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"Maischberger" über Rassismus:Schwarze als "Last-Minute-Gedanke"

Maischberger-Sendung zum Thema Rassismus

Talk-Gastgeberin Sandra Maischberger, aus den USA zugeschaltet: Germanistik-Professorin Priscilla Layne.

(Foto: WDR/Max Kohr)

Nach heftiger Kritik im Vorfeld hat Sandra Maischberger zum Thema US-Unruhen doch noch eine afroamerikanische Professorin geladen. Statt über Rassismus will sie mit Priscilla Layne aber lieber über Protest-Methoden reden.

TV-Kritik von Quentin Lichtblau

Eigentlich verlaufen Sendungen von Sandra Maischberger im Vergleich zur Konkurrenz stets unauffällig. Schuld ist die Mischung aus neuem Konzept (drei Journalisten plaudern bei Maischberger. Die Woche ein bisschen über alles Mögliche, durchsetzt mit Eins-zu-eins-Gesprächen), dem doch oft misslingenden Versuch, gleich drei oder mehr Themen in eine Sendung zu packen, und der späten Uhrzeit.

Diesmal aber hatte die Maischberger-Redaktion bereits im Vorfeld von sich reden gemacht, allerdings nicht im Positiven: Über den ARD-Twitterkanal hatte man angekündigt, in der Sendung über "die Lage in den USA nach dem Tod von George Floyd" sprechen zu wollen - und zu diesem Thema, das ja vielleicht doch ein ganz klein bisschen mit Rassismus und den schwarzen Menschen, die ihn erleben, zu tun hat, eine Gästeauswahl präsentiert, die nur aus weißen Personen bestand: Außenminister Heiko Maas, Börsenexpertin Anja Kohl, Journalist Dirk Steffens, Kolumnist Jan Fleischhauer und die Virologin Helga Rübsamen-Schaeff.

Nach heftiger Kritik hatte das Maischberger-Team das offensichtliche Versäumnis mit ein paar passiv-aggressiven Zwinkersmiley-Tweets verschlimmbessert: "Lasst uns doch alle erst mal die Sendung anschauen und anschließend gerne weiterdiskutieren. Machen wir das so? ;)", schlug man da vor. Dazu der Hinweis, dass es bei Maischberger ja nicht nur um eines, sondern mehrere Themen der Woche ginge (wir erinnern uns, das neue Konzept).

Inwiefern das aber nun erklären sollte, warum man offenbar keine kompetente Person zum Thema Rassismus und Polizeigewalt gefunden hatte, wusste die Redaktion wohl selbst nicht - weswegen sie dann am Mittwoch doch noch einen weiteren Gast präsentierte: die afroamerikanische Germanistik-Professorin Priscilla Layne aus North Carolina.

Die hatte man allerdings offenbar erst am Dienstagabend angefragt, wie Layne selbst auf Twitter angab. Dort kritisierte sie dann auch die Vorgehensweise der Maischberger-Redaktion: "Eine schwarze Person einzuladen, war für sie offenbar ein Last-Minute-Gedanke." Außerdem sei der Redaktion wohl nicht bewusst gewesen, dass Rassismus und Polizeigewalt keineswegs nur ein US-Phänomen sind. Dass sich nicht erst seit der vergangenen Woche viele schwarze Deutsche mit der nötigen Mischung aus Fachwissen und eigener Betroffenheit zu Wort melden, hat die Redaktion wohl verschlafen.

Und auch am Mittwochabend selbst war es interessant, wenn nicht gar befremdlich, zu sehen, wie das Thema Rassismus als Elefant im Raum meist eher elegant umtänzelt wurde. Von ein paar Ausnahmen einmal abgesehen. Kolumnist Fleischhauer, der in seinen Texten schon mal fordert, Nazis ihren Anspruch auf einen Platz in der Gesellschaft zu erhalten, nimmt erst mal den US-Präsidenten in Schutz. Vorwürfe gegen US-Präsident Donald Trump findet er "eigenartig", dieser sei ja nicht schuld an den "marodierenden Banden", die durch Städte wie New York zögen. In Deutschland würde man in solchen Fällen ähnlich rigoros vorgehen.

