bedeckt München 21°
vgwortpixel

Rechtspopulismus und Gegenkultur:Politische Aktivistin statt Politikerin - ein wichtiger Unterschied

So einfach ist es aber nicht. Die Klügeren (und die Skrupellosesten) unter den Popstars haben das schon immer gewusst. Oder wenigstens geahnt. Mit anderen Worten: Die Botschaft von Mick Jagger ist notwendigerweise qua Amt und Würden immer zuerst: "Guck mal, da ist Mick Jagger!" Mick Jagger kann nicht einfach plötzlich wieder ein Straßenkämpfer sein, er kann "nur" einen Song über den "Street Fighting Man" schreiben.

Es ist deshalb auch kein Zufall, dass sich etwa Lady Gaga vor Kurzem im Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit dagegen verwahrt hat, dass sie eine Politikerin ist. Sie sei eine politische Aktivistin. Das ist ein wichtiger Unterschied. Es steht nämlich weder in der Macht von Aktivisten noch von Popstars, Dinge unmittelbar zu verändern. Aktivismus bleibt Aktivismus und Kunst bleibt Kunst.

Allerdings hat der Pop eine andere Art von Macht, die eher eine Art Soft Power ist. Sie erscheint etwas läppisch, ist es aber im aktuellen mittleren Informationskapitalismus ganz und gar nicht: Sie besteht in etwas, das man vielleicht die "Plausibilisierung von Dissidenz" nennen könnte.

Manchmal vermögen die falschen Leute Songs besser zu deuten als die richtigen

Pop kann vom Mainstream abweichende, er kann von ihm sogar abgelehnte Lebensformen oder Ansichten ins Spiel bringen und über Hits dort dauerhaft etablieren. Lady Gagas Einsatz für die Anerkennung schwuler, lesbischer oder sonst wie sexuell nonkonformer Vorlieben über vergleichsweise stumpfen, aber effektiven Highscore-Disco-Pop oder Beyoncés oder Kendrick Lamars Kampf für die Rechte schwarzer Amerikaner sind nur die jüngsten prominenten und viel beachteten Beispiele.

Genau hier liegt aber auch ein Problem: in der ideologischen Ambivalenz, die Kunst - und besonders oft die gute - nun einmal mit sich bringt. Der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen hat die Power of Pop in seinem Buch "Über Pop-Musik" auf einen schönen Satz gebracht. Die Macht der Pop-Musik bestehe darin, schreibt Diederichsen, "eine freudige und daher ermutigende, freundliche Verneinung des Bestehenden zugunsten der Umstehenden" zu sein.

Zugunsten der Umstehenden heißt aber natürlich: zugunsten von Leuten, die sich über die wesentlichen ideologische Koordinaten schon einig sind.

Texte, wie die zu "You Can't Always Get What You Want", "It's the End of the World as We Know It" oder "Seven Nation Army" lassen sich jedoch ohne Probleme auch ganz anders interpretieren, als sie einmal gemeint waren. Und diese Deutungen sind nicht notwendig weniger richtig als die ursprünglich beabsichtigten. Manchmal vermögen die falschen Leute die Songs sogar besser, cleverer zu deuten als die richtigen.

"Seven Nation Army" etwa ist schlicht ein klassischer, heftig drückender Ermächtigungssong für den Underdog, der sich gegen alle Widerstände durchsetzen will, weil er sich nicht nur im Recht fühlt, sondern Gott auf seiner Seite sieht: "I'm gonna fight 'em all / A seven nation army couldn't hold me back".

Es bleibt die einzige Chance, einfach nicht mitzurocken

Eine Sieben-Staaten-Armee kann ihn nicht aufhalten. Und das lyrische Ich im Song ist ein hart arbeitender Feldarbeiter aus Kansas, also aus dem republikanischen amerikanischen Herzland, weitab vom bösen Polit-Establishment in Washington: "I'm going to Wichita / Far from this opera forevermore / I'm gonna work the straw / Make the sweat drip out of every pore".

Weg von der Oper, schweißtreibende Arbeit auf dem Feld - hat nach den Fußballfans, die das Riff des Songs schon seit Jahren in den Stadien der Welt grölen, auch Trump den Song besser verstanden als sein Schöpfer und seine ersten Fans? Womöglich. Damn.

Die schlechte Nachricht zur Frage, ob man Pop missverstehen kann, muss also vorerst leider lauten: Ja, das kann man. Wenn man der Ansicht ist, die Botschaft sei eindeutig. Wenn die Verhältnisse zum Tanzen gebracht werden sollen, aber der falsche Beat läuft, bleibt die einzige Chance, einfach nicht mitzurocken.

© SZ vom 25.04.2017/pak
Zur SZ-Startseite