ARD-Doku über Kevin Kühnert:Beängstigendes Talent

Kevin Kühnert und die SPD

Kevin Kühnert.

(Foto: NDR/Lucas Stratmann)

Drei Jahre lang hat eine NDR-Dokuserie Kevin Kühnert begleitet - und holt Bemerkenswertes ans Licht.

Von Sonja Zekri

Wer Grundzüge des politischen Geschäfts verstehen will, der sollte nicht nur auf jene achten, die gestern etwas mit Emphase beteuert haben und heute nichts mehr davon wissen wollen, sondern auch auf jene, die darauf reagieren. Olaf Scholz zum Beispiel hatte im November 2019 - zugegeben einer anderen Epoche - seine Kandidatur für den SPD-Parteivorsitz erklärt, nachdem er zuvor jede Überlegung in diese Richtung weit von sich gewiesen hatte. Und was macht Kevin Kühnert, dessen unrundes Verhältnis zu Scholz in der vierten Folge der Serien-Dokumentation Kevin Kühnert und die SPD gut belegt ist? Freut sich, vollzieht die Kehrtwendung anstrengungslos mit. Scholz stehe "für etwas Unverwechselbares", lobt er. Dann verhilft er dem linken Duo Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans zum SPD-Parteivorsitz. Und Scholz geht unter.

Es gäbe manches, was man sich in dem NDR-Sechsteiler von Katharina Schiele und Lucas Stratmann anders wünschte, beispielsweise ein oder zwei Folgen weniger. Was hingegen sehr deutlich und fast ein bisschen beängstigend zutage tritt, ist das ungeheure strategische Talent Kevin Kühnerts. Drei Jahre, vom Oktober 2018 bis zum denkwürdigen September 2021 - die Serie durfte erst nach der Bundestagswahl ausgestrahlt werden -, haben die beiden Filmemacher den damaligen Juso-Vorsitzenden, späteren SPD-Vizevorsitzenden und jetzigen Bundestagsabgeordneten Kühnert begleitet.

Was man sieht: einen nicht sehr großen, durchaus pausbäckigen jungen Mann

Sie haben ihn Hunderte Telefonate führen, SMS schreiben und Interviews geben sehen, beim Kartoffelsalat mit den Jusos in Trier und beim Rauchen, immer wieder beim Rauchen: einen nicht sehr großen, durchaus pausbäckigen jungen Mann, der das Hemd über der Hose trägt und genau weiß, wie er die Debatte hoch und wie er sie wieder runter bringt.

Kühnert war der, der gegen die Groko mobilisierte, der in einem Zeit-Interview von "Kollektivierung" sprach, der weder das Wort "Sozialismus" scheut noch das Wort "Macht". Die FAZ nannte ihn dafür "Wahlschreck", der Spiegel schrieb vom "Sprengkommando Kühnert". Auf dem Berliner Hauptbahnhof möchte Kühnert von Franz Müntefering lieber nicht gesehen werden. Einmal berichtet Kühnert im Büro fast verwundert, dass er auf dem Weg zur Arbeit zweimal angepöbelt wurde. Die SPD tendierte damals fast ins Einstellige.

Einmal sagt Hubertus Heil beim Streit: "Hier sind mir zu viele Mikrofone."

Man sieht einen Rastlosen, aber keinen Berserker. Er habe keine Lust auf ein Interview, indem es nur um "Personalscheiße" gehe, sagt er auf dem Höhepunkt der Vorwürfe gegen Parteichefin Andrea Nahles. Andererseits weckt der Film mit solchen Momenten wohl genau den Eindruck, den Kühnert zweifellos erreichen will. Katharina Schiele und Lucas Stratmann zeigen ihn nicht bei internen Sitzungen. Als Kühnert und die Jusos mit Hubertus Heil auf einem vollen Parteitag über die Aufhebung von Sanktionen für Verstöße von Hartz-IV-Empfängern streiten, sagt Heil: "Hier sind mir zu viele Mikrofone."

Bestenfalls bekommt man eine Ahnung davon, wie Politik gemacht wird, und gemessen an den Kulissen ist es eine freudlose Sache. Zugige Balkons, kahle Büros, Konferenzsäle von entwaffnender Nacktheit. Als Kühnert sich für den Vorsitz als Parteivize bewirbt, steigert er sich zu einer hochemotionalen Rede, führt einen kleinen Trick mit einer roten Socke (rechte Diffamierung der Linken) und einer blauen Socke vor (wahrer Charakter der Rechten), und reißt die Genossen dann buchstäblich von den Sitzen mit der Verheißung, dass die Partei wieder ausstrahlen kann, was sie auszustrahlen verdient hat, wenn, ja, wenn nur all jene zusammenhalten, die die "Zukunft im Herzen" tragen. Als Kühnert den Juso-Vorsitz abgibt, kommen ihm die Tränen. Das war es mit den großen Emotionen aber auch schon wieder.

Bis, ja, bis zu diesem Herbst natürlich. Der Reiz dieser Langzeitdokumentation liegt ja auch darin, dass sich die Perspektive vor eineinhalb Wochen so völlig umgekehrt hat, dass die routinierten SPD-Runterschreiber mindestens so sehr ins Grübeln kommen müssten wie Armin Laschet. Kühnert hat eisern Wahlkampf für Scholz gemacht, den er allen Ernstes als "Kraftriegel" der Wahl bezeichnete. Nun sieht man ihn neben Hubertus Heil, beide haben den Einzug in den Bundestag geschafft, Kühnert, der gebürtige West-Berliner, für den Berliner Wahlkreis Tempelhof-Schöneberg. "Wenn du überlegst, wo wir angefangen haben", sagt er zu Heil. Und schaut direkt in die Kamera. Selbst in diesem Moment kommt der Film Kevin Kühnert genau so nah, wie Kevin Kühnert es will.

"Kevin Kühnert und die SPD", ARD-Mediathek und jeweils um 0 Uhr im NDR.

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