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Love-Scammer im Internet:Ingenieur in der Ölbranche, Witwer mit zwei Töchtern

Doch dann kam dieser scheinbar ideale Mann, der all das zu verkörpern schien, was ich an meinem Ex vermisst hatte. Jemand, der sagte: Ich verstehe dich, ich höre dir zu, der Verständnis für meine Alltagssorgen hatte. Mike weckte meine Sehnsucht nach einer neuen Partnerschaft. Heute weiß ich, das war alles zu perfekt. Er hatte mich so schnell in seinem Bann, ich hätte alles für ihn getan.

'Hallo Honig ...', schrieb er, weil er 'Honey' wörtlich übersetzt hatte. Über unseren Glauben fanden wir eine erste Gemeinsamkeit, die wohl jede Beziehung braucht, bald benutzte er das Wort 'seelenverwandt'. Seine Mails wurden mit jedem Tag länger. Mike beschrieb in ungelenkem Deutsch seine Situation: erfolgreicher Ingenieur in der Ölbranche, Witwer mit zwei Töchtern, sieben und elf Jahre - aber einsam. Ob ich ihm nicht ein Ohr schenken könnte? 'Es ist schön von Ihnen zu hören, Honig.'

Meine chronische Müdigkeit war im Nu verflogen. Ich fühlte mich toll, hatte Schmetterlinge im Bauch, war glücklich.

Love- und Romance-Scam

Die auf Internetbetrug spezialisierte "Nigeria Connection" hat ein neues Betätigungsfeld: Mit großem Erfolg nehmen die Männer Frauen aus, die sich nach der großen Liebe sehnen. Selbsthilfegruppen und Ermittlungsbehörden nennen sie Romance- oder Love-Scammer, vom englischen Wort scam (Betrug). Die Betrüger sitzen überwiegend in Ghana und Nigeria und geben sich als erfolgreiche Geschäftsleute aus. Über Monate erschleichen sie sich das Vertrauen ihrer Opfer, dringen in intimste Bereiche ein und treiben sie bisweilen sogar in den Suizid. "Die Opfer leiden vor allem massiv unter Liebeskummer und Vertrauensverlust", sagt Jochen Meismann von der "A Plus Detective GmbH", die auf solche Betrügereien spezialisiert ist. Seine Klienten sind fast nur Frauen. "Männer bezahlen vielleicht noch für Nacktfotos, aber nicht nur für liebe Worte", meint der Detektiv. Die Legenden der Täter wiederholen sich, mal sind es britische Witwer mit Kindern, mal einsame US-Soldaten. Die Betrüger arbeiten mit gestohlenen Bildern von echten Personen. Sie spielen ihren Opfern eine Beziehung vor und erschwindeln sich Vermögen mit erlogenen Tragödien, obwohl es nie zu einem persönlichen Kontakt kommt. Gerade Frauen ab Mitte 40 bis Ende 60 geraten ins Visier, denn sie sehnen sich oft nach Liebe, sind im Internet aber noch unerfahren. Die Kontaktaufnahme erfolgt über sämtliche Social-Media-Kanäle. "Verseucht mit Love Scammern" sind laut Experten inzwischen auch hochwertige und teure Partnervermittlungen im Netz. Das Bundeskriminalamt führt keine Statistiken darüber, die Dunkelziffer ist hoch. Im FBI-Jahresreport 2014 steht Romance-Scam auf der Liste der häufigsten Internet-Betrügereien mit den höchsten finanziellen Verlusten an erster Stelle. Die dort aufgeführten 5800 Personen verloren insgesamt mehr als 68,5 Millionen Dollar. lala

Ich betreue unheilbar kranke Menschen, manchmal bis zu ihrem Tod. Der Job hat meine Einstellung zum Leben verändert. Ich will helfen. Und ich wollte Mike helfen, der um seine verstorbene Frau trauerte und in mir angeblich die Frau seines Lebens sah. Ich schrieb: 'In meinem Herzen brennt ein großes Feuer für Dich. Ich werde Deine verstorbene Ehefrau nie ersetzen können, aber trotzdem bin ich bereit, mein Leben aus Liebe mit Dir zu teilen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich dieses Gefühl je in meinem Leben spürte.'

Was für ein Senf! Nun, sein Gesäusel, das aus einem Übersetzungsprogramm stammt, war noch ausgeprägter: 'Nichts könnte mich glücklicher machen, als küsse deine zarten Lippen jetzt umarmt Ihre muskulösen Körper Gefühl dein sanfter Finger tips. A Tag ohne Dich Hölle. Yours nur immer Mike.'

Seelenverwandtschaft

Ich glaubte ihm, dass er ein Seelenverwandter war. Auch wenn ich auf gewisse Fragen nie eine Antwort bekam. Doch da fraß ich ihm schon aus der Hand. Morgens galt mein erster Blick seinen Mails, Nachrichten voller Liebespoesie. Dass die schwülstigen Texte aus Liedern von Phil Collins, Céline Dion oder der Boygroup Westlife stammten, wusste ich nicht. Ich war so glücklich.

Nach zwei Wochen redeten wir nur noch über unsere Liebe, eine Woche später über unsere Hochzeit in Paris, die gemeinsame Zukunft. Ich war wie unter Drogen. Alles passte, bald wollte er zu Besuch kommen. Dann, endlich, unser erstes Telefonat. Doch er hat mich vollgetextet, ich kam nicht zu Wort und schließlich hieß es auch schon wieder 'Goodbye'. Wie in einem Callcenter. Manchmal hatte ich den Eindruck, eine andere Person sei am Telefon, einmal war ein Kind im Hintergrund.

Meine Telefonkosten gingen in die Höhe, aber das war mir egal. Bei mir zu Hause sah es chaotisch aus, es gab nur noch Fastfood. Ich hing wie ein Fisch an der Angel. Bis morgens um vier im Chat mit Mike, dann mit dicken Augen um 6:30 Uhr zur Frühschicht. Ich isolierte mich so gut es ging von der Außenwelt.

Einmal schrieb er: 'Wie geht es unserem Sohn?'. Ich: 'Mike, das ist MEIN Sohn.' Er: 'Ja, aber meine Töchter sagen auch schon Mama zu Dir.' Total unrealistisch, das Ganze - ich habe ihm trotzdem geglaubt. Ich besprach selbst kleinste Probleme mit ihm. Er war mein Therapeut. Ich habe ihn gebraucht.

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