Sexismus im Literaturbetrieb:Sexistisch? Wir doch nicht!

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Sexismus im Literaturbetrieb: Ganz so übel wie in der sehenswerten US-Serie "Mad Men", die einen ausufernden Sexismus im New York der 1960er-Jahre zelebriert, ist die gegenwärtige männliche Hegemonie im Literaturbetrieb sicher nicht mehr ausgeprägt.

Ganz so übel wie in der sehenswerten US-Serie "Mad Men", die einen ausufernden Sexismus im New York der 1960er-Jahre zelebriert, ist die gegenwärtige männliche Hegemonie im Literaturbetrieb sicher nicht mehr ausgeprägt.

(Foto: AMC)

Vermeintlich aufgeklärte Männer glauben, dass Sexismus längst überwunden sei - und gehen nach Feierabend mit dem Chef Bier trinken und Fußball spielen. Wie Männerrunden noch immer Frauen von Karrieren ausschließen.

Gastbeitrag von Alina Herbing

Juli 2017. Berlin. Ich stehe nach einer Lesung mal wieder als einzige Frau in einer biertrinkenden Männergruppe - und trinke Cider. Mit ein paar von ihnen habe ich in Hildesheim "Kreatives Schreiben" studiert und wir sprechen über die aufkommende Sexismus-Debatte am dortigen Literaturinstitut.

Im Mai hatte ein anonymer Text von Studierenden der Institutsleitung Sexismus vorgeworfen und damit für viel Wirbel gesorgt. Der sehr wütende Text war schon wenige Stunden nach seinem Erscheinen nur noch unter der Hand zu bekommen. Die Diskussion kochte dennoch hoch, die Kulturzeitschrift Merkur bot sich als Plattform für ein Dossier an, das aus Texten zum Thema "Sexismus an Schreibschulen" bestehen sollte.

Mein Cider ist schon halb leer, als ich in dieser Nacht in Berlin den Männern um mich herum erzähle, dass ich mich mit einem Text an diesem Dossier beteiligen werde. Es gibt ein paar ironische Bemerkungen und dazu belustigtes Grinsen, genervtes Auf-den-Boden-schauen, Schnell-noch-einen-Schluck-Bier-nehmen.

Die typischen Reaktionen also, wenn sich eine meiner Kommilitoninnen über sexuelle Diskriminierung beschwert hat. In den seltensten Fällen werden solchen Vorwürfen Worte entgegengesetzt. Meistens ist es einfach nur Lächeln - und Schweigen.

Einer von den Kommilitonen will aber wissen, worüber ich denn da genau schreiben wolle. Also erzähle ich von Textwerkstätten, in denen die Studentinnen in der Mehrheit waren, aber kaum zu Wort kamen. Davon, dass es nie mehr als eine Dozentin gab und Studenten es ablehnten, Seminare bei genau dieser Frau zu besuchen.

Wieso gibt es im Jahr 2017 überhaupt noch Sexismus an so einem Ort?

"Du weißt doch selbst, wie es war", sage ich. "Feministin war ein Schimpfwort für Frauen, die den Mund aufmachten. Die 'Kuwi-Mädchen' hatten keine Namen, sondern hießen 'die mit den spitzen Titten' oder 'die mit dem geilen Arsch'. Kein Dozent musste die nach ihrem Namen fragen, die im Seminar davor gerade zehn Minuten Bret Easton Ellis mit David Foster Wallace verglichen hatten. Und erst recht nicht die, die noch ein paar Stunden zuvor in einer Kneipe mit ihm Wodka verkleckert hatten."

"Und?", sagt er. "Das ist doch überall so."

"Ich weiß", sage ich. "Macht es das weniger wichtig, darüber zu schreiben?"

Denn die Frage ist doch: Wieso gibt es überhaupt noch Sexismus an so einem Ort? Im Jahr 2017? In einem künstlerisch-akademischen Milieu, in dem sich die Mehrzahl als links-liberal bezeichnen würde. Parameter, die sich nicht nur auf sämtliche kulturwissenschaftliche Studiengänge übertragen ließen, sondern auf eine Vielzahl anderer akademischer Bereiche, in denen eine erhöhte Sensibilität für diese Mechanismen vorhanden ist.

Es ist ein Trugschluss, dass Sexismus nur noch etwas für Uni-Seminare ist

"Wo werde Frauen denn noch der Po getätschelt", denken in diesem Milieu wahrscheinlich viele, "außer in entsprechenden Etablissements auf der Reeperbahn?" Wo würde denn noch über den Herrenwitz gelacht, außer um vier Uhr morgens nach einem Saufgelage beim Kölner Karneval?

