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Nachruf auf Peter Jonas:Ein vollendeter Gentleman

Peter Jonas

Liebenswürdig, humorvoll, cool: Sir Peter Jonas, 1946 - 2020.

(Foto: Regina Schmeken)

Peter Jonas leitete 13 Jahre lang die Bayerische Staatsoper. Und führte das zuvor in Tradition versandete Haus in die Moderne.

Von Wolfgang Schreiber

Er war kein deutscher Kulturbeamter und schon gar kein gewiefter Opernmanager. Als Peter Jonas im März 1993, er war gerade zum neuen Intendanten der Bayerischen Staatsoper ernannt worden, zu einer ersten Begegnung nach München kam, waren die hiesigen Kulturjournalisten verwundert.

Ein neuer Intendant der ehrwürdigen Staatsoper, Deutschlands größten Opernhauses, würde doch, so dachte man damals über den in Bayern bis dato so gut wie unbekannten Mann, vom Typus her wie seine Vorgänger Bildungsbürgertum, Tradition und Bedeutung verkörpern. Doch zum Interview erschien ein hagerer, jung und sportlich wirkender Mann in Jeans. Der 1946 in London Geborene erweist sich im Gespräch als ein passionierter, unprätentiöser, jedem kulturellen Pathos abgeneigter Liebhaber der Künste.

Peter Jonas wird dann dem betagten Dinosaurier Oper im kulturell gesättigten München sehr schnell Beine machen. Und tatsächlich: Ein riesiger Tyrannosaurus Rex füllt im Jahr darauf die Bühne des Nationaltheaters und wurde dann, als Sinnbild einer Urzeit, einer fantastischen Bedrohung, zum Symbol der Münchner Jonas-Ära. Der zu Boden kippende Dinosaurier in Georg Friedrich Händels Oper "Giulio Cesare in Egitto", in München stürmisch diskutiert, machte den Unterschied zum hierorts gewohnten, ästhetisch solide bis glanzvoll erprobten Musiktheater.

Jonas' Vorgänger Wolfgang Sawallisch, zeitweilig Generalmusikdirektor und Staatsopernintendant in Personalunion, hatte in den 1980er-Jahren zwei Mammutprojekte gestemmt mit der Gesamtaufführung aller 13 Wagner-Opern sowie später der 15 Strauss-Opern. Kein Opernhaus auf der Welt wollte und konnte jemals Vergleichbares bewältigen. Das ist unvergessen. Dennoch löste die Berufung von Peter Jonas in München ein Aufatmen aus.

Denn Sawallisch hatte sich zwar von dem einst allmächtigen und genial umtriebigen Opernintendanten und Regisseur August Everding lossagen können. Er hatte es aber unterlassen, den Anschluss an die neuen Tendenzen des Musiktheaters zu suchen. Zwar hatte Herbert Wernicke 1980 Händels "Judas Maccabaeus" und im Jahr darauf Wagners "Holländer" entstaubt, und Nikolaus Lehnhoffs Inszenierung von Wagners "Ring" in Erich Wonders Science-Fiction-Bildern erregte 1987 ebenfalls Aufsehen. Doch dann legte sich der szenische und musikalische Traditionalismus zunehmend lähmend auf das Haus und seine defekte Bühnentechnik.

"Die Deutschen sind herzlicher, die Briten sind herzlos."

Der Neue machte sich an die Erneuerung von Spielplan, Aufführungsästhetik und einer Publikumsanbindung, die sich dem Begriff Zugänglichkeit verschrieb. Jonas war zehn Jahre lang Georg Soltis Intendant in Chicago gewesen, danach Direktor der English National Opera in London. Gleich zu Beginn seiner Münchner Zeit engagierte er Richard Jones und ließ ihn Händels Oper "Giulio Cesare" inszenieren. Das Stück war in München zuvor nur gelegentlich und als larmoyant spätromantisches Barockmonstrum gespielt worden. Jones dagegen, mit Ausstatter Nigel Lowery und dem Dirigenten Ivor Bolton, der aus dem Staatsorchester historische Klangprägnanz hervorzauberte, gelang das Wunder eines ironisch gebrochenen und rasanten Revuemusiktheaters.

