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Popkultur:Mit Donald Trump sind Ironie und Coolness endgültig Geschichte

Inauguration Day: SWEARING IN

Zeitenwende: Die Epoche des "Cool" ist vorbei.

(Foto: AFP)

Der neue US-Präsident ist aber nur das Symptom einer Zeitenwende: Die Epoche des Cool ist vorbei. Was nun folgt ist die Rückkehr in Zeiten überhitzter Konfrontation.

Kann Amerika cool bleiben? Die Frage drängt sich schon länger auf, aber am Wochenende des Amtsantrittes Donald Trumps besonders. Zumindest wenn man mit dem amerikanischen Ideal des Cool groß geworden ist, mit Platten von Frank Sinatra und Miles Davis zum Beispiel, mit Jackson-Pollock- und Andy-Warhol-Bildern, Filmen mit Steve McQueen und Johnny Depp, mit dem Traum, irgendwann einmal in einem Bungalow voller Möbel der kalifornischen Moderne zu wohnen und bei politischen Debatten so schlagfertig zu sein wie der Fernsehkomiker Jon Stewart.

Die Antwort ist enttäuschend: Cool ist nicht mehr cool. Und zwar nicht nur in Amerika. Das ist eine kulturhistorische Entwicklung, die an diesem Wochenende offiziell an ihren Endpunkt kommt.

Trump ist das Symptom einer Tendenz, die vor zwanzig Jahren ihren Anfang nahm

Dabei ist das Gegenteil von cool in der amerikanischen Kulturgeschichte nicht uncool, sondern postcool. Akademische Begriffe mit der Vorsilbe "post" sind zwar nur unter Vorbehalt gültig, weil sie oft als Ausrede dafür dienen, dass neue Erscheinungen zu komplex sind, um ihnen einen Namen zu geben. Aber einige der besten amerikanischen Kulturkritiker wie Thomas Frank, Ted Gioia und John Leland machen sich schon länger Gedanken darüber, was aus "cool" geworden ist und kamen auf diesen Begriff.

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Die offizielle Zäsur ist nun der Amtseid von Donald Trump. Amerikas neuem Präsidenten würde man gerne die Schuld daran geben, dass genau jene Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem vergangenen Freitag zu Ende geht, für die viele Deutsche Amerika so geliebt haben. Trump ist aber nur das Symptom einer Tendenz, die vor rund zwanzig Jahren ihren Anfang nahm.

Aber was ist mit cool im Sinne der amerikanischen Kulturgeschichte eigentlich gemeint? Beginnen wir ganz am Anfang, irgendwann in den späten Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts, popkulturell so etwas wie der Kreidezeit.

Die Musik wurde komplizierter, die Musiker unnahbarer. Bald beneidete sie der Rest der Welt

Jazz war noch eindeutig "hot", je nach Taktung war er Tanzmusik oder herzerweichendes Liebeslied. In den kleinen Clubs der Stadt New York aber regte sich der Widerstand gegen eine Musik, die längst vom weißen Bürgertum vereinnahmt war.

Anstatt die gute Laune des Swing zu produzieren, zogen sich Musiker wie Charlie Parker, Thelonious Monk und vor allem Miles Davis in die Abstraktion zurück. Cool war erst einmal kein Stil, sondern eine Haltung. Wer sich verweigerte, so die Logik dahinter, war auch nicht greifbar.

Die Musik wurde komplizierter, die Musiker wurden unnahbarer. Hinter ihrer Ironie verbarg sich fortan ein scheinbar unerschütterliches Selbstbewusstsein, eine innere Ruhe und Lässigkeit, um die der Rest der Welt sie schon bald beneidete. Lernen konnte man das nicht. Cool war so etwas wie eine popkulturelle Erleuchtung.

Man kann den Geburtsmoment des Cool heute immer noch ganz gut nachvollziehen. 1949 war es, als sich der Trompeter Miles Davis und der Big-Band-Dirigent Gil Evans in einem New Yorker Studio trafen und eine Musik aufnahmen, die mit ihrem schwebenden, düsteren Klang so revolutionär auf die Hörer wirkte wie dreißig Jahre zuvor vielleicht Strawinsky.

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"Hip" war die Verweigerung aller Emotionen, eine Haltung, die sich hinter Ironie verbarg

"Birth of the Cool" nannte Columbia Records das Album, das die Aufnahmen der beiden dann ein paar Jahre später vereinte. Bis heute hielt sich diese kühle Lässigkeit, die gleichzeitig begeistert und verdeutlicht, dass die Hörer es hier mit etwas Unerreichbarem zu tun haben.

Noch ein Begriff kam damals auf, und er hat sich bis heute gehalten: hip. Der Begriff geht auf das Wort Hipi aus dem Wolof zurück, einer Handelssprache aus den alten westafrikanischen Königreichen.

In Afrika meinte man damit das Maskenspiel. In den amerikanischen Großstädten waren die Masken der Hipster Musik, Kunst und Literatur, die sich nur Eingeweihten erschlossen. "Hip" war aber auch die Verweigerung aller Emotionen und vor allem eine Haltung, die sich hinter Ironie verbarg.

Frank Sinatra und Sammy Davis Jr. waren die Ersten, die die Coolness der Hipster in die Mitte der Gesellschaft trugen. Früh schon hatten sie die Popmusik vom schlagerhaften Schmachten befreit und die Lässigkeit des Cool zum neuen Ideal erhoben.