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Super League:Das Scheitern der zwölf Abtrünnigen ist grenzenlos

Anzeigetafel beim Spiel Real Madrid gegen FC Barcelona

Zwei Mitglieder der nun zusammenbrechenden Super League: Real Madrid und der FC Barcelona.

(Foto: Imago)

Es darf und sollte gelacht werden über das Super-League-Projekt der weltgrößten Fußballklubs. Sie müssen nun auspacken, wie ihr Komplott ausgesehen hat - das Momentum liegt bei den Fans und den kleineren Klubs.

Kommentar von Thomas Kistner

Ene, mene, muh - und raus bist du! Der alte Kinderauszählreim liefert den perfekten Sinnspruch für die Super League der weltgrößten Fußballklubs. Angsteinflößend war sie nur vorübergehend: Geboren am 18. und beerdigt am 20. April 2021. Wann haben sich Sportfunktionäre jemals ein flotteres K.-o.-System ausgedacht? Das aktuelle Handbuch für angehende Fußball-Topmanager lautet nun: "Die Kunst, mich selber auf die Bretter zu schicken".

Doch, es darf und sollte gelacht werden über das, was da von Sonntag bis Dienstag die Sport- und Finanzwelt in Atem hielt, Politiker auf die Barrikaden trieb und vor allem Millionen Fans. Was sich die von ihnen über Dekaden verehrten Milliardenklubs aus Madrid, Manchester, Mailand geleistet haben, ist ja nicht zu unterbieten an Stümperhaftigkeit und Infantilität.

Wer nun einwenden mag, man könne ja über eine Superliga der Größten nachdenken, dem sei gesagt: Durchaus. Aber die Hinterlist und Brutalität, mit der die abtrünnigen zwölf Klubs die gesamte europäische Fußballgemeinde belogen und überrumpelt haben, offenbaren das eigentliche Kernproblem dieses Industriezweigs: galoppierende Geistlosigkeit.

Die Branchengrößen haben gedacht, sie kriegen Applaus dafür, wenn sie sich die Filetstücke rausreißen

Im Fußballgeschäft lässt sich, vereinfacht gesagt, mit auffallend wenigen Umdrehungen reüssieren, umgekehrt ist Fachkenntnis beim Gros der durchaus smarten Eigentümer eher ein Handicap. Die meisten befassen sich nicht mit Ecken und Elfern, sondern mit Rohstoffhandel und Investments. Im Grunde könnte jeder Schulabgänger so ein Vehikel operativ führen, sofern es ihm nicht in jungen Jahren noch an der erforderlichen Durchtriebenheit gebricht. Der Markt brummt ja, anders als in anderen Wirtschaftszweigen, ganz von alleine: Seit zwei Jahrzehnten hagelt es dem Fußballbetrieb die Euro-Bündel durchs offene Dach rein. Einfach so. Das Publikumsinteresse wird medial auf eine Art hochgezüchtet, die schon den Verstand beleidigt - weshalb die Heroisierung dieses Sports und seiner Athleten heute jene Räume besetzt, die früher einmal die Religion innehatte: Fanchoräle, Lichtermessen, grenzenlose Anbetung. Wenn nicht gerade eine Pandemie die Zuschauer aus den Arenen verbannt.

Weil das den Größten der Branchengrößen offenbar völlig neu war, haben sie sich am eigenen Produkt verhoben. Sie haben gedacht, sie kriegen Applaus dafür, wenn sie sich - alles für die Fans! - die Filetstücke rausreißen. Sie dachten, sie würden als kühne Eroberer gefeiert, wenn sie die gesamte restliche Branche mit Lügen und Scheinbeschlüssen in Sicherheit wiegen, um sie dann aus dem Hinterhalt mit einer Armada von amerikanischen Investoren, Anwälten und PR-Profis zu überfallen.

Nun ist nur das Scheitern der zwölf Abtrünnigen grenzenlos. Und das ist gut so. Es entlarvt, wie weit sie sich von diesem Produkt entfernt haben, in dem Zahlen für sie nicht Punkte und Tore, sondern Rendite-Daten sind und Fans einfach nur Konsumenten. Eine langjährige Fehleinschätzung. Und dass die Köpfe dahinter Millionensaläre abkassierten für ihre Geschäftsblindheit, rundet das Bild nur ab. Diese Köpfe rollen jetzt, und die abtrünnigen Klubs haben enorme Imageschäden erlitten. Aktienkurse stürzen ab, Insolvenzen drohen. Das führt zu den begrüßenswerten Entwicklungen.

Die Superklubs werden reuig zurückkehren. Sie müssen nun definitiv auspacken, wie ihre Pläne und das ganze Komplott ausgesehen haben - und vor allem: wer alles dahintersteckte. Dazu gehört insbesondere die Frage, welche Rolle womöglich Gianni Infantino spielte, der skandalfeste Chef des Fußballweltverbandes Fifa, der ja selbst immer wieder mit Superliga-Ideen gezündelt hat. Dann sollten sie weiter hinten im Glied wieder eingeordnet werden. Gerade die hochverschuldeten Klubs in Turin, Mailand und Barcelona dürfen froh sein, wenn sie irgendwo bald wieder einen Euro verdienen können - für sie ist noch nicht abzusehen, ob sich ihr besinnungsloses, langjähriges Wetten auf immer mehr Einnahmen nun rasch Richtung Bankrott entwickeln könnte. Eine andere Geschäftsvision als diesen Raubüberfall auf ihre eigene Fußballfamilie hatten sie nie.

Das Momentum liegt bei den Fans - und bei der schieren Masse kleinerer Klubs

Das Beste aber kommt zum Schluss: Mit dieser Art Großmannssucht ist erst einmal Schluss im Profigeschäft - das ahnen jetzt auch diejenigen, die in stiller Bewunderung auf die Abspalter blickten und vielleicht nur abwarten wollten, wie sich das Ganze entwickelt. Der Super-Spuk hat nur zwei Tage gedauert, der Einschnitt wird ein historischer sein.

Die Fußballbasis hat nun, gerade in Zeiten einer globalen Pandemie, die Gelegenheit, ihre Passion etwas grundsätzlicher zu überdenken. Das Momentum liegt bei den Fans - und bei der schieren Masse kleinerer Klubs, die ja kaum jemals selbst an die großen Fleischtöpfe gelangen werden. Sie sollten sich jetzt regelfester für die Zukunft aufstellen.

Ohne die anderen geht es nicht. Dass sie genau das bewiesen hat, ist jetzt die größte Ironie der Super League.

© SZ/aum/ebc
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