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Fernsehnutzung in Zeiten von Corona:Alle schauen hin oder träumen sich weg

Die abgeschiedene Zeit während der Corona-Krise bringt uns dem allgegenwärtigen Fernsehprogramm wieder näher.

(Foto: Ali Pazani/Unsplash)

Wird durch Corona mehr Fernsehen geschaut? Und vor allem: Sind eher Unterhaltungssendungen besonders gefragt - oder Ablenkung? Dazu liegt nun eine erstaunliche Studie vor.

Von Lisa Priller-Gebhardt

In der Verzweiflung des Stubenarrests stöbert man durch die Mediatheken und stößt völlig überraschend auf Girl Friends - Freundschaft mit Herz aus den 90er-Jahren, mit Mariele Millowitsch in der Hauptrolle. In einer Art modernem Märchen verlässt die Metzgerstochter Marie ihr Dorf und ihren untreuen Freund und zieht mit Hund Biene nach Hamburg. Da locken Dessous-Parties, ein Job als Datatypistin und eine neue Liebe. In der Serie, vom ZDF als "Retro-Highlight" angepriesen, wird geraucht und gefummelt, was das Zeug hält. Dagegen ist Sturm der Liebe aus der Mediathek der ARD regelrecht keusch. Eins haben beide gemeinsam: Sie sind Publikumsrenner in der aktuellen Krise. Binge-Watching für fortgeschrittene Semester.

Tatsächlich bescheren die Ausgangsbeschränkungen den Mediatheken von ARD, ZDF sowie Joyn (Pro Sieben Sat 1 / Discovery) und TV Now (RTL) einen Boom. Laut aktueller Analyse der Fernsehforscher stieg die Nutzung im März um circa zehn Prozent. Gerade die Generation Netflix, die inzwischen wohl alle interessanten Inhalte auf den US-Plattformen abgegrast hat, entdeckt jetzt die digitalen Outlets der Sender für sich. Das hat die AGF Videoforschung in einer aktuellen Analyse "TV-Nutzung in der Corona-Krise" herausgefunden.

Generell wird, seit die Welt coronakrank ist, wieder mehr ferngesehen. "In dieser unsicheren Zeit, in der viele Menschen zu Hause bleiben müssen, steigt das Bedürfnis nach Information und Ablenkung", sagt die Vorsitzende der AGF-Geschäftsführung, Kerstin Niederauer-Kopf. Im März, also dem Monat, in dem in Deutschland drastische Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie ergriffen wurden, lag die Sehdauer im Gesamtpublikum mit durchschnittlich 244 Minuten um ganze 18 Minuten über dem Vorjahresmonat und damit auf Rekordniveau. Der Anstieg ist umso auffälliger, weil der Konsum klassischen Fernsehens seit Jahren sinkt. Und überraschenderweise sind die jüngeren Zielgruppen auf der Suche nach Information die Treiber der steigenden TV-Nutzung.

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"Allen Diskussionen zum Thema 'Lügenpresse'' und der abnehmenden Bedeutung von Medien zum Trotz sind es die großen öffentlich-rechtlichen Medienmarken ARD und ZDF, die derzeit angesteuert werden", sagt Niederauer-Kopf. Nachrichten vermitteln relevante Informationen, werden laut Analyse "zur Tagesklammer und Richtschnur der Menschen".

Diese Beobachtung dürfte vielen Fernsehmanagern gute Laune machen, denn sie glaubten die Jüngeren längst verloren an die Konkurrenz aus Netflix & Co. "Wir haben mit Jugendlichen gesprochen, die tatsächlich seit der Krise zum ersten Mal in ihrem Leben die Tagesschau von Anfang bis Ende gesehen haben", sagt Ines Imdahl. Sie ist Gründerin und Inhaberin des Marktforschungsinstituts Rheingold Salon und hat die empirischen Nutzungsdaten mit einer tiefenpsychologischen Analyse ergänzt, als "Verbindung von qualitativer und quantitativer Forschung", heißt es bei der AGF. Dazu wurden Tiefeninterviews in unterschiedlichen Altersgruppen geführt und evaluiert.

