Judentum in Ungarn "Viktor Orbán hasst nicht die Juden an sich, er hasst alles Fremde"

Mittlerweile leben in Ungarn wieder mehr als 100 000 Juden; die Budapester Gemeinde ist eine der größten Europas. Aber das jüdische Leben findet überwiegend in Budapest statt, wo die prächtigen Synagogen aufwendig renoviert wurden und heute nicht nur Touristenattraktionen, sondern auch regelmäßig gut genutzte und gefüllte Gebetshäuser sind.

In der Provinz hingegen gebe es, sagt Dirigent Fischer mit einer gewissen Bitterkeit, "immer noch viele judenfreie Orte". Das will er zeigen. Und den "nicht mehr existierenden jüdischen Gemeinden den Respekt verschaffen, den sie verdienen".

Die Synagoge in Gyöngyös, Nordostungarn, wurde 1930 eingeweiht. Sie war die zweitgrößte außerhalb von Budapest.

(Foto: Witold Skrypczak/Getty Images)

Sein Hauptziel sei die Aufklärung, wird Fischer am nächsten Tag in seiner wunderbaren alten Budapester Villa sagen, während der dichter Regen auf Rosen und alte Kiefern niederrauscht: "Ich will Vorurteile abbauen, Erinnerungen lebendig werden lassen."

Deshalb gibt es bei jedem der Synagogen-Konzerte nur etwa 30 Minuten Musik von Puccini und Schostakowitsch, von dem außerhalb Ungarns eher unbekannten Matyas Seiber, von Béla Kovács.

Klassik und Klezmer als Lockmittel, damit die Leute kommen. Und dazu eine Rede über die Geschichte der jeweiligen Synagoge, über ihr Werden und Vergehen, die Auslöschung der Gemeinden in Ungarn unter den Nazis. Und darüber, dass das ja nicht das Ende gewesen sein muss, sondern ein Anfang sein kann. Auch 70 Jahre danach.

In Gyöngyös spricht Rabbi Shlomó Köves von der orthodox ausgerichteten Vereinigung ungarischer Juden (EMIH); er berichtet von der Ansiedlung der ersten Juden in Gyöngyös im 16. und dem Erstarken der Gemeinde im 19. Jahrhundert, als Juden im Ort ein Fünftel der Bevölkerung ausmachten.

Zweiter Weltkrieg

Als die Schlacht um Ungarn tobte

Vom Brand der alten Synagoge während des Ersten Weltkriegs und dem Neubau der neuen, großen Basilika im griechischen Stil 1930. "Selbstbewusst waren die Juden hier damals noch", sagt er, "sie haben trotz des überall anwachsenden, bedrohlichen Antisemitismus dieses Gebetshaus gebaut, das aussieht wie ein Dom."

Wenn die Juden von Gyöngyös heute beten wollen, gehen sie hundert Meter weiter, in ein Wohnhaus. Dort haben sie sich in einem Nebengebäude 1960 eine kleine Ersatzsynagoge eingerichtet, nicht mehr als ein Zimmer; die Bima, das Podium, und der Thoraschrein konnten aus dem großen Haus hinübergerettet werden.

Es gibt noch manchmal eine Feier, oder eine Hochzeit, aber ein Rabbi war schon lange nicht mehr da. Der örtliche Klinikchef, Peter Weisz, hat Geld aufgetrieben, um das große Haus wieder flottzumachen als Kulturtreff. Vorerst seien alle dafür, sagt er, nicht nur der sozialistische Bürgermeister, sondern auch die vier Stadträte von der rechtsradikalen Jobbik-Partei.

Hilfe für durchreisende Flüchtlinge

Iván Fischer und die Musiker des Budapest Festival Orchestra sind nach der Vorstellung zurück nach Budapest gereist. Von dort brechen sie am nächsten Tag wieder auf für das nächste Synagogen-Konzert.

Zwischendurch will anderes erledigt sein, Fischer ist nicht nur ein viel gebuchter Dirigent, sondern auch ein sehr beschäftigter politischer Mensch. Er hat eine Stiftung gegründet und einen Lastwagen gekauft, mit dem durchreisende Flüchtlinge versorgt werden. "Gerade jetzt", sagt er, "fährt der Laster wieder los, vollgeladen mit warmen Decken und Essen."

Mit der Politik seines Ministerpräsidenten kann er sich nicht anfreunden, nicht abfinden, auch wenn er Orbán nicht für einen Antisemiten hält. "Viktor Orbán hasst nicht die Juden an sich, er hasst alles Fremde", sagt Fischer. Der Premier und seine Fidesz-Partei kennten nur Freund und Feind, keine Zwischentöne. Sie seien dabei, das Land in eine "weltfremde, paranoide Nation" zu verwandeln.

Er aber wolle nicht zuschauen, wie "Ungarn seine Seele dem Teufel verkauft". Warum er noch da ist, nicht ausgewandert, wie so viele andere Künstler und Musiker? "Weil das Land zu retten ist. Wenn endlich klar wird, dass das, was hier geschieht, nicht im ungarische Interesse ist, wird Orbáns Konzept wie ein Kartenhaus zusammenfallen."

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