Bio-Boom in den USA Die Rückkehr des Gemüsebeets

In den USA wollen Großstädter Gemüse anbauen, aber sich nicht schmutzig machen. Leihgärtner sorgen dafür, dass der Schnittlauch strammsteht.

Von Ulrike Bretz

Im März nahm Michelle Obama den Spaten in die starken Hände, stieß ihn in den grünen Rasen des Weißen Hauses und sorgte für Aushub. Dann pflanzte sie Gemüse an, 55 Sorten. Seitdem hat das Gemüsebeet an sich all over the US einen Wandel erlebt. Denn mit den Ärmel krempelte die First Lady auch gleich das Image des Do-it-yourself-Gärtnerns um.

Ein Beet hat überall Platz: In den USA lassen sich die Lohas komplette Beete anliefern. Nicht einmal bepflanzen, gießen und ernten müssen sie selbst.

(Foto: Foto: Green City Growers)

Und noch etwas sorgte in der amerikanischen Bevölkerung für ein Umdenken in Sachen Gemüsebeet. Zahlreiche Nahrungsmittelskandale - bakteriell verseuchtes Fleisch, Salmonellen in rohen Tomaten - haben dazu geführt, dass immer mehr Amerikaner die Nahrungsmittelindustrie in Frage stellen. Filme wie die Dokumentation "Food Inc." im Kino heizen die Diskussion weiter an.

Ernährungsbewusste Großstädter in den USA haben nun eine einfache Lösung gefunden, wie sie den großen Nahrungsmittelkonzernen ein Schnippchen schlagen. Die Öko-Avantgarde, wegen ihres Hangs zum gesunden, nachhaltigen Lebensstil (Lifestyle of Health and Sustainability) Lohas genannt, will den Spinat schließlich mit gutem Gewissen löffeln. Spinat, der am besten aus dem eigenen Garten kommt.

Also machen sie es wie Michelle Obama und sehr viele Deutsche - und schaffen sich in Krisenzeiten ihr kleines privates Gärtlein an. Immer mehr typisch amerikanische, wohlgetrimmte Rasen verwandeln sich in Gemüsebeete. Mittlerweile gibt es nicht nur ein neues Kunstwort, sondern auch eine ganze Bewegung - und ihre Anhänger heißen "Locavores". Das ist zusammengesetzt aus lokal und dem lateinischen Wort für "fressen" - gegessen wird nur, was aus der Region - oder eben dem eigenen Garten kommt.

Im Imagewandel des selbstangebauten Gemüses wittern Gärtner im ganzen Land ihre große Chance - sie haben die Marktlücke entdeckt. Gabriel Erde-Cohen ist so ein Gärtner. Der Mann aus Boston trägt seine Mission schon im Namen. Er ist der Überzeugung, dass auf dem schmalsten Fensterbrett und dem engsten Balkon Platz ist für eine kleine Farm.

Und er weiß auch, dass die Lohas zwar sehr wohl auf Nachhaltigkeit und Gesundheit bedacht sind, aber eben auch auf gepflegtes Äußeres und gehobenen Genuss. Unkraut jäten und Erde unter den Fingernägeln passen nicht zusammen.

Darum nimmt Erde-Cohen den Locavores die Arbeit ab und bietet einen Rundum-Service an: Er designt und zimmert Beete für die kleinste Dachterasse, und wenn sie gerade mal einen Quadratmeter groß ist. Reicht der Platz nicht einmal dafür, bepflanzt er runde Kinderplanschbecken oder Blumentöpfe im betonierten Hinterhof. Platz ist vor der kleinsten Hütte. Die urbane Farm passt überall hin.

Gegen die entsprechende Gebühr kümmert sich der Gärtner regelmäßig um die Pflänzchen, gießt und jätet das Unkraut. Fürs Anlegen eines ein mal ein Meter großen Beetes mit Standardgemüse verlangt der Gärtner 450 Dollar, 1000 Dollar kosten große Gemüsebeete. Fürs Unkrautjäten und Gießen kassieren Firmen wie die von Erde-Cohen pro Woche noch mal 35 Dollar.

Das macht nicht nur ihn glücklich - der Gärnter ist derzeit ein gefragter Interviewpartner, was seine Kundenkartei in die Höhe schnellen lässt. Der 25-Jährige argumentiert mit dem Wohlbefinden seiner Kunden: "Die Menschen wollen wissen, wo ihr Essen herkommt", sagte er einer Lokalzeitung bei Boston. "Und gutes Essen macht glücklich."

Man sollte meinen, dass die Menschen, die der ersten eigene Gurke und der ersten gezogenen Zucchini beim langsamen Wachstum zusehen besonders glücklich sind, wenn sie die reife Frucht eines Sommerarbends ernten und bewundernd in den Händen halten.

Aber das wäre ja wieder mit Arbeit verbunden: Manchem Loha ist selbst dieser Teil der "Urban Agriculture" zu viel Aufwand. Kein Problem. Der Gärnter bietet schließlich ein Komplettpaket an - und legt die reifen Früchte frisch geerntet dem Loha vor die Wohnungstür. Bereits gewaschen, versteht sich.

Nur zubereiten müssen die Großstädter, die in den USA schon "Lazy Locavores" genannt werden, noch selbst. Aber aus dem Gemüse aus dem eigenen Garten lassen sich sicher auch wunderbare Smoothies herstellen. Wer sagt, dass man eine Gurke nicht auch trinken kann? So könnten sich die faulen Lohas auch noch das Kauen sparen.

Michelle Obama

An die Schaufeln, fertig, los!