie in der Talkshow "Maybrit Illner". Amthor will das Ganze schon vorhergesehen haben: "Ich habe gewettet, wie viele Minuten Sie wohl brauchen bis zum ersten Altersjoke. Herzlichen Glückwunsch, es waren nicht mal zehn", giftet er auf die andere Seite der Runde, nachdem ihn Schumacher mit Parteikollege Wolfgang Bosbach, 66, verglichen hat.

Das Thema "GroKo in der Sackgasse - letzte Ausfahrt Neuwahl?" hat eigentlich kaum Potenzial, denn die Lage der Nation ist seit der Europawahl und vor allem seit dem Rücktritt der SPD-Chefin Andrea Nahles bis zu diesem Donnerstagabend schon x-mal hin- und hergewendet worden. Doch kommt eine Talkshow um die Regierungskrise wohl schwerlich herum. Unter den Millionen Zuschauern vor dem Fernseher befinden sich sicher welche, die anderes zu tun hatten als das Polit-Theater der vergangenen Tage zu beobachten. Sie brauchen ein Update. Und die Debatte bietet dann durchaus überraschende Momente.

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Das Gift zwischen Amthor und Schumacher ist ein solcher. So viel ehrliche Abneigung erlebt man selten in einer Talkshow. Schumacher kommt natürlich nicht umhin, auf dem geheimen Amthor-Video herumzureiten. Amthor wollte auf das millionenfach geklickte Video des Youtubers Rezo namens "Die Zerstörung der CDU" antworten, wurde aber nach dem Drehen zurückgepfiffen. "Sie hätten zur Legende werden können" ruft ihm Schumacher zu. Warum er das Video nicht auf Youtube gestellt habe? "Nein, Sie gehorchen Mutti, Frau Kramp-Karrenbauer hat es Ihnen verboten." Das sei nicht die Jugend, die er sich wünsche. Amthor und Jugend? Das kann er kaum auf sich sitzen lassen: "Ich bin jetzt nicht das role model für den typischen Jungpolitiker. Es gibt Wichtigeres als Videos von Philipp Amthor."

Wichtiger ist zum Beispiel, ob es nun weitergeht mit der großen Koalition in Berlin. Angesichts des Wahldebakels bei der Europawahl. Wobei, Vorsicht, Markus Söder sitzt im Raum. Seine CSU erreichte mehr als 40 Prozent und konnte als einzige der sogenannten Volksparteien den Abwärtstrend stoppen. Darauf weist der bayerische Ministerpräsident zwei Mal hin und hätte es sicher gerne noch ein paar Mal mehr getan. Der Spitzenkandidat der europäischen Konservativen, Manfred Weber aus Niederbayern, hat hier womöglich geholfen. Söder schwankt in der Debatte zwischen bayerischer Großmännlichkeit und der Aura des Staatsmannes. Etwa mit dem Satz: "Stabilität geht vor Sichdavonmachen und Feige-vom-Acker-Machen." Das geht in Richtung SPD, die mit sich hadert wie vielleicht noch nie.

Nahles ist weg, jetzt sitzt Malu Dreyer in der Show. Die sympathische Vorzeigefrau der SPD, die 2016 in Rheinland-Pfalz die Landtagswahl im Grunde im Alleingang für die Partei gewonnen hat. Sie steht auch für Emotionen, die man der sonst so grauen SPD gar nicht mehr zutraut. Als Söder ihr zum x-ten Mal genüsslich den schwarzen Peter zuschieben will, platzt es aus ihr heraus: "Hallo! CDU und CSU hat uns Minimum ein halbes Jahr in Atem gehalten." Mit dem Streit um die Migration, den Präsidenten des Verfassungsschutzes Maaßen und anderem. Söder antwortet doch tatsächlich: "Das ist auch gut so." Aber das geht fast unter. Immerhin nimmt er für sich in Anspruch, aus den Tumulten des vergangenen Jahres gelernt zu haben.

Dreyer führt seit einigen Tagen die SPD zusammen mit Manuela Schwesig (Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern) und Hessen-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel kommissarisch an. An diesem Abend untermauert sie ihren Status als standhafte Anführerin einer schlingernden Partei. "Wir sind weder tatenlos, noch kraftlos. Ich habe Lust, noch was zu bewegen", erklärt sie. Das passt so gar nicht in die Erzählung des Untergangs der Sozialdemokratie, dem die Öffentlichkeit mit einer Mischung aus Mitleid, Schadenfreude und Sensationslust beiwohnt. Man hat das Gefühl, jemand wie Dreyer müsste die Partei herausziehen aus der Depression, doch die möchte nicht dauerhaft an der Spitze stehen.

Noch in der Runde sitzt Katharina Nocun, 23, Netzaktivistin und früher bei der Piratenpartei aktiv. Sie erneuert die Vorwürfe der Fridays-for-Future-Generation in Richtung großer Koalition, vor allem beim Thema Klimaschutz gehe alles viel zu langsam. Zudem Annalena Baerbock, denn ohne eine Grünen-Vorsitzende geht bei Umfragewerten um die 26 Prozent nichts mehr. Sie zeigt zum wiederholten Mal in einer Talkshow ihr Talent, sich den momentanen Höhenflug nicht im Geringsten anmerken zu lassen. Die Worte Neuwahlen oder gar Kanzlerin-Kandidatur fasst sie nicht mit der Pinzette an. Übrigens auch nicht Markus Söder. Kanzler-Kandidatur? "Ne." Sicher? "Ja."

Also muss wieder Philipp Amthor herhalten, um Schwung in die Debatte zu bringen. Klar, Annegret Kramp-Karrenbauer ist als CDU-Vorsitzende super, da darf man sich von schlechten Umfragewerten nicht kirre machen lassen. Markus Söder stimmt ausdrücklich zu. Aber Philipp Amthor hat auch Friedrich Merz getroffen. Den Mann, der gegen Kramp-Karrenbauer im Kampf um den CDU-Vorsitz so denkbar knapp verloren hat. Und was hat er von diesem Merz gelernt? Tatsächlich etwas über eine CO₂-Steuer, gegen die sich die Unionsparteien vehement wehren. "Da muss ich schon sagen", sagt Amthor, "da habe ich mir das zum Teil auch ein bisschen zu leicht gemacht, einfach zu sagen: Wir wollen es gar nicht." Hoppla. "Wenn man eine ökologische Steuerreform diskutieren will, dann ist das was, wo ich sage: Das macht auf jeden Fall Sinn." Dass Annalena Baerbock neben ihm nicht direkt vom Stuhl gefallen ist, ist erstaunlich. Immerhin reden jetzt alle durcheinander, denn damit konnte wirklich keiner rechnen.

Aber wie sagt der junge Mittfünfziger Schumacher: Eine gewisse Wandlungsfähigkeit bei Politikern halte er für wichtig. Angela Merkel sei ein solch "schnell lernendes System". Oder Markus Söder. "Also der Wahlkämpfer Markus Söder, und der Ministerpräsident Markus Söder, der heute jede bayerische Biene persönlich übers Feld trägt und liebkost, das ist schon ein faszinierender Wandel", sagt Schumacher. Währenddessen die "Haltungsversessenheit" der SPD zwar nobel sei, aber eben oft auch nicht schlau.

Hält die große Koalition also? Nach dieser Sendung Maybrit Illner steigt die Spannung, wohin der Wandel die Regierungsparteien wohl noch führt.

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