Fernsehfilm Der Paragraf, der auf die Straße treibt

"Aufbruch in die Freiheit" erzählt die Geschichte der "Wir haben abgetrieben"-Kampagne an einer der nicht prominenten Protagonistinnen.

(Foto: ZDF und Martin Rottenkolber)
  • Am 6. Juni 1971 schockierte die Wochenzeitschrift Stern mit dem Titel "Wir haben abgetrieben" mit 374 bekennenden Frauen, darunter viele Prominente, die BRD.
  • Das ZDF zeigt jetzt einen Spielfilm, der die mögliche Geschichte einer nicht-prominenten Frau auf dem Titel erzählt.
  • Das Bestürzende an dem Film ist nicht der Umstand, wie die Verhältnisse mal waren, sondern die Ahnung, dass sie wieder so werden könnten wie in den Siebzigerjahren.
Von Silke Burmester

Es gibt nur wenige Titelblätter, die sich stark in das kollektive Gedächtnis eingegraben haben. "Wir haben abgetrieben" ist so einer. Am Sonntag, den 6. Juni 1971 krachte die Wochenzeitschrift Stern mit eben jener Zeile und den Fotos von 28 bekennenden Frauen auf dem Cover in die heilige Sonntagsruhe der BRD, denn das Magazin erschien damals am Wochenende. 374 Frauen hatte Alice Schwarzer zusammenbekommen, um sich in der Öffentlichkeit zur Straftat der Abtreibung zu bekennen und mit dem Tabubruch eine Diskussion loszutreten, deren Nachwehen noch heute spürbar sind.

Auch das Image des Stern glimmt noch von der Leuchtkraft dieses Sensationstitels. Zum 70. Jahrestag der Konzeptübernahme der NS-Zeitschrift Stern durch Henri Nannen 1948 freut man sich in der Presseabteilung von Gruner + Jahr, daran erinnern zu können. Beim Erinnern hilft das ZDF, das einen Spielfilm erst in Kino-Previews, dann ins Fernsehen schickt, der die mögliche Geschichte einer möglichen Frau auf dem Titel erzählt (Drehbuch: Andrea Stoll, Heike Fink, Ruth Olshan).

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Es ist die Geschichte der Erika Gerlach (Anna Schudt), die mit ihrem Mann und drei Kindern eine Autostunde von Köln entfernt auf dem Land lebt. Ungewollt wird sie schwanger - und treibt das Kind, ohne Wissen ihres Mannes, illegal in Köln ab. Der Eingriff muss wegen des Eintreffens der Polizei abgebrochen werden, auf der Straße bricht sie zusammen, verblutet fast. Erika findet Unterstützung bei ihrer in der Stadt lebenden Schwester Charlie (Alwara Höfels), die sich mit ihrem hippiesken Lebenswandel aus dem Muff der Nachkriegszeit zu befreien versucht. Erika distanziert sich von ihrem Mann, holt die drei Kinder in die Wohnung von Charlie, denn sie merkt bald, dass das Leben außerhalb ihres Dorfes Lebendigkeit bedeutet, Freude, Gemeinschaft. Charlie ist, wie ihr Umfeld, im Kampf gegen den Abtreibungsparagrafen engagiert und so wächst Erika Schritt für Schritt in ein neues Selbstbewusstsein hinein, und beschließt, bei der Stern-Kampagne mitzumachen.