Mit Händel hat Peter Jonas dann in München sein Glück gemacht. Jonas konnte mit einem fantastischen Sängerensemble die Münchner Opernfans für die so jäh brisant gewordene und bei ihm immer amüsante Barockoper faszinieren, in der Folge auch für Werke von Henry Purcell, Claudio Monteverdi und Francesco Cavalli.

Oper müsse, so Jonas, "unser Gespür für uns selbst und für die Gewohnheiten und politischen Tendenzen unserer Gesellschaft herausfordern". So konnte Jonas das von den in München gar nicht so seltenen Gegnern des Neuen hoch gehaltene Prinzip Werktreue als eine Art Betrug entlarven, einen "Betrug am Verfremdungseffekt, den Brecht als das angeborene Prinzip der Oper erachtete". Das Regietheater stand längst in voller Blüte und damit die Befragung der Opern Mozarts, Verdis oder Wagners auf ihre in der Tiefe lauernden Menschheitsprobleme, gekoppelt mit der Bebilderung ihrer Hinter- und Abgründe.

Jonas entschied sich schon bald für den aus Ostdeutschland stammenden, der Brecht-Tradition zugehörigen Regisseur Peter Konwitschny, als er einen neuen "Parsifal" plante. Die Aufführung musste die "Wagner-Fundamentalisten" (Jonas) provozieren, doch die desillusionierte Sicht Konwitschnys auf eine erstarrte Gralsritterschaft wirkte überzeugend. Nur mit dem vierteiligen "Ring" hatte Jonas Pech, da Regisseur Herbert Wernicke bereits nach dem "Rheingold" starb und der in München damals viel beschäftigte David Alden in der Kürze der Zeit keine einleuchtende Interpretation liefern konnte.

Den lebenslangen Kampf gegen seine Krebserkrankung, den er heroisch ausfocht, hat er jetzt verloren

Zu seinem Generalmusikdirektor, das war ein Coup, machte Peter Jonas 1998 den Dirigenten Zubin Mehta, den gebürtigen Inder, der in Wien studiert hatte und Chefdirigent beim Los Angeles Philharmonic und bei den New Yorker Philharmonikern gewesen war. Mehta bot überlegen Verdi- und Wagner-Interpretationen, er dirigierte Hector Berlioz' riesige "Trojaner" sowie Aribert Reimanns neue Oper "Bernarda Albas Haus", zuletzt dann noch Arnold Schönbergs "Moses und Aron".

Peter Jonas war ein vollendeter und mit britischem Humor gesegneter Gentleman, der seine Pressekonferenzen in leichte, oft sarkastisch schwebende Gesprächsrunden abseits der Bedeutungshuberei zu verwandeln wusste. Und nach dreizehn Jahren, 2006, seinen Abschied von der Bayerischen Staatsoper nahm. Jonas blieb im Gedächtnis haften mit seiner Kommunikationslust, seiner zu beißender Kritik fähigen Liebenswürdigkeit, seiner Coolness.

Mit seiner Bewunderung für die deutsche Kultur hielt sich Jonas nie zurück. "Die Engländer hassen schon das Wort Kultur", meinte er im SZ-Interview 2005, "die Briten glauben an das Erbe, an Land, Häuser, Hunde, auch an die Kunst. Aber nicht an Kultur. Die Deutschen haben Kultur. Deutschland war immer das kultivierteste Land. Deutsche Kultur wirkt wie ein Magnet." Und er glaubte zu wissen: "Die Deutschen sind herzlicher, die Briten sind herzlos."

Als Jonas die Bayerische Staatsoper verließ, wählte er die Schweiz als "Basislager", wie er das nannte. Blieb aktiv als Lehrer und Berater nicht nur in der Musikwelt. Wurde zum leidenschaftlichen Europäer, der irgendwann seinen Traum verwirklichte: eine Fußwanderung von Nord nach Süd, bis nach Palermo. Den langen Kampf gegen seine Krebserkrankung, den er heroisch focht, hat er nun verloren. Peter Jonas, 1999 von Elizabeth II. zum Sir geadelt, ist am Mittwoch im Alter von 73 Jahren gestorben.

© SZ vom 24.04.2020/khil
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