Gleichberechtigung:Paare müssen vieles delegieren

Lesezeit: 7 min

Die meisten Paare, die Gleichberechtigung leben, tun dies indem beide Partner Vollzeit (erwerbs-)arbeiten und vieles delegieren. Um die Kinder kümmern sich Erzieherinnen, um die alten Eltern Pflegerinnen und sauber gemacht werden die Wohnungen von Putzfrauen. Dass hier nur die weibliche Form steht, soll die Männer in den genannten Berufen nicht diskriminieren, sondern deutlich machen: Es gibt wenige. Die, die es gibt, werden genauso schlecht bezahlt wie ihre Kolleginnen, was einmal mehr verdeutlicht, dass es nicht nur ein Geschlechter- sondern auch ein generelles Fürsorgeproblem ist.

Arbeit an Erzieherinnen, Pflegerinnen, Putzfrauen abzugeben ist nicht verwerflich. Doch gleichberechtigt ist dann nur das Vollzeit-arbeitende Paar, auf der gesellschaftlichen Ebene hat sich wenig verändert: Die Fürsorgearbeit hat sich nur von der gar nicht bezahlten Ehefrau auf die schlecht bezahlte Profi-Kümmerin verlagert. Weiterhin ist eine Frau zuständig, die wenig Anerkennung für ihre Arbeit bekommt - weil uns Fürsorge einfach nicht viel wert ist.

Denn warum sind diese Berufe so schlecht bezahlt? Doch nicht, weil sie so einfach, so wenig belastend, so anspruchslos sind.

Klischee der opferbereiten Frau

Von Erzieherinnen erwarten wir, dass sie Expertinnen in Kleinkindpädagogik sind, dass sie eine vertrauensvolle Bindung zu unseren Kindern aufbauen, sie tragen, wickeln, füttern und trösten und all das für nicht einmal 3000 Euro brutto im Monat (Gehalt nach acht Berufsjahren). Bei der Pflege gibt es Bemühungen, die Ausbildung zu professionalisieren, was den Beruf attraktiver machen soll. Dass er es nicht ist, beschreibt Krankenpflegerin Beatrice Haberger auf jetzt.de. Das Problem liegt jedoch nicht nur bei Ausbildung und Bezahlung, sie wünscht sich vor allem mehr Wertschätzung. Ihr Fazit: "Was auch immer die Zukunft der Pflege bereithält, ich wünsche mir, dass das Bild der sich aufopfernden Pflegerin nicht mehr Teil davon ist."

Mit dem Klischee der sich aufopfernden Pflegerin spricht sie an, was in der ganzen Diskussion um Kümmerarbeit zu selten offen ausgesprochen wird. Noch immer sind viele Menschen überzeugt, dass Frauen sich einfach gerne um andere kümmern, dass es in ihrer Natur liegt, sich für andere aufzuopfern. Wenn jemand nicht anders kann, als sich zu kümmern - dann muss man diejenige nicht fair bezahlen, oder?

In der Diskussion um den Gender Pay Gap, also die unterschiedlichen Stundenlöhne von Männern und Frauen (hier geht es ausschließlich um die Erwerbsarbeit), wird oft argumentiert, dass Frauen nun mal die falschen Berufe wählten. Wer Krankenschwester lernt statt Informatik zu studieren, so die Logik, sei selbst schuld am geringen Gehalt. Wer das sagt, blendet völlig aus, wie unverzichtbar Pflegeberufe sind. Schon jetzt gibt es in den Fürsorgebranchen einen extremen Fachkräftemangel.

Wer sich kümmert, wird abgewertet

Anne-Marie Slaughter hat mit "Unfinished Business" ein Buch über den Care-Konflikt geschrieben. Die Politikprofessorin war Beraterin der damaligen US-Außenministerin Hillary Clinton und lehnte einen weiteren Karriereschritt ab, weil sie mehr Zeit für ihre pubertierenden Söhne haben wollte. Über diese Entscheidung schrieb sie den Essay "Why women still can't have it all" (deutsch: "Warum Frauen immer noch nicht alles haben können"). Das Stück traf einen Nerv und hat eine internationale Debatte darüber losgetreten, warum Frauen in Top-Positionen doch nicht nach ganz oben wollen oder können. Es ist das am häufigsten gelesene, am meisten diskutierte Stück in der 150jährigen Geschichte des Magazins The Atlantic.

Für ihre Sichtweise wurde Slaughter hart kritisiert: Auch Männer könnten nicht alles haben, hieß es. Auch Männer würden, wenn sie Haushalt und Kindern zu Liebe beruflich zurücksteckten, benachteiligt. Und sie fokussiere sich zu stark auf die Situation privilegierter Frauen, die frei entscheiden können, was und wie viel sie arbeiten. Für die Mehrheit der Menschen trifft das aber nicht zu, sie jonglieren verzweifelt Erwerbs- und Care-Arbeit, haben kaum Zeit für Schlaf, Kontakte und Hobbys - und keine Wahl.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema