bedeckt München 27°

"Hart aber fair" zu Griechenland:Sinns Gleichung: Drachme = Tourismus

Dafür reichte es mit Anstrengungen nur zu "ausreichend", wahrscheinlich eher zu "mangelhaft". An einer einer glatten "Sechs" in diesen Disziplinen schrammte die Sendung nur vorbei, weil die Gäste dann doch zu sachlichen Zustandsbeschreibungen in der Lage waren, die freilich wenig Neuigkeitswert besaßen: Oppermann referierte noch einmal die politischen Risiken, die mit einem Grexit einhergingen und verwies auf die marode Verwaltungsstruktur Griechenlands.

Alle bis auf Reichelt waren sich einig, dass die jahrelangen Kampagnen der Bild-Zeitung gegen die Griechen ("Pleite-Griechen", "Griechen-Raffkes", "Gierige Griechen") daneben seien. Die kollektive Empörung über die Ausfälle des griechischen Verteidigungsministers Panos Kammenos (Plasberg: "Flüchtlinge als Waffe") war noch einmal groß, und Athens Verquickung der historischen Schuld Deutschlands gegenüber Griechenland mit den Euro-Schulden Griechenlands gegenüber Deutschland wurde von allen Gästen als unglücklich dargestellt.

All diese Themen sind im deutschen Talkshow-Fernsehen bis zum Abwinken durchgekaut worden, doch die interessantere Frage, wie ein gangbarer Ausweg aus dem deutsch-griechischen Dilemma gefunden werden könnte, die blieb auch an diesem Abend weitgehend unbeantwortet.

Immerhin deklinierte Hans-Werner Sinn an plastischen Beispielen durch, warum aus seiner Sicht die einzige Lösung des Problems im Grexit läge, weil das Land durch die Abwertung der Währung wieder wettbewerbsfähig würde. Seine einfache Gleichung: Mit der Drachme kämen auch wieder Touristen. "Griechenland hätte sofort einen Bauboom" und: "Die Leute essen wieder ihre eigenen Tomaten." Derzeit importierten sie so etwas aus Holland.

Solche Experten gibt es

Das klingt zu schön, um wahr zu sein und tatsächlich hat Sinns Grexit-Vorschlag einen Haken: Als Professor muss er das politische Risiko nicht tragen, das ohne jeden Zweifel in einem Aufbrechen des Euro-Raumes läge, nicht zuletzt für eine Exportnation wie Deutschland. Das griechische Bankensystem stünde zudem sofort vor dem Kollaps und die soziale Katastrophe, von der das Land ohnehin massiv betroffen ist, würde sich zunächst verschärfen.

Es hätte der Sendung daher gutgetan, wenn Sinn ein Gegenüber gehabt hätte, das den politisch nach wie vor gewünschten Verbleib Griechenlands im Euro-Raum auch mit ökonomischen Argumenten hätte untermauern können.

Solche Experten, die nicht nur für eine verbale Abrüstung, sondern auch für echte inhaltliche Kompromisse auf beiden Seiten werben, gibt es: etwa den Berliner Ökonomen Henrik Enderlein. Der hält den griechischen Wunsch einer fiskalischen Stimulanz der Konjunktur, der dem Land auch nach fünf Jahrens brutalen und destruktiven Sparens verweigert wird, für ebenso berechtigt, wie den Wunsch der Euro-Länder nach einer Generalinventur des griechischen Staates: weg von Korruption und Kleptokratie, hin zu einer effizienten Steuerverwaltung und funktionierenden Katasterämtern.

Der Weg dahin ist mühsam. Er wird aber nicht dadurch leichter, dass hierzulande ein Stinkefinger im Augenblick das interessanteste Thema in diesem Kontext zu sein scheint.

© SZ.de/mikö

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite