Film "Promising Young Woman":Rache ist rosa

Kinostart - 'Promising young woman'

Carey Mulligan als Cassandra und Bo Burnham als Ryan singen zu, klar, Paris Hilton.

(Foto: Merie Weismiller Wallace/dpa/Focus Features)

Der Film "Promising Young Woman" ist ein "Me Too"-Thriller, der die Medienöffentlichkeit der Nullerjahre in ein neues Licht rückt.

Von Elisa Britzelmeier

Aus Cassie hätte etwas werden können. Sie studierte Medizin, und sie war gut. Aber dann passierte die Sache mit ihrer besten Freundin. Nina wurde auf einer College-Party vergewaltigt. Seitdem kennt Cassie, gespielt von Carey Mulligan, nur ein Ziel: Rache.

Sie hängt in Clubs herum, scheinbar sturzbetrunken und wehrlos. Gleich in der ersten Szene des Films "Promising Young Woman" ist sie so zu sehen, auf rotem Leder, mit gesenktem Kopf, die Arme ausgebreitet wie Jesus am Kreuz. Jede Woche lässt Cassie sich abschleppen von Typen, die ihren Zustand ausnutzen wollen. Bis sie sich plötzlich als nüchtern und hellwach offenbart - und den vermeintlich netten Männern bewusst macht, dass sie da gerade einen Übergriff begehen. Sie führt eine Strichliste. Jedes Mal geht einer in die Falle.

Der Titel "Promising Young Woman" steht dabei für die vielversprechende junge Frau, die sowohl Cassie als auch ihre beste Freundin Nina einmal waren, und in ihm schwingen die vielen realen Fälle mit, in denen von vielversprechenden jungen Männern die Rede war, Brett Kavanaugh etwa oder Brock Turner. Das war der Student, der 2015 auf dem Campus von Stanford über seine bewusstlose Kommilitonin Chanel Miller herfiel. Viel wurde damals geredet über seine Zukunft als Schwimmer; der Richter befand, dass eine Gefängnisstrafe "schwere Auswirkungen" haben würde, und verurteilte Turner zu lediglich sechs Monaten Haft. Von den Auswirkungen auf die Frau war keine Rede.

"Me Too"-Rachethriller ist der Film genannt worden, aber er ist mehr als das

Vor dieser Ausgangslage ist der Film zu verstehen und natürlich vor dem Hintergrund all dessen, was sich in den vergangenen Jahren in Sachen Gleichberechtigung und sexualisierter Gewalt getan hat. "Me Too"-Rachethriller ist der Film genannt worden, aber er ist mehr als das. Hier werden die Popkultur und Medienöffentlichkeit der Nullerjahre neu verhandelt, mit der Erkenntnis, dass nicht alles so unschuldig war, wie man glauben wollte. Und zugleich macht das Ganze vor allem - Überraschung bei diesem schweren Thema - großen Spaß.

Es ist das Regiedebüt von Emerald Fennell, die man als Camilla Parker Bowles aus der Serie The Crown kennen kann und die Showrunnerin bei Killing Eve war. Für ihren ersten Spielfilm hat sie auch das Drehbuch geschrieben und dafür gleich mal den Oscar gewonnen. Coronabedingt wurde der Start immer wieder verschoben, jetzt ist der Film in deutschen Kinos zu sehen.

Carey Mulligan spielt Cassie darin, doch eigentlich spielt sie ganz viele Frauen auf einmal. Tagsüber verkauft sie Kaffee und trägt Blümchenkleider, abends schminkt sie sich Blow-Job-Lippen nach Youtube-Tutorials. Fennell knüpft an das Genre Rape-Revenge-Film an, die Vergewaltigung einer Frau ist der Ausgangspunkt der Handlung. Nur ist es dieses Mal nicht der Vater oder Freund des Opfers, der sie rächt, sondern die beste Freundin. Die Rache bleibt in weiblicher Hand, und das ist auch ästhetisch zu verstehen. Cassie ist nicht im Kampfanzug und mit Säbel unterwegs wie etwa Uma Thurman in Kill Bill, sondern in Rosa. Nur einmal, da ist sie so weit, dass sie ein Auto zertrümmert, fast beiläufig, im Hintergrund steigert sich Wagners Tristan und Isolde aus dem Off zum Finale.