Der Regisseurin Isabel Kleefeld gelingt es, mit der Darstellung des dörflichen-katholischen Lebens zu Beginn der Siebziger Jahre eine erdrückende Beklemmung zu erzeugen, die mehr an die Fünfziger erinnert, denn an die Zeit als die Rolling Stones ihr Album "Sticky Fingers" veröffentlichten. Sie zeichnet das Bild einer Gesellschaft, in der der Vater sonntags im Anzug am Kaffeetisch sitzt und buchstäblich auf den Tisch haut, wenn die Lehrerin kommt, um ihn von der Notwendigkeit zu überzeugen, die älteste, sehr begabte Tochter, aufs Gymnasium zu schicken, anstatt sie in der heimischen Metzgerei Wurst verkaufen zu lassen. So gut das gelingt, so stimmig und erschreckend eng die Atmosphäre ist, so wenig authentisch geraten die Großstadtszenen. Sie muten an, als hätte man sich einer Karneval-Klamottenkiste mit der Aufschrift "Siebziger-Style" bedient. Auch hätte es der Eingangsszene nicht bedurft, in der die Häkelwesten gekleidete Charlie zu spät in ihrem Käfer zur Firmung der Nichte ins Dorf gerumpelt kommt, um den kulturellen Unterschied der Schwestern als Kampf von Tradition und Moderne zu verdeutlichen - die Zuschauer hätten es auch so verstanden. Diese Ärgernisse ignorierend, erzählt "Aufbruch in die Freiheit" von der mehrfach ausgezeichneten Regisseurin und Drehbuchautorin Kleefeld interessant und überzeugend die Wandlung einer Frau vom Biederlein zur Aktivistin.

Die Geschichte zeigt, wie Paragraf 218 aus angepassten Frauen Rechtsbrecherinnen machte

Der Kniff, die Geschichte an einer der nicht prominenten Protagonistinnen der "Wir haben Abgetrieben"-Kampagne zu erzählen, ist klug gewählt, denn sie zeigt, wie der Paragraf 218 aus angepassten Frauen Rechtsbrecherinnen machte, denen bis zu fünf Jahre Gefängnis drohten - und viele von ihnen in eine bis dahin nicht vorstellbare politische Aktivität drängte.

Am Eindringlichsten aber ist ausgerechnet die Zeichnung und Darstellung von Erikas Mann, Kurt, großartig überzeugend gespielt von Christian Erdmann. Ihm gelingt es mit seinem Schauspiel, das Machtverständnis gegenüber der Ehefrau, die etwa ohne Unterschrift des Ehemannes nicht arbeiten durfte, darzustellen. Erdmann zeigt, wie nah in dieser Generation, 25 Jahre nach Kriegsende, Frustration und Wut unter der Oberfläche der "geordneten Verhältnisse" lagen. In seiner Figur des Kurt ist alles drin: Der albtraumhafte Druck der deutschen Geschichte, der tradierte Anspruch an den Patriarchen, die Unfähigkeit dem gerecht zu werden. Christian Erdmann spielt einen Mann, der als Schlachter das Fleisch zerteilt, aber die Familie nicht zusammenhalten kann. Es ist die Generation von Männern, die von Frauen wie Erika in den Siebzigern im großen Maße verlassen wurden.

Das Bestürzende an dem Film ist nicht der Umstand, wie die Verhältnisse mal waren, sondern die Ahnung, dass sie wieder so werden könnten. In europäischen Ländern wie Polen und Spanien müssen Frauen das Recht auf Abtreibung wieder verteidigen, in Deutschland wächst der Druck auf abtreibende Frauen und Ärzte. Umso schöner ist das Motiv, das den Film durchzieht: weibliche Solidarität. Sie ist es, die im Verborgenen blüht und auch im Film - in mehrfacher Hinsicht - Erika rettet.

Vor der Ausstrahlung im ZDF am 29. Oktober ist der Film in Dortmund, Stuttgart, Frankfurt und Hamburg in Kino-Previews zu sehen. Die Regisseurin, eine der Autorinnen, Verantwortliche vom ZDF und dem Stern, sowie eine Hauptdarstellerin sind anwesend. Auch das lässt sich als Zeichen weiblicher Solidarität verstehen. 47 Jahre nach dem legendären Cover, in einer Zeit, in der sich Ärztinnen wie Kristina Hänel wegen Information über Schwangerschaftsabbrüche auf ihrer Homepage vor Gericht verantworten müssen und es womöglich nur eine Frage der Zeit ist, bis der Paragraf 218 wieder unter Beschuss durch Konservative gerät.

29. Oktober, 20.15, ZDF

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