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Ernährung:Food Porn und Fast Food haben einiges gemeinsam

Ein Höhepunkt des Hypes um Food Porn zeigte sich 2016 in Berlin: Der vegane Imbiss "Dandy Diner" in Neukölln musste zur Eröffnung von der Polizei geschützt werden - wegen des enormen Andrangs. Mittlerweile haben die Dandy-Diary-Modeblogger-Hipster ihren Laden schon wieder geschlossen, doch im Mai soll wiedereröffnet werden, im größeren Stil und mit Investoren im Rücken. Besucher schwärmen im Netz immer noch von den veganen Speisen, die aussehen wie Superfood und schmecken wie Produkte von McDonalds.

Fast Food: War das nicht der Anfang des hübsch genormten Essens für die Massen? Auf den ersten Blick wirken Food Porn und McDonalds wie Gegensätze. Denn die Hipster-Gerichte sind oft gesund, folgen neuen Philosophien wie veganer Ernährung oder Paleo-Kost, werden relativ aufwändig hergestellt und liebevoll inszeniert. Kein Vergleich mit dem schnellen und manchmal verschämten Essen im Schnellrestaurant. Die neue Art des Essens ist stark am Genuss orientiert und - zumindest bei Menschen, die nicht sowieso alles nervt - positiv besetzt.

Food Porn ist sehr aufwändig - also warum sieht das alles gleich aus?

Trotzdem haben Food Porn und Fast Food mehr gemeinsam, als man meint: Es sind immer die gleichen Produkte. Sie sehen - trotz aller Kunstfertigkeit der diversen Foodblogger - immer ähnlich aus. Sie verbreiten sich rasant über die gesamte westliche Welt.

Auch in München gibt es mit dem "Daddy Long Legs" oder dem "Bite Delite" schon Läden für Foodporn-Liebhaber, wo ein begeistertes Jungpublikum die immer gleichen - und teils durchaus sehr leckeren - Gerichte kauft. Auch hier gilt: Die Zutaten sind toll, für die Ästhetik ist absolut gesorgt, die Preise halten sich für München sogar sehr im Rahmen. Aber warum schmeckt das Avocado-Dattel-Schoko-Dessert nach fieser Matsche?

Weil eben immer noch gilt: Form follows function. Echtes Essen kann nicht immer gut aussehen - es sei denn, man ist Spitzenkoch. Klar wirken bunte Törtchen bezaubernd, aber gesund sind sie nicht. Egal ob die Zuckermasse mit Goji-Beeren angereichert wurde. Der Megatrend zum tollen Bild, zur bahnbrechenden Ästhetik des Essen und zur äußerlichen Perfektionierung unserer Speisen, er folgt den Gesetzen des Marktes und eben nicht denen der Verdauung.

Food Porn kann schmecken, macht Spaß und birgt eine große Chance

Würde er das tun und sich mehr an unseren Geschmacksknospen und Gedärmen orientieren, und zwar im Sinne einer ganzheitlichen, vollwertigen, vernünftigen Ernährungsweise, er wäre nicht so hübsch. Denn Vollkornbrot und Gemüse als Food Porn zu inszenieren, ist trotz augefeiltester Technik noch nicht vollständig gelungen, zerfließendes Ei und zuckrige Pancakes machen sich einfach besser auf marmoriertem Hipster-Couchtisch auf dem Instagram-Account.

Immerhin: Dank Food Porn befassen sich Millionen von Menschen weitaus mehr mit ihrer Ernährung als es noch vor zehn Jahren irgendwer für möglich gehalten hätte. Das könnte tatsächlich eine Revolution des Essens begründen, weg von der überbordenden, tierfeindlichen und umweltzerstörenden Fertignahrungsindustrie, hin zu einer Ernährung, die sich wieder mehr am Menschen und seinen natürlichen Bedürfnissen orientiert - wenn sie sich von der Industrie nicht allzu sehr vereinnahmen lässt.

Bis dahin wird aber wohl noch viel in Plastik verpacktes Kokosnusswasser hippe Kehlen hinunterfließen, werden Bloggerinnen ihre Acai-Bowls und deren Nachfolger, die alle gleich aussehen, jeden Tag aufs Neue im Netz posten, wird nach der Avocado eine andere exotische Frucht ihren oft nicht sehr umweltfreundlichen Siegeszug über den Globus antreten und werden Menschen auf immer wieder neue Ernährungstrends reagieren. Denn sowohl die Ernährungswissenschaft als auch eine zunehmende Zahl selbsternannter Ernährungsexperten überbieten sich in teils stark widersprüchlichen und immer neuen Erkenntnissen über die beste aller Ernährungen. Die Verunsicherung ist dementsprechend groß.

Etwas Gutes aber bleibt unterm Strich: Junge Menschen können besser kochen als noch vor Jahren. Schließlich will man nicht der einzige sein, der keine Foodie-Fotos im Netz zu bieten hat. Essen ist jetzt Lifestyle, genau wie Mode, das Modellieren des eigenen Körpers und die Gestaltung von Freizeit und Partnerschaft. Wer bisher noch nicht weiß, was Food Porn ist, der golft wahrscheinlich schon lange.

© SZ.de/rus/olkl/liv
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