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Mecklenburg-Vorpommern:In Anklam regiert der Frust

Die 1883 gegründete Zuckerfabrik ist größter Arbeitgeber in Anklam.

Die 1883 gegründete Zuckerfabrik ist ein großer Arbeitgeber in Anklam.

(Foto: picture alliance / dpa)

In dem Örtchen sank die Arbeitslosenquote massiv, ein Autozulieferer will Millionen investieren, nur wenige Hundert Flüchtlinge leben hier. Trotzdem wählten mehr als 30 Prozent die AfD.

Reportage von Antonie Rietzschel, Anklam

Diesmal hat es nicht gereicht für Bernd Schubert, den Bürgermeister von Ducherow bei Anklam. Seit 1994 ist er für die CDU in der Politik. Zur Landtagswahl 2011 holte er das Direktmandat im Wahlkreis 29 Ostvorpommern I (jetzt Vorpommern-Greifswald II). Bei der Wahl am Sonntag wurde die Union nur drittstärkste Kraft hinter der Alternative für Deutschland. Die holte aus dem Stand 20 Prozent, gewann drei Direktmandate. Die entsprechenden Wahlkreise liegen alle in Vorpommern, darunter ist der von Bernd Schubert. In seiner Geburtsstadt Anklam haben 30,8 Prozent der Wähler mit der Erststimme AfD und damit den Familienrichter Matthias Manthei gewählt. In umliegenden Dörfern kam der sogar auf bis zu 57 Prozent.

Im Bürgerbüro ist es am Montag nach der Wahl ruhig, Schubert ist unterwegs, in Schwerin ist Landesvorstandssitzung. "Wir haben gekämpft", sagt eine der Mitarbeiterinnen und seufzt. Als es um die Frage geht, warum es nicht gereicht hat, wird sie wütend, knallt ihre Brille auf den Schreibtisch: "Das war Frust. Worüber? Auf diese Frage habe ich am Infostand nie eine ordentliche Antwort bekommen." Aber mit Anklam selbst habe das nicht wirklich viel zu tun.

13 000 Menschen leben in Anklam, kurz nach der Wende waren es noch 19 000. Viele sind weggezogen, am Stadtrand sind ganze Straßen verwaist oder gammeln vor sich hin. Das hat Anklam mit vielen anderen Städten in Vorpommern gemein. Doch es hat sich viel getan. Anklam war bis vor wenigen Jahren bundesweit als Stadt mit der höchsten Arbeitslosenquote bekannt, mehr als 31 Prozent hatten keinen Job - mittlerweile liegt die Arbeitslosenquote bei 14,8 Prozent. Es gibt mehrere mittelständische Betriebe. Der Autozulieferer Continental will 35 Millionen in die Region investieren. Der Stadtkern ist saniert, es gibt mehrere Läden und Cafés. Am Bahnhof, nur wenige Meter entfernt von Schuberts Bürgerbüro wird gerade eine neue Straße gebaut.

"Die Merkel braucht einen richtigen Tritt in die Hacken"

Bei der Wahl hat die positive Bilanz keine Rolle gespielt, denn die AfD machte vor allem Stimmung gegen die Politik der Bundesregierung. Ihr Erfolg ist als Denkzettel für die etablierten Parteien gedacht. Für so manchen Anklamer hätte der noch größer ausfallen können. "30 Prozent wären super gewesen. Die Merkel braucht einen richtigen Tritt in die Hacken", sagt ein älterer Herr auf dem Marktplatz. "Traurig. Aber ist so", sagt seine Frau. "Die Falschen haben die meisten Stimmen bekommen", sagt eine ältere Dame. Gemeint ist die SPD.

Im Wahlkampf ging es vor allem um die Flüchtlinge. Gerade mal 11 000 leben in ganz Mecklenburg-Vorpommern. Nach Anklam kamen im vergangenen Jahr 350 bis 400 Menschen. Man nimmt sie kaum wahr. Dafür eine diffuse Angst, die auch in Hass umschlagen kann. Am Brunnen mitten auf dem Marktplatz sitzt an diesem Vormittag eine syrische Familie: Zwei Männer und zwei Frauen mit Kopftuch, drei Kinder spielen Fangen.

Eine kleine Frau mit kurzen weißen Haaren und kleinem Einkaufswägelchen kommt heran: "Hier hat es so was noch nie gegeben - also geht dahin zurück, wo ihr hergekommen seid." Die Männer und Frauen verstehen die Worte nicht, aber die zischende Stimme. Die Kinder hören auf zu spielen. "Warum sind die Menschen hier schlecht zu uns?", fragt einer der Syrer. "Was haben wir getan?"

Rechte bis rechtsextreme Positionen sind hier schon länger Normalität

Sie sind in einer Stadt gelandet, in der rechte bis rechtsextreme Positionen schon länger Normalität sind. Auch deswegen hatte die AfD hier leichtes Spiel. In der Nähe des Marktes gibt es einen rechtsextremen Klamottenladen. Der Landesverband der NPD hat in Anklam seine Geschäftsstelle. Im selben Gebäude gibt es eine "Pommersche Volksbücherei", sowie einen Versand für Szenekleidung und -musik. Außerdem betreibt hier Michael Andrejewski der für die NPD (noch) im Schweriner Landtag, in der Stadtvertretung und im Kreistag sitzt, eine Anwaltskanzlei. Bereits eine Viertelstunde vor der eigentlichen Öffnungszeit stehen mehrere Menschen vor der Bürotür, meist geht es um Fragen zu Hartz IV. Als Andrejewski, 57, in Schlabberhose und Turnschuhen Richtung Büro läuft, drückt ihm ein junger Mann die Hand. Man kennt sich.

Andrejewski gilt in der Stadt als "Kümmerer". Einer, der durch sein Engagement hohe Wahlergebnisse für die NPD erzielen konnte. 13 Prozent waren es in Anklam bei der Landtagswahl 2011, am Sonntag nur neun Prozent. Die rechtsextreme Partei gehört zu den großen Verlierern, sie hat es nicht wieder in den Landtag geschafft. Andrejewski spielt das Ergebnis herunter: "Das war zu erwarten - die AfD wird sich abnutzen und dann sind wir wieder dran." Die NPD werde weitermachen.

Immer wieder gab es aus Anklam auch andere Signale - gegen den Rechtsruck. Der Bürgermeister versuchte das Auftreten von Frauke Petry zu verhindern, allerdings ohne Erfolg. Am Bahnhof von Anklam gab es wenige Tage vor der Wahl ein großes Konzert. Feine Sahne Fischfilet machten hier Station auf ihrer Tour gegen den Rechtsruck. Der Rapper Marteria war da und Campino von den Toten Hosen. 2000 Menschen kamen, um zu feiern und ein Zeichen für Toleranz zu setzen. Geblieben sind davon jedoch nur die linken Schmierereien an einigen Häusern.

© SZ.de/sks

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