Mit Sexismus müsse man sich doch eigentlich nur noch in Seminaren von Gender-Studies-Studiengängen beschäftigen, um Verhaltensweisen derer zu beschreiben, die noch nie eine Universität von innen gesehen haben. Oder?

Oder auch nicht. Denn dass das ein Trugschluss ist, wissen wir nicht erst, seitdem Studierende in zahlreichen Texten auf Sexismus an ihren Hochschulen aufmerksam machen.

Elisabeth Hanzl und Sissi Luif haben sich in ihrem Essay "Das Biertrinken und die männliche Hegemonie" mit Verhaltensmustern in linken, unipolitischen Gruppen auseinandergesetzt. Ihre Argumentation basiert auf der Theorie der hegemonialen Männlichkeit von Raewyn Connell, die beschreibt, wie Hierarchien unter Männern, aber auch zwischen den Geschlechtern hergestellt werden.

Bei der Scherzkommunikation geht es in Wahrheit um Abgrenzung

Sexismus im Literaturbetrieb: Romanautorin Alina Herbing: "Die Verantwortung für den Sexismus lässt sich nicht auf bildungsferne Bereiche und Privatfernsehen abschieben."

Romanautorin Alina Herbing: "Die Verantwortung für den Sexismus lässt sich nicht auf bildungsferne Bereiche und Privatfernsehen abschieben."

(Foto: Anikka Bauer)

Hanzl und Luif bemerken, dass sich innerhalb ihrer Gruppe zwar alle darin einig sind, dass sexistische Strukturen abgelehnt werden. Die traditionellen Geschlechterhierarchien werden aber im informellen Bereich, nach den Sitzungen, doch wieder reproduziert.

Bewusst distanziere man sich von der Dominanz der Männer und den Gesellschaftsstrukturen, die diese bedingen. Unbewusst befördere man sie jedoch durch entsprechende Verhaltensmuster. Nicht nur Männer, auch Frauen* können hegemoniale Rollen einnehmen und Männer können selbstverständlich genauso unter den gegebenen Strukturen leiden.

Aber was sind das genau für Verhaltensmuster, die in diesen Gruppen Hierarchien herstellen? Laut dem Soziologen Michael Meuser können das mitunter winzige Sätze sein, die so normal sind, dass sie kaum noch jemandem auffallen, den Angesprochenen aber darauf hinweisen, dass sein Verhalten nicht der Norm der Gruppe entspricht: "Du machst schon schlapp?", wird Paul beispielsweise gefragt, wenn er sich schon um 22 Uhr aus der Kneipe verabschiedet. "Wartet deine Freundin zu Hause?" Oder: "Verträgst du nichts mehr?"

Vieles davon ist "eigentlich nicht ernst gemeint". Scherzkommunikation lautet der Fachbegriff für diese Äußerungen, von denen, auch wenn sie nicht so klingen, viel Macht ausgeht. Diese unbewussten Kommunikationsstrategien, so Meuser, fänden sich über alle Milieugrenzen hinweg - unter Fußballfans genauso wie in Seminarstrukturen an Universitäten. Es gehe dabei um die Abgrenzung zu anderen Männern, aber eben auch zu Frauen.

Schon die Anwesenheit einer Frau ändert die Kommunikation

Dafür werden immer wieder Orte und Situationen hergestellt, zu denen Frauen der Zugang verweigert ist. Sie sind damit aus bestimmten Gesellschaftsbereichen ausgeschlossen, auch wenn das heutzutage immer seltener in Gänze möglich ist.

Gerade dort, wo sich traditionelle Geschlechterbilder in der Auflösung befänden, käme Männerrunden jedoch eine besondere Bedeutung zu. Dort könnten sie sich nämlich gegenseitig der Adäquatheit eigener Einstellungen versichern. Je unbewusster dies geschehe, desto effektiver sei es. Das Reflektieren des eigenen Verhaltens würde Männerrunden also, zumindest teilweise, obsolet machen, weshalb weitestgehend darauf verzichtet werde.

Ich weiß nicht, worüber in Männergemeinschaften gesprochen wird, weil sie durch meine Teilnahme aufhören würden zu existieren. Schon die Anwesenheit einer oder weniger Frauen verändere das Kommunikationsverhalten.

Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Nähe unter Geschlechtsgenossen

Wenn ich einen meiner Kommilitonen an der Uni Hildesheim gefragt hätte, warum sie sich jede Woche zum Fußball spielen treffen, hätte jeder gesagt: "Weil Fußballspielen Spaß macht." Und diese Antwort hätte ich nicht in Frage gestellt, "man findet aber einen Rahmen", schreibt Meuser dazu, "der es - natürlich gerade nicht zufällig - mit sich bringt, dass das Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Nähe unter und mit Geschlechtsgenossen realisiert wird".

