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Rechtspopulismus:Wie der Antisemitismus an die Ostsee kam

Strandkörbe bei Ahlbeck auf Usedom, 1929

Strandkörbe am Strand von Ahlbeck im Jahr 1929: Wie lange werden die beliebten Ostseebäder noch Sehnsuchtsorte sein?

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Nach der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern stellt sich in einigen beliebten Ostseebädern die Frage, wer zuerst da war: der Fremdenverkehr oder der Fremdenhass?

Von Lothar Müller

Oh, wie schön ist Usedom. Stundenlang kann man an den Sandstränden entlangwandern, gelegentlich eines der Steilufer erklimmen, um vom Wald auf die Ostsee hinabzublicken und irgendwann mit der Bäderbahn an den Ausgangspunkt zurückzukehren. In Bansin gibt es ein kleines Museum zu Leben und Werk von Hans Werner Richter, dem Gründer der Gruppe 47, der hier geboren wurde. Manchmal ziehen am Horizont Schiffe vorbei. Schlauchboote mit Flüchtlingen gibt es hier nicht. Aber zu DDR-Zeiten, 1974, scheiterte ein ausgereister Thüringer mit dem Versuch, seine Familie von Usedom aus mit einem Schlauchboot nachzuholen.

"Kein Geld für Eure 'Flüchtlinge' - unser Geld für unsere Kinder", mit diesem Slogan warb Ralph Weber, bei den Landtagswahlen Kandidat der AfD im Wahlkreis Vorpommern-Greifswald III, so erfolgreich für seine Partei, dass er am Sonntag das Direktmandat holte. Der Clou des Slogans sind die Anführungszeichen. Ralph Weber ist Professor für Zivilrecht an der Universität Greifswald, er gehört zum rechten Spektrum seiner Partei. Die Stimmen aus Usedom haben zu seinem Erfolg beigetragen. Von Ahlbeck und Heringsdorf über Zinnowitz bis Peenemünde, überall wurde die AfD aus dem Stand heraus stärkste Partei, meist mit mehr als 30 Prozent, mancherorts mit mehr als 40 Prozent.

Es fällt auf, wenn eine Region so eindeutig wählt

Eine Besonderheit fällt ins Auge, wenn man auf dem Wahl-Atlas des Statistischen Landesamts die Orte auf Usedom anklickt. Hier gilt die These nur eingeschränkt, ein erfreulicher Nebeneffekt der AfD sei, dass ihr Erfolg die Stimmen der NPD aufsaugt. In Peenemünde, wo die AfD mit 46,8 Prozent ein Rekordergebnis erzielte, kam die NPD auf 5,6 Prozent. In Heringsdorf erhielt die NPD sechs Prozent, die AfD 32,8 Prozent. Es mögen pro Ort nur Hunderte oder weniger, im Höchstfall ein paar Tausend Stimmen sein. Aber es fällt auf, wenn eine Region so eindeutig wählt.

Das Zugleich von AfD-Zuspruch und NPD-Zuspruch im Verein mit einem Direktmandatsgewinner, der schon mal in Thor-Steinar-Klamotten durch seine Uni lief und aus seinen guten Kontakten zur NPD-Spitze nie einen Hehl gemacht hat, gibt dem Wahlergebnis auf Usedom eine besondere Note. Lokale Unzufriedenheiten über geschlossene Kindereinrichtungen, Verwaltungsdefizite oder die Verteuerung von Wohnraum, die es hier wie überall gibt, reichen nicht recht aus, um so etwas wie eine stabile absolute Mehrheit aus AfD und NPD in Peenemünde zu erklären. Und die Vermutung, es müsse auf Usedom ungeheuer viel schiefgelaufen sein nach dem DDR-Zusammenbruch, hat nur begrenzten Erklärungswert.

Denn der Tourismus auf der Ferieninsel ist nicht zuletzt deshalb so erfolgreich, weil in den Jahrzehnten nach 1989/90, einzelne Bausünden hin oder her, sehr viel in die Infrastruktur und die Renovierung von Altbausubstanz investiert wurde. Einen Eindruck davon vermitteln die Lichtbildvorträge über die Seebäder im Wandel der Zeiten, die gelegentlich in den Kurhäusern gehalten werden, wenn die Fotografien aus DDR und Wendezeit an der Reihe sind.

