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Generation Youtube und Politik:"Die verkaufen uns für dumm"

Yasmina Banaszczuk Twitter Youtube Netzpolizik

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(Foto: Jasmin Schreiber)

Was haben das Rezo-Video und die Grünen gemeinsam? Die Autorin Yasmina Banaszczuk sagt: Beide sind so erfolgreich, weil sich junge Menschen von den Volksparteien nicht ernst genommen fühlen.

Yasmina Banaszczuk hat sich zwischen 2011 und 2013 netzpolitisch in der SPD engagiert. Dann trat sie aus der Partei aus, weil sie sich zunehmend fehl am Platz fühlte. Heute schreibt die 34-jährige Wahl-Berlinerin als freie Journalistin und Autorin über Netzkultur, Gaming und Popkultur.

SZ: Frau Banaszczuk, wie erklären Sie sich die Wucht des Rezo-Videos?

Yasmina Banaszczuk: Das ist eine natürliche Folge davon, dass die großen Konflikte unserer Zeit von der großen Koalition einfach nicht angegangen werden. Die jungen Leute haben bei der Europawahl überwiegend die Grünen gewählt. Warum? Weil sie finden, dass die Realität, in der sie leben, keine Rolle spielt bei den meisten Politikern.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Welche Realität meinen Sie?

Die Hälfte der Neueinstellungen sind befristete Verträge, vor allem Frauen unter 25 haben mehrheitlich nur befristete Jobs, Mieten sind teuer, Menschen können sich oft nur WGs leisten bis sie 30 oder gar 40 Jahre alt sind. In manchen Städten können Haushalte mit Durchschnittseinkommen die Mieten für 90 Prozent der neu gebauten Wohnungen nicht bezahlen. Wir haben nicht das Gefühl, dass es bei der Politik Interesse gibt, diese Probleme anzugehen. So erkläre ich mir auch den Erfolg des Rezo-Videos. Es ist einfach kein Vertrauen mehr da, dass die Politik Interesse hat, auf Augenhöhe Lösungen vorzuschlagen. Es herrscht Frustration, viele denken so wie Rezo: Die nehmen uns nicht ernst, verkaufen uns für dumm. Viele jungen Menschen zwischen 15 und 40 Jahren sind einfach müde von der Politik der Volksparteien.

Weshalb?

Weil sich nichts tut. In der SPD etwa wird nach jeder Wahl ein Veränderungsbedarf analysiert. Nach der Bundestagswahl 2017 haben SPD-Frauen gefordert, dass die Partei offener und weiblicher werden muss, außerdem gab es die Positionierung des Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert und sein Nein zur GroKo. Statt einen inhaltlichen Richtungswechsel zu initiieren und die SPD wieder zu einer Partei der sozialen Gerechtigkeit zu machen, tritt jetzt Andrea Nahles zurück. Dabei sind programmatische Änderungen wirkungsvoller als personelle.

Gibt es zwischen dem rüden Umgang mit Frau Nahles und der Rüpelhaftigkeit mancher Internetdiskussionen einen Zusammenhang?

Meine These, von außen betrachtet: Die SPD-Führung hat die inhaltliche Auseinandersetzung verlernt, gerade auch mit der eigenen Parteibasis. Doch wie und worüber soll dann der Unmut geäußert werden, wenn die überfällige programmatische Diskussion gemieden wird? Da bleibt nur das Personelle. Was es nicht besser macht, im Gegenteil. Hinzu kommt: Onlinediskussionen sind zusätzliche Katalysatoren für verbale Fehltritte, aber sicher nicht der Ursprung.

CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer hat nach dem Rezo-Video von Regeln gesprochen, die in der analogen und in der digitalen Welt herrschten und - geradezu beleidigt - eine Regulierung von Meinungsäußerungen ins Spiel gebracht. Was zeigt so eine Reaktion?

Für mich steht sie symbolisch dafür, dass große Teile der Gesellschaft in Deutschland immer noch nicht verstanden haben, was diese digitale Revolution bedeutet. Man versucht ganz oft, "das Internet" in vorgefertigte Schubladen der Welt von vor zwanzig Jahren zu zwängen. Ich denke da zum Beispiel an Rundfunkregelungen, die auf Youtube übertragen werden sollen. Da wird nicht begriffen, dass das Digitale eine ganz neue Dimension ist. Es gibt auch nicht das Internet, es gibt nicht die sozialen Medien, es gibt höchst unterschiedliche Plattformen wie Facebook, Twitter, Instagram, reddit, TikTok oder Youtube. Die Nutzer jeder dieser Plattformen haben unterschiedliche Interessen, Altersspannen, geschlechtliche Zusammensetzungen und kommunizieren auf sehr verschiedene Art und Weise.

Würden Sie denn sagen, das Digitale ist in der Politik noch nicht integriert?

Parteien sind wie große Tankerschiffe, die sich nur sehr langsam vorwärtsbewegen und die Richtung ändern. Ich frage mich schon: Wie sehr wurde da intern auch eine Digitalisierung vollzogen? Wenn jetzt die Einladungen zur Klausurtagung der CDU per Fax rausgeschickt werden, ist das natürlich auch ein Zeichen für veraltete Strukturen. Stattdessen muss man neue Wege finden, wie ein Ortsverband in Hannover und einer in Augsburg miteinander kommunizieren und wie sie sich einbringen können. Sicher funktioniert das nicht auf den traditionellen Kommunikationswegen.

Sondern?

Die Frage muss sein: Wie kann man die Digitalisierung in politische Abläufe integrieren? Junge Menschen, die sich politisch engagieren möchten, können heute einfach nicht verstehen, warum sie sich jede Woche in eine Sitzung setzen müssen, wo das Durchschnittsalter 70 ist und sie dann vielleicht mal am Ende zu Wort kommen dürfen, um dann niederdiskutiert zu werden.

Warum fällt es Politikern so schwer, die Jugend ernst zu nehmen?

Dahinter steckt auch eine typisch deutsche Angst und Vorsicht. Vielen Leuten ist einfach nicht bewusst, wie sich unter jungen Menschen online ausgetauscht wird. Man guckt auf die Jugend von oben herab. Tut das ab, ah, die machen auf Youtube nur Späße, ach, die geben nur Schminktipps. Hart gesagt: Wenn jetzt jemand 70 ist und gerade wird über einen Kohleausstieg in 2035 verhandelt, dann ist das ein Zeithorizont, der für einen 70-Jährigen irrelevant ist. Wohingegen jemand, der jetzt 20 ist, im Jahr 2035 seinen 36. Geburtstag feiert, dann vielleicht eine Familie gründen und Kinder in die Welt setzen möchte. An solche Realitäten denken Politiker aber anscheinend nicht. Rezo spricht vielen jungen Menschen aus der Seele, wenn er sagt: Eigentlich egal, wie wir wählen, denn der Großteil der Wahlen wird eh von älteren Menschen beeinflusst. Umso schöner, dass junge Menschen trotzdem wählen gehen.

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