Süddeutsche Zeitung

Ernährung:Wie Food Porn unser Essen verändert

Lesezeit: 5 min

Pancakes, Acai-Bowls, Avocado-Toast oder das so beliebte Egg Benedict: In hippen Großstadtlokalen und Blogs müssen die Gerichte in erster Linie fantastisch aussehen. Doch es gibt da ein Problem.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Da wäre dieses Brunch-Café in einer ruhigen Ecke Berlins, wo alles ganz bezaubernd ist. Angefangen vom schicken Interieur bis zu den für Hauptstadt-Verhältnisse extrem freundlichen Empfangsfräuleins. Mit ihrer auffallend guten Laune versüßen sie dem Gast die Wartezeit. Das müssen sie auch, denn an einem Sonntagvormittag wartet ein Dreier-Grüppchen schon mal gerne mehr als zwei Stunden auf einen Platz. Immerhin dürfen die Gäste währenddessen Schach oder Poolbillard spielen.

Aber warum warten erwachsene Menschen allen Ernstes so lange auf eine Schrippe oder ein Glas Orangensaft? Zumal in Berlin, wo es an jeder zweiten Ecke eine Riesenauswahl an Alternativen gibt? Nun ja, dieser Laden ist gerade schwer angesagt. So sehr, dass sich ganzkörpertätowierte Riesenkerle mit ihrem Kleinkind-Nachwuchs brav im Foyer einfinden und ewig auf Einlass warten, genau wie die Crew aus Neukölln, die aussieht wie aus einem Hip-Hop-Video.

Was hat das "Benedict Berlin", der erste deutsche Ableger einer Frühstücksrestaurant-Kette aus Israel, was andere Läden nicht haben? Ganz einfach: Hier wird Food Porn serviert, Essen in seiner hübschesten Form.

Food Porn hat unsere Essgewohnheiten verändert. Gestartet vor Jahren im Netz, wo mittlerweile jedes zweite Twenty-Something-Girl, das etwas auf sich hält, über Ernährung schreibt oder zumindest regelmäßig über die gerade angesagten Social-Media-Kanäle private Back- und Kochversuche postet. Allein im deutschsprachigen Raum gibt es inzwischen Tausende Foodblogs.

Jetzt ist der Trend in der breiten Masse angekommen - und ins reale Leben hinübergeschwappt. Man löffelt nicht mehr Linsensuppe mit Bockwürstchen, sondern schlürft Superfood-Smoothies und nascht Chia-Power-Nachtisch mit Mango-Topping. In Berlin kursieren schon Top-Listen darüber, welches Restaurant das Food-Porn-tauglichste Essen serviert. Die Betreiber konkurrieren mit Fotos von Pancakes, Eggs Benedict, Acai-Bowls und Avocado-Toast.

Die Locations sind super, das Essen sieht toll aus - aber schmeckt es auch?

So auch im "Benedict Berlin". Begrüßt wird der Gast zu jeder Tageszeit mit einem "Guten Morgen" - als leuchtendem Schriftzug über der Bar. Frühstück gibt es folgerichtig von 7 bis 23 Uhr. Ob nun das namensgebende und derzeit so beliebte Egg Benedict, New-York-Banana-Pancakes oder das nicht minder trendige Pulled Pork, hier Eisbein-Sandwich genannt: Sämtliche Speisen, die stets mit einem feinen Cocktail serviert werden, sehen wahnsinnig gut aus. Das einzige Problem: Sieht man von der selbstgemachten Apfel-Zimt-Marmelade ab, kann die Kost die großen Erwartungen, die hier aufgebaut werden, nicht erfüllen. Macht man die Augen zu, schmeckt es eher durchschnittlich. Aber sollte der Sinn eines solchen Restaurants nicht eigentlich das gute Essen sein?

Ähnliches Bild im "19grams", in einer anderen Ecke Berlins. Ebenfalls ein neues Brunch-Restaurant, sehr hip, sehr trendy, sehr Berlin-Style - und sehr voll. Das Essen macht viel her, sowohl auf der Karte als auch fürs Auge. Auch hier sind die Eggs Benedict der Renner, sie kommen mit Bier- oder Champagner-Hollandaise auf den Teller, dazu Erbsenpüree mit Minze, extrasaures Sauerkraut und der beliebte halb flüssige Schokokuchen. Die Gäste sind glücklich und schwelgen zwischen Brunch-Begeisterung und Trend-Euphorie. Aber: Schmeckt man genau hin, sind die Eiergerichte zu fettig und der Kuchen nicht der Rede wert. Das merkt man aber erst, wenn man wieder zuhause ist - denn im Restaurant selbst ist alles rundherum noch so toll.

