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Björn Höcke im MDR:"Ach, Herr Sänger"

Björn Höcke im MDR-Interview

Björn Höcke im Interview mit dem MDR.

(Foto: Screenshot Sommerinterview MDR)

Der MDR lässt sich auf ein Interview mit dem Thüringer AfD-Chef ein. Und so ist es gelaufen.

Von Ulrike Nimz

Diesmal glitzert kein See im Hintergrund, nur ein paar immergrüne Topfpflanzen schmücken das MDR-Landesfunkhaus in Erfurt, in dessen Foyer Moderator Lars Sänger seinen heutigen Gast vorstellt, "einen Mann, der deutschlandweit polarisiert". Und das ist natürlich die sehr höfliche Beschreibung eines Politikers, der einem Gerichtsurteil zufolge "Faschist" genannt werden darf.

Warum er als Fraktions- und Parteichef der Thüringer AfD, als prominentes Mitglied, nicht endlich für ein Bundesamt kandidiere, will Sänger als Erstes von Björn Höcke wissen, und ob ihm der Mut ausgegangen sei. "Warum entziehen Sie sich der Verantwortung?" Höcke, weißes Hemd, sommerlich gebräunt, will eine Kandidatur für den Bundestag im kommenden Jahr nicht ausschließen, ziert sich, bleibt vage. So wird das weitergehen.

Das Sommerinterview mit Björn Höcke ist das fünfte von insgesamt sechs Gesprächen, die der Mitteldeutsche Rundfunk mit den Spitzenpolitikern Thüringens führt und geführt hat. Die Frage, ob man jemanden wie Höcke überhaupt interviewen dürfe und, wenn ja, wie, hat schon vor der Ausstrahlung eine Debatte entfacht. Auch weil der RBB wenige Wochen zuvor gezeigt hatte, wie man es besser nicht machen sollte. In der Reihe "Politik am See" kam dort der AfD-Politiker Andreas Kalbitz vor Urlaubskulisse zu Wort. Der Sender geriet ob des Plaudertons in einen Shitstorm, der das Ende des kompletten Formats nach sich zog.

In Artikel 11 Absatz 2 des Rundfunkstaatsvertrages verpflichten sich die öffentlich-rechtlichen Anstalten zu Objektivität, Unparteilichkeit und Ausgewogenheit. Vor allem im mittleren Osten des Landes stellt das die Redaktionen vor besondere Herausforderungen. In den dortigen Landesparlamenten vertritt die AfD bis zu ein Viertel der Wähler. Kann man den Oppositionsführer da einfach außen vor lassen? Der MDR hält an seinen Sommerinterviews fest, verwahrt sich gegen den Vorwurf, Höcke ein Podium für rechtsextreme Thesen zu bieten. Es handle sich mitnichten um einen "Sommerplausch", teilte der Sender auf Twitter mit.

In Erfurt will Lars Sänger wissen, was es mit dem völkisch-nationalistischen "Flügel" und dessen Auflösung auf sich hat. "Herr Höcke, helfen Sie mir: Haben Sie alle Mailverteiler aufgelöst? Telefonieren Sie jetzt nicht mehr miteinander?" Er setzt damit den Ton für die folgenden 36 Minuten, höflich, aber nicht servil. Bisweilen spöttisch, aber um rasche Klarstellung bemüht, wenn Höcke den Pfad der Fakten verlässt und beispielsweise die Corona-Pandemie für beendet erklärt.

"Ach, Herr Sänger", antwortet der AfD-Mann und klingt wie ein Lehrer, der einen begriffsstutzigen Zögling tadelt. Der Flügel sei Geschichte, sagt Höcke. Aber nicht wegen der Beobachtung durch den Verfassungsschutz, sondern weil die Gruppierung sich selbst überflüssig gemacht habe. "Der Geist des solidarischen Patriotismus" sei nach wie vor wichtig für die Partei, viele Kollegen hätten ihre politische Einstellung sicher nicht geändert, so Höcke. Es ist das indirekte Eingeständnis, dass die alten Netzwerke weiter existieren. Eine Überraschung ist es nicht.

Höcke blickt verdrießlich drein, räuspert sich. Er fühlt sich nicht wohl in der Gegenwart von Journalisten, man kann das in den turnusmäßig stattfindenden Pressegesprächen mit den Fraktionschefs des Thüringer Landtages beobachten, wo er sich öfter mal vertreten lässt.

Und natürlich geht es irgendwann um die Wahl Thomas Kemmerichs (FDP) zum Kurzzeit-Ministerpräsidenten, Björn Höckes wohl größten Coup. Warum die AfD-Fraktion am 5. Februar den eigenen Kandidaten nicht gewählt habe, fragt der Moderator, spricht von "Finte, Verwirrspiel, Trickserei". Es sind problematische Begriffe, weil sie die weitreichenden Folgen dieser Wahl nicht erfassen, die Demonstrationen, die politischen Verwerfungen in Berlin. Weil sie nicht die ausgeprägte Demokratieverachtung der Thüringer AfD beschreiben, wohl aber deren Strategie steter Selbstverharmlosung stützen. Man habe eine "bürgerliche Alternative für Thüringen" durchsetzen wollen, sagt Höcke, spricht von einem "legendären Wahlgang". Der eigentliche Skandal sei doch die "Rückabwicklung der Wahl" gewesen. Sänger hakt nach: Für die anderen Parteien wäre das mitnichten eine bürgerliche Koalition gewesen.

Der Moderator ist vorbereitet, kennt die Corona-Fallzahlen ebenso wie aktuelle Umfragen zur Akzeptanz der Maskenpflicht. In seiner Ruhe bietet er Höcke kaum Anlass zur selbstgerechten Empörung, treibt ihn aber auch nicht in die Ecke. "Wir nehmen das jetzt mal so hin", ist ein Satz, der in bissiger Ironie öfter fällt und verhindern soll, dass sich beide Gesprächspartner im verbalen Schlagabtausch hoffnungslos verhaken. Er führt aber auch dazu, dass Höcke immer mal wieder das letzte Wort haben darf.

Der AfD-Mann wird wissen, dass ihm so ein Interview nicht ernsthaft schaden kann. Weil viele seiner Anhänger dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk längst den Rücken gekehrt haben. Weil alles Einhaken, Widersprechen und Klarstellen nicht verhindern kann, dass Begriffe wie "Gottkanzlerin" fallen, von "Millionen illegaler Migranten" die Rede ist und Corona-Leugner als aufrechte Kämpfer für die Grundrechte dargestellt werden.

In der Disziplin, sich als verfolgte Unschuld zum Opfer der Medien zu stilisieren, hat Björn Höcke es zur Meisterschaft gebracht. Im September vergangenen Jahres brach er ein Interview mit dem ZDF nach etwa zehn Minuten ab. Der Sender hatte Parteikollegen ein Zitat vorgelegt, mit der Frage: "Ist das aus 'Mein Kampf' oder von Herrn Höcke?"

Bei Lars Sänger bleibt Höcke zwar sitzen, klagt aber auch in Erfurt über "Trollfragen" und "systematisches Mobbing". Der Interviewer hält dagegen, listet auf, in welchen Sendungen des MDR die AfD in der Vergangenheit zu Wort gekommen ist. Höcke lächelt nachsichtig und gibt seinem Gegenüber am Ende recht: Der MDR sei da noch ganz gut.

© SZ/cag/ebri
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