Paris Hilton, das war in den Nullerjahren der personifizierte Gloss, die Hotelerbin, die zum Realitystar wurde

Noch prägender sind die Popmusikreferenzen. Fennell setzt dabei auf zwei Figuren, die durch die Medienöffentlichkeit der frühen Zweitausender groß wurden. In einer Szene, die an eine nostalgische Romcom erinnert, rührend schön und kitschig, ist Cassie mit Ryan in einer Apotheke zu sehen. An ihm, toll gespielt vom Comedian Bo Burnham, ist sie ernsthaft interessiert. Ein Song läuft, Ryan summt mit, und Cassie fragt: Wie bitte, du singst Paris Hilton? Bis sie beide singen und tanzen und die Szene in eine Montage ihrer Kennenlernszenen übergeht. Paris Hilton, das war in den Nullerjahren natürlich der personifizierte Gloss, die Hotelerbin, die zum Realitystar wurde und dann auch noch meinte, singen zu müssen. Und deren Aufmerksamkeitserfolg auch immer darauf zurückgeführt wurde, dass sie Protagonistin eines eigentlich privaten Sexvideos war, das sich rasend verbreitete. Später hat sie darüber gesprochen, dass ihr Ex den Film ohne ihre Zustimmung veröffentlicht hatte. Dass es sich für sie anfühlte wie eine Vergewaltigung. Heute würde man das Racheporno nennen, damals lachte man auf dem Schulhof darüber.

Die zweite Medienfigur, auf die Fennells musikalische Referenzen setzen, ist Britney Spears. Als Cassie zum Höhepunkt ihres Racheakts aufbricht, verkleidet als Stripperin mit kaugummibunten Haaren, ist eine Streicherversion von Spears' Hit "Toxic" zu hören, bedrohlich zerschneiden Geigen die Luft. Wieder Musik also, die zwar erfolgreich war, aber als "was für Mädchen" galt.

Während Paris Hilton heute eine Kochshow und einen Podcast hat und weiter nicht unbedingt ernst genommen wird, hat sich der öffentliche Blick auf Britney Spears zuletzt grundlegend gewandelt. Nach einem psychischen Zusammenbruch wurde sie 2008 unter die Vormundschaft ihres Vaters gestellt; ein Zustand, aus dem sie sich gerade erfolgreich zu befreien scheint. Zum neuen Blick einer breiteren Öffentlichkeit hat auch der Dokumentarfilm "Framing Britney Spears" beigetragen, der die Frage stellt, ob hier jemand nicht vorschnell als wegsperrbar dargestellt wurde. Und der die Mechanismen der Misogynie und Sensationsgeilheit des Showsystems offenlegt.

Die Uni-Dekanin: "Solche Anschuldigungen hören wir die ganze Zeit"

Aus dieser Perspektive blickt auch "Promising Young Woman" auf Hilton und Spears - als Frauen, denen unrecht getan wurde. Durch den Film hinweg sind Figuren zu sehen, die Vergewaltigungen verharmlosen und dem Opfer die Schuld geben (die Uni-Dekanin: "Solche Anschuldigungen hören wir die ganze Zeit"; die Freundin: "Wenn man sich so betrinkt, passieren eben Sachen"). Ein unangenehmes Gefühl stellt sich ein, ein bisschen so, wie wenn man heute die flachen Kassenschlager-Komödien von damals wieder anschaut, mit allen sexistischen, rassistischen und homophoben Witzen. Worüber man früher so gelacht hat.

Der Film erzählt nicht nur von Rache, sondern auch von Vergebung. Immer wieder sorgt die Kameraeinstellung für religiöse Anspielungen, Cassie als Märtyrerin, als Racheengel. Einmal scheint sie ein Heiligenschein zu umgeben, dann wird der Kopfteil eines Bettes zu Flügeln. In sehr symmetrischen Bildern sitzt sie mittig auf Sofas, aber in Wirklichkeit ist hier nichts im Gleichgewicht. Man könnte dieser Figur vorwerfen, dass sie eindimensional ist, nur eine Allegorie, Cassandra, die Seherin, die kein Gehör findet. Dass sie aus kaum mehr besteht als ihrer Rache. Sie lebt bei ihren Eltern, verdient wenig Geld, macht nichts aus ihrem Leben. Doch womöglich ist ein Trauma wie das ihre genau so: alles verzehrend. Die größte Schwäche des Films liegt womöglich, ohne hier zu viel verraten zu wollen, in seinem Ende. Zumindest bleibt nach vielen spannenden Rachekapiteln die Frage: Und jetzt?

Es geht dem Film, das zeigen nicht zuletzt die Referenzen auf Britney Spears und Paris Hilton, um die Strukturen. Nicht um die Monster wie Harvey Weinstein, sondern um alle, die ein sexistisches System aufrechterhalten. Der Fokus auf die ganz normalen Typen zeigt sich schon im Casting, die Männer in den Nachtclubs werden gespielt von Schauspielern, die oft als nette, lustige Jungen besetzt werden. Umso erstaunlicher, dass es um das Casting des Films vorab Diskussionen gab. Ein Filmkritiker hatte Carey Mulligan indirekt vorgeworfen, nicht sexy genug für die Hauptrolle zu sein.

Mulligan wehrte sich. Auch das hätte es so vor zwanzig Jahren wohl kaum gegeben.

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