Verknüpft: Tourismus und lokaler Antisemitismus

Usedom gehört zu den traditionellen deutschen Tourismusregionen. Wenn jetzt erste Stimmen aus der Tourismusbranche vor negativen Folgen des Rechtsrucks bei den Landtagswahlen warnen oder beruhigend versichern, der Besucherzustrom werde auf solche Pendelausschläge kaum reagieren, geschieht das in einem Echoraum, der von den Historikern erst in jüngerer Zeit ausgemessen worden ist. "Willkommen in den Kaiserbädern", so begrüßen Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin ihre Gäste auf den Titelseiten von Broschüren oder im Netz. Im Kaiserreich ist Usedom zu einer Tourismusattraktion geworden, nicht zuletzt für das Berliner Bürgertum.

Ein Teil dieses Bürgertums waren deutsche Juden. Wie in den Nordseebädern war auch auf Usedom die Entfaltung des Tourismus mit der Entfaltung des lokalen Antisemitismus verknüpft. Der Zeithistoriker Michael Wildt hat 2001 in der Zeitschrift Mittelweg den Antisemitismus in deutschen Nord- und Ostseebädern zwischen 1920 und 1935 dargestellt, Frank Bajohr in seiner Studie "Unser Hotel ist judenfrei" (2003) den "Bäderantisemitismus" bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgt.

Der "Bäderantisemitismus" war ein Pilotphänomen

Es führt in den Analysen der Zeithistoriker nicht von jedem Ort, an dem der Bäderantisemitismus auftrat, eine direkte Verbindung in den Holocaust. Bansin und Zinnowitz auf Usedom brüsteten sich auch deshalb schon lange vor 1933 damit, besonders "judenrein" zu sein, weil im benachbarten älteren und luxuriöseren Heringsdorf jüdische Gäste noch unbehelligt blieben. Der "Bäderantisemitismus" interessiert die Historiker als eine Art Pilotphänomen. Er machte in begrenzten lokalen Milieus Ausgrenzungen alltäglich und mehrheitsfähig, als sie im Deutschen Reich insgesamt noch nicht auf der Tagesordnung standen. Man kann in den Tagebüchern von Victor Klemperer, der im August 1927 in Heringsdorf Urlaub machte, das Echo der antisemitischen Lieder hören, die im nahen Zinnowitz gesungen und auch auf Postkarten verbreitet wurden.

Der 1921 ins Leben gerufene "Schutzbund für deutschvölkische Ostseebäder" trug zur Radikalisierung des "Bäder-Antisemitismus" in der Weimarer Republik bei. Den Begriff hatten die deutschen Juden selbst schon im späten 19. Jahrhundert in Reaktion auf antisemitische Pöbeleien geprägt. Da war noch das ältere Wort für Tourismus im Schwange: Fremdenverkehr. In diesem Wort sind Fremde willkommen. Der "Bäder-Antisemitismus" verwandelte Gäste in unwillkommene Fremde.

Mit Peenemünde beherbergte Usedom ein geheimes Zentrum der deutschen Rüstungsindustrie. Das "Historisch-technische Museum" in Peenemünde im Kraftwerk der ehemaligen Heeresversuchsanstalt stellt Wernher von Braun, die V 2 und die Zwangsarbeiter in den historischen Kontext der Ferieninsel. Zu ihrer Literaturgeschichte gehört der Roman "Die Enden der Parabel" des amerikanischen Autors Thomas Pynchon (1973), in dem Peenemünde und die V 2 eine Schlüsselrolle spielen. Den historischen Raum, der die Insel umgibt, kann Usedom nicht abwählen.

Eine Diskussion mit dem frisch gewählten Vertreter des Wahlkreises Vorpommern-Greifswald III über seinen Wahlslogan und den Begriff "Fremdenverkehr" steht auf der Tagesordnung.

© SZ vom 07.09.2016/doer

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