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Verhandlungen:Ehrenrettung des Hinterzimmers

Glowing sunlight shining through a keyhole on the handle of an interior wooden door

Hinter verschlossenen Türen kann man oft besser verhandeln.

(Foto: Elva Etienne/Getty Images)

Gründung einer Super League, Kanzlerkandidaten-Kür, Spendendeals: Im Geheimen spielt sich vieles ab - doch nicht nur Schlechtes.

Von Peter Fahrenholz

Auf den ersten Blick scheinen wir in einer Zeit zu leben, in der so gut wie nichts mehr verborgen bleibt. Katastrophen aus den hintersten Winkeln der Welt tauchen nahezu in Echtzeit im Internet auf, weil irgendein Augenzeuge geistesgegenwärtig sein Handy zückt und den Augenblick der Explosion, der Flutwelle oder des Absturzes festhält. Vertrauliches wird ans Licht gezerrt, oft aus verwerflichen Motiven, wenn damit die Intimsphäre von Menschen verletzt wird. Oft aber auch mit einem aufklärerischen Impetus, wenn auf diese Weise unseriöse oder gar kriminelle Machenschaften aufgedeckt werden - wie bei den "Panama Papers". Oder wie im legendären Ibiza-Video, das den FPÖ-Bösewicht Heinz-Christian Strache seine politische Karriere kostete. Manchmal kommt auch schlichte Blödheit der Protagonisten dazu. Weshalb jetzt Tausende Chatprotokolle bei der österreichischen Korruptionsstaatsanwaltschaft aufgetaucht sind, was dem sorgsam gepflegten Schwiegersohn-Image des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz noch gewaltig schaden könnte.

Trotzdem gibt es auch in der hell ausgeleuchteten Welt von Facebook, Twitter, Youtube und Co. noch jede Menge Geheimnisse. Wenn irgendwo irgendwas ausgemauschelt wird, taucht gern der Vorwurf auf, es sei im Hinterzimmer besprochen oder beschlossen worden. In diesen Tagen ist der Begriff wieder hochaktuell. CSU-Chef Markus Söder hat ihn in die Debatte geworfen, um zu geißeln, dass sein Rivale Armin Laschet nur von einer Handvoll Leuten in den Führungszirkeln der CDU unterstützt worden sei, statt auf die Basis zu hören, die doch laut nach ihm, Söder, rufe. Auch die Fußballwelt wurde von einer Hinterzimmerintrige heimgesucht. In den offiziellen Sitzungen unterstützten zwölf renommierte Fußballvereine eine Reform der Champions League, die ihnen mehr Geld bringen würde. Hintenrum bastelten sie heimlich an einer Super League, die ihnen noch mehr Geld bringen sollte.

Im Falle der geldgierigen Fußballvereine trifft der Vorwurf einer Hinterzimmerverschwörung sicherlich zu. Auch wenn die Hinterzimmer in dieser Branche vermutlich eher die klimatisierten Besprechungsräume internationaler Anwaltskanzleien sind. Manchmal auch eine Hotellobby oder die Lounge eines Flughafens. Söder hätte das Reizwort dagegen besser vermieden. Denn abgesehen davon, dass es in einer repräsentativen Demokratie keine gute Idee ist, die Vertreter ordnungsgemäß gewählter Gremien als Hinterzimmerriege zu schmähen, ist zumindest in der Politik eine vertrauliche Hinterzimmerabsprache gewissermaßen dem technischen Fortschritt zu Opfer gefallen.

Von wegen Geheimtreffen: Irgendeiner plaudert immer

Wo mehr als zwei Leute etwas besprechen, braucht man heutzutage keine Abhöreinrichtungen mehr oder einen politisch aufgeweckten Kellner, der Gesprächsfetzen eines Treffens oder Telefonats aufschnappt und dann weitergibt. Irgendein Teilnehmer wird schon eine SMS oder Whatsapp schicken, und wenn die Sitzung digital stattfindet, fällt das noch nicht mal auf. Das war bei den Ministerpräsidentenkonferenzen zu Corona so und bei Laschets abschließender Kür im CDU-Vorstand erst recht. Die Bild-Zeitung, die ja jetzt auch Fernsehen macht, strahlte an dem Abend eine Sondersendung aus. Und dort saß der Moderator mit seinem Handy in der Hand und las quasi in Echtzeit vor, wer in der Sitzung gerade was gesagt hat. Wurde zuverlässig gemeldet, vermutlich waren gleich mehrere U-Boote aktiv.

Zumindest in der Politik hat das Hinterzimmer also schwer gelitten. Aber es ist die Frage, ob sein schlechter Ruf überhaupt berechtigt ist. Wenn sie das Wort Hinterzimmer hören, stellen sich viele darunter vermutlich noch immer einen konspirativen Ort vor, in dem der kalte Zigarettenrauch irgendwelcher Verschwörer hängt. Das stimmt schon deswegen nicht mehr, weil heute das Rauchen in Innenräumen praktisch überall verboten ist. Und weil diese Art von Hinterzimmerpolitik in Wirtshäusern, Parteizentralen oder in Privatwohnungen aus der Zeit gefallen ist - einer Zeit, in der vornehmlich Männer (und ja, meistens waren es tatsächlich ältere weiße Männer) zusammensaßen und sich verständigten, wer was wird und wer nicht.

Es stimmt aber vor allem deshalb nicht, weil das Hinterzimmer eben nicht nur das Synonym für Gemauschel und klandestine Deals ist. Sondern genauso ein Ort des Vertrauens und der Diskretion sein kann, in dem sinnvolle und wichtige Dinge vorbereitet oder vorangetrieben werden können, die sofort scheitern würden, wenn sie im falschen Moment öffentlich würden.

Wäre, um ein Beispiel zu nennen, die Freilassung des Journalisten Deniz Yücel aus türkischer Haft gelungen, wenn die Gespräche dazu auf offenem Markt ausgetragen worden wären? Oder braucht ein solcher Fall, wie unzählige ähnliche Fälle auch, nicht die Diskretion des Hinterzimmers? Natürlich ist das auch immer eine Gratwanderung. Manche Dinge benötigen eine Atmosphäre der Vertraulichkeit, damit sie gelingen, in anderen Fällen, wenn man etwa an den massenhaften Missbrauch in der katholischen Kirche denkt, ist Diskretion der Schutzschirm, um skandalöse Vorgänge unter den Teppich zu kehren.

Vielleicht müsste man das Hinterzimmer vom Generalverdacht der Anrüchigkeit befreien und es sich als neutralen Ort vorstellen, gewissermaßen als die Rückseite der offenen Bühne. Ein Ort, an dem Preisabsprachen der Baubranche genauso stattfinden können wie Friedensgespräche verfeindeter Parteien. Angela Merkel hat einst bei einem Frühstück in Wolfratshausen ihrem Rivalen Edmund Stoiber die Kanzlerkandidatur der Union angetragen, der Besuch im Hause Stoiber war sowohl ein Akt der strategischen Höflichkeit als auch der Heimlichkeit. Nicht das Hinterzimmer ist also per se schlecht. Sondern es geht immer um die Dinge, die dort geschehen.

© SZ/chrm
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