SZ-Serie: Die grüne Frage "Abrupten Klimawandel gab es öfter"

SZ: Welche Fälle meinen Sie?

Brand: Nehmen Sie die Hochtemperaturreaktoren, die vor 20, 25 Jahren hier in Deutschland entwickelt wurden. Das sind Reaktoren, bei denen es zu keiner Kernschmelze kommen kann. China entwickelt sich da gerade schnell weiter. Die haben einen 10-Megawatt-Prototyp gebaut, der funktioniert. Das ist der kleinste Reaktor, von dem ich je gehört habe. Die Technologie wurde also hier entwickelt, und China verwirklicht sie. Die Industrienationen lähmen ihre Entwicklung dagegen mit ihrer Überregulierung. In Frankreich dauert es drei Jahre, in den USA zwölf, bis ein Reaktor genehmigt wird. Niemand wird eine Milliarde Dollar zwölf Jahre lang auf Eis legen. Deswegen finden Sie viele Fortschritte in Kernenergie und Biotechnologie ja auch in Entwicklungs- und Schwellenländern. Siehe China.

SZ: Noch mal von vorne: Sie waren die meiste Zeit Ihres Lebens Atomkraftgegner. Wann sind Sie umgeschwenkt?

Brand: 2002, als wir für das Global Business Network eine Studie über abrupten Klimawandel erstellten und ich realisierte, dass das nicht etwas ist, das in irgendeiner fernen Zukunft passieren kann, sondern mehr oder weniger jeden Tag. Abrupten Klimawandel gab es schon öfter in der Erdgeschichte. Das Klima hat sich jedesmal innerhalb von zehn Jahren radikal verändert. Wenn etwa der Golfstrom, der Europa wärmt, stoppt, weil er am nördlichen Ende plötzlich mehr Süßwasserzufuhr bekommt, kann sich die Entwicklung sehr schnell vollziehen. Und wenn man realisiert, was für ein komplexes, nicht-lineares System das Klima ist - das Tückische an nicht-linearen Systemen ist ja, dass schon ein kleines Signal eine massive, unkontrollierbare Reaktion hervorrufen kann.

SZ: So wie in dem Katastrophenfilm "The Day After Tomorrow"?

Brand: Was für ein dummer Film! Aber ja, der basierte auf solch einem Szenario.

SZ: Und warum brauchen wir deshalb Kernenergie? Gibt es inzwischen nicht genügend alternative Energiequellen?

Brand: Wenn wir die Treibhausgase wirklich schnell reduzieren wollen, rechnet sich das alles nicht. Da geht es gar nicht so sehr darum, ob Solarenergie irgendwann einmal billig genug wird, sondern um die Grundlast (die niedrigste Belastung eines Stromnetzes während eines Tages, Anm. d. Red.). Wenn Sie die Zahlen addieren, dann brauchen wir für ein stabiles Klima 13 Terawatt zusätzlicher sauberer Energie. Solarenergie taugt noch lange nicht als Energiequelle für ein Stromnetz. Windenergie ist ein redlicher Versuch, fällt aber bislang kaum ins Gewicht. Hydro ist natürlich sauber, aber nahezu ausgeschöpft. Auch wenn China weiterhin große Staudämme baut. Kernenergie ist dagegen eine ausgereifte Technologie - verdammt sauber, wenn es um Treibhausgase geht, und sie kann eine solide Grundlast produzieren.

SZ: Ist Kernenergie nicht viel zu teuer, mal davon abgesehen, dass die Langzeitfolgen nicht abzusehen sind?

Brand: Als Umweltschützer habe ich auch immer reflexartig so reagiert: Kernenergie ist zu teuer, Atommüll ist ein großes Problem.

Lesen Sie weiter auf Seite 3, warum Stewart Brand die Meinung vertritt, dass Kernkraft hilft, den Klimawandel zu bekämpfen.

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