Ich glaube auch, dass Fußballspielen Spaß macht, aber ich bin mir sicher, dass nicht wenige der Jungs nach ihrem Studium in Hildesheim nie wieder Fußball gespielt haben.

Die erstaunliche Wirkung des Bewusstwerdens

Oder überall sonst auf der Welt. Es gibt schließlich keinen "Hildesheimer Sexismus". Das, was ich zu beschreiben versuche, ist kein Schreibschulphänomen, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Und die Verantwortung dafür lässt sich nicht auf bildungsferne Bereiche und Privatfernsehen abschieben.

Gerade die Menschen, die mit dem Privileg ausgestattet sind, es besser wissen zu können, sind sich dessen oft nicht bewusst und behalten Verhaltensweisen bei, die Geschlechterhierarchien reproduzieren und ihre Privilegien schützen.

Sei es das Nicht-ausreden-lassen, das Nicht-zuhören, das Weniger-ernst-nehmen, das Marginalisieren-von-Erfahrungen oder das Leugnen-von-Diskriminierung. Aber auf der anderen Seite auch: das Schweigen, das viele Frauen gelernt haben, das Unterordnen der eigenen Bedürfnisse unter die der Anderen.

Es hat eine erstaunliche Wirkung, wenn einem diese Mechanismen bewusst werden: Ein paar Stunden nachdem mein Text auf dem Blog des Merkur erschienen war, hatte ich die erste Nachricht auf meinem Smartphone - von einem Freund aus Hildesheim-Zeiten: "Ich wollte mich nur mal für damals entschuldigen", schreibt er. "Als ich deinen Text gelesen habe, war mir sehr vieles peinlich." Und eine Bekannte aus dem Literaturbetrieb schreibt: "Das könnte man eins zu eins auf den ganzen Betrieb übertragen."

Neben den vielen positiven Reaktionen gibt es aber auch die, die es als anmaßend empfinden, gerade Literaturinstituten Sexismus vorzuwerfen. Gerade dort gäbe es doch schon ein Bewusstsein für sexistische Strukturen, Gendertheorien seien in den Seminaren fest verankert und Gleichstellungsbüros achteten bei Stellenausschreibungen darauf, dass Bewerbungen des jeweils unterrepräsentierten Geschlechts bevorzugt behandelt würden.

In den gehobenen Positionen sind Frauen immer noch massiv in der Minderheit

Also mal wieder Zahlen: Der Frauenanteil an der Bevölkerung beträgt laut dem Statistischen Bundesamt hierzulande 51, der Frauenanteil an hauptberuflich wissenschaftlichem und künstlerischem Personal 38,6 Prozent. Der an Professuren nur noch 22,7 Prozent. Am Literaturinstitut in Hildesheim stellen die Frauen 14,3 Prozent der Lehrenden (ohne die Gastdozentinnen) - das heißt, das Team besteht aus sechs Männern und einer Frau.

Sehr wahrscheinlich wird im kommenden Semester eine zweite Frau beschäftigt - zum ersten Mal in der Institutsgeschichte. Dann kämen wir immerhin schon auf 28,6 Prozent. Am deutschen Literaturinstitut in Leipzig sieht es nicht viel anders aus.

Und diese Zahlen setzen sich auch außerhalb der Hochschulen fort: Der Anteil an Rezensionen über Bücher von Frauen beträgt zehn bis 24 Prozent. Sieht man sich die Jurys von Literaturpreisen an, sind Frauen mit nur 23 Prozent vertreten. Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, dass Literaturpreise fünf Mal häufiger an Männer gehen.

Pseudoironische Herrenabende

Am nächsten Tag gebe ich mit einer meiner Mitstreiterinnen ein Interview:

"Das ist natürlich schwer zu belegen. Haben Sie denn irgendwelche Zahlen?", fragt uns die Journalistin.

"Nur die üblichen", sage ich und schicke noch ein paar Prozentsätze hinterher.

"Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs.", sagt Lena irgendwann neben mir. "Darum versuchen wir, das zu beschreiben, wofür es keine Zahlen gibt."

Kurz bevor ich Hildesheim am Ende meines Studiums verlasse, beginnen ein paar meiner Kommilitonen, sich pseudoironisch zu Herrenabenden zu treffen. Sie rauchen mit Vintage-Anzügen bekleidet Zigarren und trinken Whisky. Was sie sonst noch so machen, weiß ich nicht. Weil ich nicht dabei bin. Ich bedauere das nicht besonders.

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