Fernsehen helfe, die innere Panik in den Griff zu bekommen, sagt die psychologische Analyse

Die Liste der Gewinner jedenfalls dominiert die Tagesschau auf dem 20-Uhr-Sendeplatz. "Die ganze Familie versammelt sich vor dem Fernseher, um gemeinsam Nachrichten zu schauen. Diese erhalten einen Live-Charakter, den wir bisher so nicht gesehen haben", sagt Imdahl. Fernsehen helfe, die innere Panik in den Griff zu bekommen.

Aber nicht nur die Hauptabendnachrichten wie Tagesschau und Heute-Journal finden ihr Publikum, auch die auf Nachrichten spezialisierten Spartensender N-tv, Welt und Tagesschau 24 laufen bei vielen Zuschauern, die im Home-Office arbeiten, als permanentes Grundrauschen. Am stärksten entwickeln die 14- bis 29-Jährigen in der Krise einen neuen Hang zu seriösen Nachrichten, an Stelle von relativ beliebiger Informationssuche im Internet, so die Analyse - sie legen jetzt Wert auf Qualitätsjournalismus und saubere Recherche.

Nicht nur Nachrichten, auch Unterhaltungssendungen punkten beim Publikum. "Das, was junge Menschen am meisten vermissen, nämlich das Daten, Reisen, Shoppen und mit Freunden rausgehen, wird nun im Fernsehen gesucht", so die Psychologin. Es habe durchaus einen stabilisierenden Effekt, zu sehen, dass die Realität weitergeht. Dokutainment-Formate wie Zwischen Tüll & Tränen, Shopping Queen und First Dates avancierten zu festen Terminen bei den 20- bis 29-Jährigen.

12,402 Millionen

Zuschauer sahen am 22. März die Ausgabe der "Tagesschau" in der ARD um 20 Uhr. Das war die höchste Sehbeteiligung unter allen Nachrichtenformaten im März. Die Fernsehforscher von der AGF haben die "TV-Nutzung in der Corona-Krise" untersucht und kommen vor allem bei den jüngeren Zuschauern zu überraschenden Ergebnissen.

Während die öffentlich-rechtlichen Sender vorrangig im News-Genre zulegen, steigen die Zahlen der privaten Sender bei der Unterhaltung: Vor allem Shows standen zuletzt bei den Zuschauern hoch im Kurs - hier treiben ebenfalls die jüngeren Zuschauer den Nutzungsanstieg. Im März 2020 sahen die 14- bis 49-Jährigen im Schnitt 579 Minuten lang Sendungen wie Let's Dance, The Masked Singer, Kitchen Impossible und Germany's Next Topmodel - eine Steigerung von 20,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Verglichen mit dem Vormonat Februar 2020 schauten vor allem die 14- bis 20-Jährigen mehr: plus 32,8 Prozent.

Und seit Millionen Schüler zu Hause lernen müssen, sind auch die Nutzungszahlen der Kinder- sowie der Bildungssender stark angestiegen. ARD Alpha hat sein Programm umgebaut und setzt auf Homeschooling - und zeigt jeden Tag von neun bis zwölf Uhr Lernfernsehen. "Die Nutzung von ARD Alpha ist deutlich angestiegen, wenn auch auf niedrigem Niveau", erklärt Niederauer-Kopf.

Verlierer in der AGF-Rechnung sind, wenig überraschend, die Sportsender. In Summe ist im März die Sehdauer um etwa die Hälfte eingebrochen. Die Bundesliga legt eine Zwangspause ein und auch sonst finden keine Wettbewerbe statt. Sportsendungen ohne Live-Sport, das ist wie Papstaudienz ohne Papst. Zwar versuchen Sky, Dazn, Eurosport und Sport 1 die Programmlücken zu füllen und greifen im Moment im großen Stil auf Konserven zurück. Sie zeigen Klassiker der Bundesliga, um die Fans nicht ganz zu verlieren. Doch Psychologin Imdahl meint: "Was man jetzt auf gar keine Fall sehen möchte, ist ein volles Stadion. Das reißt den eingefleischten Fans das Herz heraus."

© SZ vom 16.04.2020/cag

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