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Sebastian Kurz bei "Maischberger":Tipps vom großen Bruder

Coronavirus - Maischberger

Weil Bayerns Ministerpräsidnet Söder kurzfristig absagte, hatte Österreichs Kanzler Sebastian Kurz bei "Maischberger" viel Sendezeit zur Verfügung.

(Foto: dpa)

Der österreichische Kanzler gibt sich in der Talkshow als Mann mit dem Masterplan. Doch dann fragt die Moderatorin nach dem Corona-Hotspot Ischgl.

Betriebsstörungen sind eigentlich selten ein Grund zu Freude. Für den österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz kam genau eine solche am Mittwochabend allerdings nahezu wie bestellt: Kurz war bei "Maischberger" zugeschaltet, von der Moderatorin selbst zunächst gastfreundlich, wenn nicht sogar ehrfürchtig behandelt: "Österreich geht voran" und "Was können wir von Österreich lernen? - Fragen an den Bundeskanzler Sebastian Kurz" hieß es im einleitenden Einspieler, bezogen auf die schrittweise begonnenen Lockerungen der dortigen Corona-Ausgangssperre, die immerhin eine der strengsten in Europa war.

Nachdem wie immer ein Trio aus deutschen Journalisten ein wenig geplaudert hatte (wie oft mit diesem leicht selbstreferenziellen "Presseclub"-Touch, so ganz erschließt sich das erneuerte Maischberger-Konzept leider nach wie vor nicht), hatte Kurz die Bühne etwa zehn Minuten lang für sich allein. Markus Söder, der als zweiter Politiker zur Runde stoßen sollte, hatte kurzfristig abgesagt, der Koalitionsausschuss im Kanzleramt dauerte mal wieder länger.

Kurz mimte wie immer den Mann mit dem Masterplan. Die offensichtlich erfolgreichen Maßnahmen in Österreich verschaffen ihm derzeit nicht nur dort Beliebtheits-Höchstwerte. Seine Antworten formuliert er wie ein großer Bruder, der dem kleineren einige Erfahrungen voraus ist, im konkreten Fall eine Woche Lockdown-Vorsprung, und nun das Gelernte weitergibt: Man werde in Österreich schrittweise "hochfahren" - eines der meistverwendeten Verben dieser Tage, als sei die Gesellschaft ein Windows-Rechner - "schön behutsam, schön vorsichtig", zunächst mit den kleinen Geschäften, dann mit den großen, dann mit der Gastronomie und den Schulen.

Das Virus sei allerdings nicht "verschwunden", mahnt Kurz, es sei nur "nicht mehr so verbreitet" - eine Formulierung, bei der sich wohl mancher Experte an die Stirn fassen dürfte, leider stieß ein solcher mit Dirk Brockmann vom Robert-Koch-Institut erst zur Sendung, als der österreichische Kanzler schon weg war. Kurz, ansonsten bekannt für seine Liebe zu starken Grenzen, warb auch noch für deutschen Sommertourismus in seinem Land, er sei da "sehr optimistisch". Wenn in beiden Ländern weiterhin alles so liefe wie bisher, könne man die Grenzen - das Bild vom Windows-Rechner ist wieder da - "runterfahren".

Kurz ist genervt vom "Blame Game"

Da Kurz vom Tourismus spricht, kommt Sandra Maischberger nicht umhin, nach dem europaweit als Corona-Hotspot bekannten Skiort Ischgl zu fragen. Diesen hatten Experten aus Island bereits am 5. März über das Europäische Frühwarnsystem als "Cluster" definiert, nachdem zahlreiche Touristen von dort mit einer Corona-Infektion auf die Insel heimgekehrt waren. Der Ski-Betrieb lief allerdings noch bis zum 15. März, was zu tausenden weiteren Infektionen führte. Daher werfen österreichische und internationale Medien nicht nur Tiroler Lokalpolitikern, sondern auch der Regierung in Wien vor, die Vorfälle wider besseres Wissen verschwiegen zu haben. Der österreichische Verbraucherschutzverein regt momentan eine Sammelklage gegen Tiroler Behörden und die Republik Österreich an.

Maischberger will von Kurz wissen, ob im Fall Ischgl die "Gier über die Gesundheit" gegangen sei. Kurz sagt, dass ein dortiges Fehlverhalten, sollte es das gegeben haben, natürlich bestraft würde, gibt sich dann aber genervt vom vermeintlichen "Blame-Game", also gegenseitigen Schuldzuweisungen, die bezüglich des Virus gerade weltweit ausgetauscht würden: In Italien beschuldige man "die Chinesen" für den Ausbruch, in Ischgl italienische Skitouristen, in Deutschland wolle man sich nun beim Urlaub in Österreich angesteckt haben. Das möge "ja alles stimmen", bringe "uns aber nur mäßig weiter".

Dann steigt er munter ins Blaming ein: Er habe von "Studien" gehört, denen zufolge sich das Virus tatsächlich von München aus über Europa verbreitet habe - vermutlich bezieht er sich dabei allerdings gar nicht auf eine Studie, sondern auf eine Twitter-Hypothese des US-amerikanischen Virus-Genetikers Trevor Bedford. Er wisse nicht, ob diese "Studien" stimmten, er mache aber auch niemandem in München einen Vorwurf, die Pandemie wüte ja schließlich weltweit, es gäbe da nicht "einen Schuldigen" - als ob Maischberger das behauptet hätte.

Und nun kommen wir zur Betriebsstörung des Abends: Maischberger hakt nach, wie man den Ski-Betrieb nach Bekanntwerden der Corona-Fälle in Ischgl denn so lange habe weiterlaufen lassen können - und genau in diesem Moment fällt der Sende-Betrieb leider aus, wie ein Windows-Rechner. Als er wieder einsetzt, verweist Kurz erneut darauf, dass Straftaten selbstverständlich aufgeklärt würden, und darauf, wie schnell sein Land reagiert habe, man stehe deswegen heute besser da als andere Länder: "Wir können also nicht alles falsch gemacht haben".

Und nach einer letzten Frage zur europäischen Solidarität in Finanzfragen (klares Nein zu Euro-Bonds), hat der Kanzler das Interview dann auch schon überstanden. Er schließt lächelnd und mit den Worten: "Danke vielmals und alles Gute in Deutschland".

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© SZ.de/olkl
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