Ein Höhepunkt des Hypes um Food Porn zeigte sich 2016 in Berlin: Der vegane Imbiss "Dandy Diner" in Neukölln musste zur Eröffnung von der Polizei geschützt werden - wegen des enormen Andrangs. Mittlerweile haben die Dandy-Diary-Modeblogger-Hipster ihren Laden schon wieder geschlossen, doch im Mai soll wiedereröffnet werden, im größeren Stil und mit Investoren im Rücken. Besucher schwärmen im Netz immer noch von den veganen Speisen, die aussehen wie Superfood und schmecken wie Produkte von McDonalds.

Fast Food: War das nicht der Anfang des hübsch genormten Essens für die Massen? Auf den ersten Blick wirken Food Porn und McDonalds wie Gegensätze. Denn die Hipster-Gerichte sind oft gesund, folgen neuen Philosophien wie veganer Ernährung oder Paleo-Kost, werden relativ aufwändig hergestellt und liebevoll inszeniert. Kein Vergleich mit dem schnellen und manchmal verschämten Essen im Schnellrestaurant. Die neue Art des Essens ist stark am Genuss orientiert und - zumindest bei Menschen, die nicht sowieso alles nervt - positiv besetzt.

Food Porn ist sehr aufwändig - also warum sieht das alles gleich aus?

Trotzdem haben Food Porn und Fast Food mehr gemeinsam, als man meint: Es sind immer die gleichen Produkte. Sie sehen - trotz aller Kunstfertigkeit der diversen Foodblogger - immer ähnlich aus. Sie verbreiten sich rasant über die gesamte westliche Welt.

Auch in München gibt es mit dem "Daddy Long Legs" oder dem "Bite Delite" schon Läden für Foodporn-Liebhaber, wo ein begeistertes Jungpublikum die immer gleichen - und teils durchaus sehr leckeren - Gerichte kauft. Auch hier gilt: Die Zutaten sind toll, für die Ästhetik ist absolut gesorgt, die Preise halten sich für München sogar sehr im Rahmen. Aber warum schmeckt das Avocado-Dattel-Schoko-Dessert nach fieser Matsche?

Weil eben immer noch gilt: Form follows function. Echtes Essen kann nicht immer gut aussehen - es sei denn, man ist Spitzenkoch. Klar wirken bunte Törtchen bezaubernd, aber gesund sind sie nicht. Egal ob die Zuckermasse mit Goji-Beeren angereichert wurde. Der Megatrend zum tollen Bild, zur bahnbrechenden Ästhetik des Essen und zur äußerlichen Perfektionierung unserer Speisen, er folgt den Gesetzen des Marktes und eben nicht denen der Verdauung.

Food Porn kann schmecken, macht Spaß und birgt eine große Chance

Würde er das tun und sich mehr an unseren Geschmacksknospen und Gedärmen orientieren, und zwar im Sinne einer ganzheitlichen, vollwertigen, vernünftigen Ernährungsweise, er wäre nicht so hübsch. Denn Vollkornbrot und Gemüse als Food Porn zu inszenieren, ist trotz augefeiltester Technik noch nicht vollständig gelungen, zerfließendes Ei und zuckrige Pancakes machen sich einfach besser auf marmoriertem Hipster-Couchtisch auf dem Instagram-Account.

Immerhin: Dank Food Porn befassen sich Millionen von Menschen weitaus mehr mit ihrer Ernährung als es noch vor zehn Jahren irgendwer für möglich gehalten hätte. Das könnte tatsächlich eine Revolution des Essens begründen, weg von der überbordenden, tierfeindlichen und umweltzerstörenden Fertignahrungsindustrie, hin zu einer Ernährung, die sich wieder mehr am Menschen und seinen natürlichen Bedürfnissen orientiert - wenn sie sich von der Industrie nicht allzu sehr vereinnahmen lässt.

Bis dahin wird aber wohl noch viel in Plastik verpacktes Kokosnusswasser hippe Kehlen hinunterfließen, werden Bloggerinnen ihre Acai-Bowls und deren Nachfolger, die alle gleich aussehen, jeden Tag aufs Neue im Netz posten, wird nach der Avocado eine andere exotische Frucht ihren oft nicht sehr umweltfreundlichen Siegeszug über den Globus antreten und werden Menschen auf immer wieder neue Ernährungstrends reagieren. Denn sowohl die Ernährungswissenschaft als auch eine zunehmende Zahl selbsternannter Ernährungsexperten überbieten sich in teils stark widersprüchlichen und immer neuen Erkenntnissen über die beste aller Ernährungen. Die Verunsicherung ist dementsprechend groß.

Etwas Gutes aber bleibt unterm Strich: Junge Menschen können besser kochen als noch vor Jahren. Schließlich will man nicht der einzige sein, der keine Foodie-Fotos im Netz zu bieten hat. Essen ist jetzt Lifestyle, genau wie Mode, das Modellieren des eigenen Körpers und die Gestaltung von Freizeit und Partnerschaft. Wer bisher noch nicht weiß, was Food Porn ist, der golft wahrscheinlich schon lange.

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