Arbeitsmarkt Frauen, die Frauen ersetzen, die Frauen ersetzen

Wenn Frauen arbeiten (und Männer auch), brauchen Haushalte Putzhilfen und Nannys - oft Frauen aus dem Ausland, die ihre Familie verlassen.

(Foto: dpa)

Weil Frauen in den Industrieländern berufstätig sind, übernehmen Frauen aus ärmeren Ländern die Fürsorgearbeiten. Ein riesiger weiblicher Wirtschaftszweig entsteht.

Von Gabriela Herpell

Eben haben wir ein Video auf dem Handy angeguckt, Lidija und ich: ihre Söhne beim Karatetraining. Kräftige Typen, einer blond, der andere dunkelhaarig, Dreitagebärte. Sie sind 25 und 26 Jahre alt. "Gute Jungs", sagt sie und nickt. Ich kenne Lidija seit 15 Jahren, da wurde der Kleine gerade zehn. Ich habe ihre Söhne nie getroffen, ich weiß fast nichts über sie.

Lidija weiß so viel von meinem Sohn. Sie hat sein Kinderzimmer gesaugt, als blaue Vorhänge mit Monden und Sternen darauf vor den Fenstern hingen. Sie hat seine Kleiderhäufchen aufgehoben, angebissene Äpfel unter seinem Bett gefunden, seine Skateboards an der Wand aufgereiht, die Elmex-Junior-Zahncremetuben zugeschraubt. Sie hat seine Harry-Potter-Phase erlebt, die Eminem-Phase, das Schuljahr, in dem er an Latein verzweifelte, und seine erste Freundin.

Plan W – Frauen verändern Wirtschaft

Dieser Text stammt aus dem neuen Magazin der Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung "PLAN W - Frauen verändern Wirtschaft". Es erscheint vier Mal jährlich und liegt der gesamten Wochenendausgabe der SZ bei. PLAN W macht Lust auf berufliche Selbstentfaltung, auf mutige berufliche Schritte, darauf Ideen umzusetzen und ein Leben lang dazu zu lernen. PLAN W schafft Orientierung, inspiriert und informiert. Das Supplement ist wie die Süddeutsche Zeitung selbst: klug, debattenstark und unterhaltsam, mit einem Anspruch auf Internationalität.

Lidija kam nach München, als mein Sohn sechs war. Sie hat Blanca vertreten. Blancas Sohn war krank und brauchte seine Mutter. Blanca putzte schon etwas länger in München als Lidija. Bei Anwälten, Journalisten, Ärzten, Werbern, Architekten. Bei Paaren mit Kindern, allein erziehenden Müttern, Paaren ohne Kinder, und in jeder dieser Familien oder familienähnlichen Konstellationen arbeiten die Frauen.

Die Frauen, die sich bisher um Kinder, Haushalt, Eltern und Schwiegereltern kümmerten, haben weniger oder keine Zeit mehr dazu, seit sie vom Arbeitsmarkt zugelassen und gebraucht werden. Es entsteht eine Lücke, die gefüllt werden muss. Wiederum sind es Frauen, die einspringen - und ihrerseits eine Lücke hinterlassen. So entstehen auf der ganzen Welt sogenannte Care-Ketten.

Polnische Nanny mit weißrussischer Nanny

Es gibt sie in Amerika: In einer US-amerikanischen Familie lebt eine mexikanische Nanny, bei der eine Puerto Ricanerin die Haushalts- und Familienarbeit übernimmt. Es gibt sie bei uns: Die Lücke in einer deutschen Familie wird durch eine Frau aus Polen oder Kroatien gefüllt, deren Lücke wiederum eine Weißrussin schließt. In den vergangenen zwanzig Jahren wurde das erkaufte Kümmern zum florierenden Wirtschaftszweig.

Auf der Münchner DLD-Konferenz im Juni sprach Sheila Marcelo über das Phänomen der Care-Kette. Sie gründete 2006 die Plattform Care.com, über die man Fürsorge- und Haushaltshilfen finden kann. Marcelo selbst hatte als Zwanzigjährige bei ihrem ersten Bewerbungsgespräch Angst, ihre zukünftigen Arbeitgeber könnten herausfinden, dass sie schon Mutter war. Weil sie ihr infolgedessen unterstellen würden, weniger engagiert, ehrgeizig, verantwortungsvoll zu sein als ihre männlichen Mitbewerber. Also verschwieg sie das Kind. Sie bekam den Job. Und erkannte, dass sie sich helfen lassen musste.

Das arme Geschlecht

Frauen verdienen im Schnitt 22 Prozent weniger als Männer. Daran sind nach Ansicht von Volkswirten die Frauen selbst schuld. Der Vorwurf: finanzieller Analphabetismus. Von Constanze von Bullion mehr ...

Wie ihr geht es Millionen Frauen, das kann Marcelo am Erfolg ihres Unternehmens sehen, das in 16 Ländern 15,2 Millionen Mitgliedern Kräfte vermittelt. In den USA werden derzeit 280 Milliarden Dollar in die Versorgung der Alten und Unterbringung der Kinder gesteckt. In Deutschland sind es 33 Milliarden Euro. Nicht enthalten sind darin jene Dienstleistungen, die sich nicht so leicht in Zahlen fassen lassen, der Garten, der Haushalt, das Haustier. Als Blancas Sohn damals krank und die Sehnsucht nach ihm so groß war, dass sie zu ihm fahren musste, wurde ihr klar, dass es so ganz ohne sie nicht ging mit den beiden Kindern in Polen. Sicher, der Vater war bei ihnen, arbeitete nicht volltags. Sie sprach mit ihrer Schwägerin, Lidija. Seitdem wechseln sich Lidija und Blanca ab, eine von beiden ist immer in München, Blanca oder Lidija, sieben Tage die Woche, von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends, Feiertage interessieren sie nicht.