Anja Kohl (Expertise zum Thema laut Bauchbinde: "hat in den USA gelebt") versucht hier zwar gegenzuhalten und weist zumindest auf die wirtschaftlichen und sozialen Benachteiligungen von Schwarzen hin, der Ton der Sendung ist aber offenbar gesetzt: Im Fokus sollen nicht etwa die Anliegen der Proteste stehen, sondern die Methoden einiger von ihnen - ein Muster, das man etwa auch von den endlosen Schulschwänzer-Debatten um die junge Klimabewegung kennt. Und natürlich soll es auch darum gehen, ob diese lästigen Proteste und die Reaktion des US-Präsidenten inklusive angedrohtem Militäreinsatz im Inland denn nun das diplomatische Verhältnis zum Wirtschaftspartner Deutschland stören.

Überraschend konkret wird hier der der qua Amt sonst eher vorsichtige Außenminister: Im Gegensatz zu Maischberger, die beim Fall George Floyd nur von einem "Tötungsdelikt" spricht, sagt er, es sei "schmerzhaft zu sehen, wenn ein Mensch, der um sein Leben fleht, umgebracht wird". Der US-Präsident gieße mit seinen Drohungen "Öl ins Feuer", um seine Anhänger hinter sich zu scharen, das sei die "Masche von Populisten".

Als ihm Maischberger daraufhin einen Satz aus seinem Buch "Aufstehen statt wegducken" vorliest, in dem er 2017 schrieb, dass Donald Trump durch einen von "Lügen, Frauenfeindlichkeit und Rassismus" getriebenen Wahlkampf ins Amt gekommen sei, wird er allerdings wieder etwas betulicher. Er würde Trump nicht als "dauerhaften Rassisten" bezeichnen, sagt Maas, er habe allerdings problematische Äußerungen getätigt und solle lieber die "Gesellschaft zusammenhalten" als "Wunden aufzureißen".

Maischberger kommt nun wieder auf die Protest-Methoden zu sprechen: Wenn es in Deutschland zu Plünderungen käme, würde Maas dann auch zur "Deeskalation" raten? Würde er, sagt Maas. Auch Bundeswehr-Einsätze im Inneren würde heutzutage niemand mehr ernsthaft in Erwägung ziehen.

Die nun zugeschaltete Professorin Layne kann nun endlich zwei Fragen lang ihre Eindrücke aus der Perspektive einer Betroffenen schildern: Ihr Leben lang seien die Erfahrungen mit Polizisten in den USA immer schlecht gewesen, oftmals eine Frage von "Leben oder Tod". Unter Trump würde extremistisches Denken nun von oben befördert und angefeuert. Anstatt hier tiefer einzusteigen, fragt Maischberger nun lieber nach "linksterroristischen Gruppen", welche die Proteste laut Trump für Krawall nutzten - ob er damit denn nicht "einen Punkt" habe? Jeder müsse sich selbst überlegen, wie er oder sie protestieren möchte, sagt Layne, es gebe dazu durchaus Debatten innerhalb der Bewegung.

Dass Rassismus auch in Europa ein Problem ist, fällt unter den Tisch

Wenn es aber, wie im Fall der tödlichen Polizeigewalt, um Menschenleben ginge, in einem Land, in dem etwa der rassistische Ku-Klux-Klan weiterhin nicht verboten sei, seien ihr "Profit und Geschäft" nicht so wichtig, Plünderungen im Zweifel ein legitimes Protestmittel. Es gehe darum, dass "viele Amerikaner erst hinschauen, wenn man an die Geldbörse geht". Öffentliche Solidarisierungsaktionen einiger Polizisten mit Protestierenden hält sie für "performativ", beim Thema Rasissismus wünsche sie sich vielmehr tiefgreifende, strukturelle Veränderungen.

Was genau sie damit meint, dafür reicht die Zeit nicht, schließlich will Maischberger noch mit Maas über offene Grenzen für deutsche Urlauber reden - und auch sonst ist das Gespräch so oberflächlich, wie latenzdurchzogene Video-Chats von einem Kontinent zum anderen eben aus rein technischen Zwängen oft sind.

Wieder wünscht man sich eine Expertin im Studio, die den deutschen Zuschauer daran erinnert, dass Rassismus auch auf seinem Kontinent präsent ist. An Europas Außengrenzen etwa, die immer nur für bestimmte Menschen offen sind. Aber eben auch in der medialen Öffentlichkeit. Oder wie es Layne in ihrem Statement auf Twitter schreibt: "Ich merke, wie sehr meine Einladung den Bullshit widerspiegelt, mit dem sich auch schwarze Deutsche herumschlagen müssen: Zum Beispiel, wenn sie durch Gate-Keeping und institutionalisierten Rassismus aus wichtigen Unterhaltungen ausgeschlossen werden."

© SZ.de/jobr
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