Spuren jüdischen Lebens in der Slowakei Bis die Mörder kamen

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Fotoausstellung "Last Folio"

Spuren jüdischen Lebens

Eine Synagoge, in der Ziegen herumlaufen, ein verlassenes Klassenzimmer, Bücher, dem langsamen Verfall preisgegeben: An einigen Orten in der Slowakei zeigen sich noch Jahrzehnte nach der Deportation der jüdischen Bevölkerung Überreste ihrer Kultur.

Als sei das Zimmer gerade erst verlassen worden: Eine Filmemacherin und ein Fotograf haben in der Slowakei Orte aufgespürt, die vom einst reichen jüdischen Leben zeugen.

Von Joachim Käppner

Das Haus in Michalovce war verschlossen, seit sehr langer Zeit. Doch als sie fragte, gab ihr jemand den Schlüssel, einfach so. Kurze Zeit später stand Katya Krausova in alten Räumen, eine schöne Villa eigentlich, tief in der slowakischen Provinz.

Lange hatte niemand das Gebäude mehr betreten, es gab keinen Strom. "Überall waren Bücher", sagt sie, "in jedem Zimmer." Es roch nach altem Papier - "und nach dem Tod".

Fotoausstellung "Last Folio"

Spuren jüdischen Lebens

Die Literatur über den Holocaust füllt inzwischen Bibliotheken, die Zeit des Schweigens und Verschweigens ist lange her. Anders als einst, während des Historikerstreits in den Achtzigerjahren, befürchtet wurde, vergeht diese Vergangenheit nicht. Und viele Historiker nehmen an, dass sich dies auch mit dem nahenden Ende der Zeitzeugenära nicht ändern wird.

Denn die Beschäftigung mit dieser Geschichte vermag immer wieder zu berühren. Die Staatsbibliothek zu Berlin zeigt nun eine ungewöhnliche Ausstellung: "Last Folio - Spuren jüdischen Lebens in der Slowakei". Sie beruht auf Reisen durch die Slowakei, welche die Londoner Filmproduzentin Katya Krausova in den vergangenen Jahren gemeinsam mit dem Fotografen Yuri Dojc unternommen hat, Reisen zu Überlebenden und fast vergessenen Spuren jüdischen Lebens.

Eine Zeitreise - anrührend, schockierend

Wie zu jener Villa in Michalovce, die nach dem Holocaust einfach samt Inventar stehen blieb, und nun wie ein aus der Zeit gefallenes Relikt wirkt. Auf ihren Reisen fanden Krausova und Dojc verlassene Synagogen, ein Schulzimmer in Bardejov, das aussieht, als sei es eben erst verlassen worden - und immer wieder Bücher, staubig, brüchig geworden, mit all dem Wissen einer verlorenen Epoche darin.

Sie stehen im Mittelpunkt der Berliner Ausstellung und des schönen Begleitbuches. Last Folio, das bedeutet so viel wie letzte Ausgabe - jener alten Bücher, die einst von Generation zu Generation weitergereicht wurden. Bis die Mörder kamen.

Katya Krausova stammt aus einer jüdisch-slowakischen Familie, die den Holocaust überlebte. Als Jugendliche schickten die Eltern sie kurz vor der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 ins sichere Großbritannien.

Für Krausova waren die Besuche in der Slowakei Jahrzehnte später wie eine Zeitreise, anrührend, schockierend. Eine alte Frau erzählte, kaum dass die Besucher ihr Wohnzimmer betreten hatten: "Sie müssen wissen, dass ich in Auschwitz eine Kapo war, eine Lageraufseherin."

Wo die Fäden der Geschichte zusammenlaufen

Immer mehr hat die Vergangenheit Katya Krausova in ihren Bann gezogen, bis es zu einer fast unwirklich anmutenden Begegnung kam. Eine alte Dame, Katka Grünstein, wurde 1942 nach Auschwitz deportiert und überlebte drei Jahre später nur knapp einen Todesmarsch bei der Räumung des Vernichtungslagers. Eines Morgens erwachte sie im Straßengraben - und die Deutschen waren verschwunden.

Große Liebe inmitten der Fluchtwirren: Katka Grünstein

(Foto: Yuri Dojc)

Eine Gruppe von Slowaken nahm sie auf, sie verliebte sich in einen der Männer, die sich auf dem Weg durch die Landschaften des Krieges um sie kümmerten; ein Überlebender auch er. Es sei eine große Liebe gewesen, sagte Frau Grünstein zur Interviewerin Krausova, der die Geschichte bekannt vorkam - und dann stellte sie fest: "Der Mann, von dem Frau Grünstein berichtete, war mein eigener Vater."

In den Wirren der letzten Kriegstage hatte sich das Paar aus den Augen verloren und nicht wiedergefunden. Beide heirateten jemand anderen. Die beiden Frauen nehmen sich in den Arm, sie hätten Mutter und Tochter sein können. Hier, so Katya Krausova, "laufen die Fäden der Geschichte plötzlich zusammen", sie hat viel über ihren Vater gelernt.

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Was bedeutet es, dass diese Ausstellung nun erstmals in Deutschland gezeigt wird und mit Bertelsmann ein deutsches Unternehmen das Projekt unterstützt? Katya Krausova sagt: "Das ist von enormer Bedeutung und birgt eine große Symbolik - Last Folio kommt an einen Ort, der so viel Kultur, aber auch so viel Zerstörung hervorgebracht hat."

"Last Folio" ist bis zum 1. August in der Staatsbibliothek in Berlin zu sehen, der Eintritt ist frei. Begleitbuch: Prestel Verlag. München 2015, 39,90 Euro. Nähere Informationen unter www.lastfolio.com.