Diversität:Hierzulande wird noch oft die "Lightvariante" des Migranten besetzt

Lesezeit: 4 min

In den USA ist aus der Oscars-so-white-Debatte längst auch eine über Asiaten und Hispanics im Showgeschäft geworden; und in Deutschland hat erst kürzlich eine von Maria Furtwängler initiierte Studie über Frauen im Fernsehen für große Aufmerksamkeit gesorgt. Die Frage, ob das Fernsehen denn noch die Wirklichkeit abbildet, treibt auch die Branche sichtlich um. Dennoch erscheinen viele fiktionale Produktionen von dem Trend seltsam unberührt.

In jenen, die nicht explizit "Migrantenthemen" ausleuchten, sagt Perumal, werde lieber die "Lightvariante des Migranten" besetzt, also jemand, der westeuropäisch aussieht. Sogenannte "sichtbare" Migranten, sprich afrikanisch-, asiatisch- und arabischstämmige, landen dann eher in Klischeerollen. Anwälte und Polizisten gehören selten dazu. "Sie sind zu speziell", bekam Perumal mehrmals zu hören: "Letztendlich heißt das: Du hast eine andere Hautfarbe, und wir lassen unser Fernsehen weiß." Exemplarisch überzeichnet begegnet dem Zuschauer das Phänomen im ZDF-Traumschiff, das seit Äonen über die Weltmeere tuckert. An Bord ist alles, einschließlich des Schiffs selbst, penibel in Weiß gehalten. Dunkelhäutige dürfen allenfalls den Hintergrund beleben oder Limousinentüren öffnen, denen dann Damen in geblümten Kleidern entsteigen.

Dabei könnten buntere Besetzungen dem deutschen Fernsehen auch ökonomisch guttun, denn der Druck konkurrierender Filmmärkte wächst. Und die sind oft weiter: In den USA sind zwar bei Weitem nicht alle Klischees beseitigt, doch wird Vielfalt von der Krimiserie bis zur Sitcom in allen Formaten zelebriert. Ganz nebenbei erschließen die Filmemacher neue Zuschauergruppen in Minderheiten, weil die plötzlich Identifikationsfiguren in Film und Fernsehen bekommen.

Die ARD sieht "keinen bewussten Rassismus", das ZDF darin gar kein Thema mehr

Die Bundesrepublik, in der mittlerweile jeder Fünfte ausländische Wurzeln hat, hinkt da hinterher, so schätzt es zumindest Norbert Ghafouri ein, Gründer und Vorsitzender des Verbands deutschsprachiger privater Schauspielschulen: "Es wird eher konservativ und deutsch besetzt."

Die Gründe dafür sind vielfältig, auch weil alle Entscheidungen von einzelnen Menschen getroffen werden. Einen davon nennt Florian Oeller, Drehbuchautor beim Polizeiruf, das "Zirkelproblem": "Durch den gigantischen Kostendruck besetzen die Redakteure und Regisseure bis in die Nebenrollen Darsteller, die ihre Verlässlichkeit schon unter Beweis gestellt haben, deren Gesichter man kennt." Viele, auch sehr gute Darsteller haben Probleme, in diese Rotation zu gelangen. Oeller: "Das primäre Gesetz ist: Keine Experimente!"

Etwas anders betrachten die Sender das Problem. Nach Nationalität und Hautfarbe werde sicher nicht ausgesiebt, doch Letzteres müsse eben auch in die Story passen, erklärt die ARD-Pressestelle. Und: "Die Redaktionen versichern mir, dass es keinen bewussten Rassismus gibt." Das ZDF findet gar, dass das alles überhaupt kein Thema mehr sei: "Menschen mit Migrationshintergrund gehören bei uns schlicht zum Programmalltag. Entscheidend für die Besetzung einer Rolle ist in erster Linie die schauspielerische Eignung." Ein idyllisches Ideal, dem die Realität noch hinterherhinkt.

Murali Perumals Vision für die Zukunft? Die Antwort kramt er aus seinen zahlreichen, bekritzelten Papierbögen, die er zum Gespräch mitgebracht hat. Es ist ein Motto von Raumschiff Enterprise: "Von beiden Geschlechtern, von jeder Hautfarbe, von jedem Stern gehört einer auf die Kommandobrücke." Kann man so stehen lassen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema