Musikpreis:Grammys: Die zehn wichtigsten Momente

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Kendrick Lamar während seines Auftritts bei den 58. Grammy Awards.

(Foto: AFP)

Lady Gaga spielt Bowie, ein paar hüftsteife Untote rocken Hollywood und Kendrick Lamar sprengt Ketten auf der Bühne.

Von Julian Dörr

Der Aufreger des Abends

Eines vorweg: Kanye West hat an diesem Abend keine Bühne gestürmt, niemanden beleidigt und auch niemandem die Auszeichnung aberkannt. Soweit sich das aus dem Bildmaterial schließen lässt, war er nicht einmal da. Sonst hätte er wohl reagiert auf Taylor Swifts mittelscharfen Schuss in seine Richtung. Aber dazu später mehr. Der echte Aufreger des Grammy-Abends versteckt sich nämlich in hochoffiziellem Gewand: Der Rapper Common und Neil Portnow, der Präsident der National Academy of Recording Arts and Sciences, wettern nach einer Performance von Jazz-Wunderkind Joey Alexander gegen Streaming - trotz steigender Nutzerzahlen und Gewinne. Das Überleben der Kunst stehe auf dem Spiel, wenn die Musik nicht mehr wert sei als der Bruchteil eines Pennys. Streaming ist also die neue Musikpiraterie.

Der rührendste Moment

Lady Gagas Gesicht in der Nahaufnahme. Die Haare aufgetürmt und feuerrot - ganz wie Ziggy Stardust. Als zu "Space Oddity" ihr Make-Up zum berühmten Zacken-Blitz verläuft, ist klar: Lady Gagas Tribut an den verstorbenen David Bowie trifft genau den richtigen Ton - zwischen Heldenverehrung und Performance-Kunst. Mit welcher irren Leidenschaft sich die spannendste Kunstfigur unserer Zeit da in den größten Gestaltwandler, den der Pop je hatte, hineinfühlt und groovt und tanzt, das ist ein echtes Spektakel. Und eines der Highlights des Abends.

Der peinlichste Auftritt

Eine Lektion des Grammy-Abends: Auch billiges Höllenfeuer kann nicht von einem hüftsteifen Alice Cooper ablenken. Zusammen mit Joe Perry von Aerosmith und Johnny Depp bildet er seit ein paar Jahren die Band Hollywood Vampires. Ob ironisch oder nicht: ein passender Name für einen uninspirierten Haufen untoter Schweinerocker. Einer Veranstaltung, die sowieso schon im Bann der Toten steht (David Bowie, Glenn Frey, B. B. King, Maurice White, Lemmy Kilmister), fügen sie das Quäntchen Morbidität hinzu, das es nicht mehr gebraucht hätte. Depp schrammelt uninspiriert - der Mann hat in den Neunzigern immerhin mit Oasis gespielt - und am Ende pflügen die Vampires noch schnell durch den Motörhead-Song "Ace of Spades". Das hat Lemmy nicht verdient.

Der überfällige Triumph

Endlich hat Ed Sheeran seinen Grammy. Man muss gar kein Fan seiner - ohne Frage gut gemachten - Popmusik sein, um ihm die Auszeichnungen für den Song des Jahres und die beste Pop-Solo-Performance zu gönnen. Bringt der wuschelbärtige Brite doch so viel angenehmes Understatement in die hyper-künstliche Welt der Grammys. Seine Eltern seien schon vier Mal für die Verleihung eingeflogen, sagt Sheeran auf der Bühne. Vier Mal ging er leer aus. "I told you, you'd get a Grammy", raunt ihm sein Laudator Stevie Wonder zu. Und Taylor Swift flippt aus als hätte sie selbst gerade gewonnen. Auch ein Verdienst Sheerans: Durch seine Freundschaft wissen wir, dass Taylor Swift ein Mensch ist. Und sich nicht nur mit langbeinigen Amazonen umgibt.

Die absurdeste Situation

Ein Hip-Hop-Kostüm-Musical über Alexander Hamilton, einen der Gründerväter der USA. Klingt absurd? Ist es auch. Nach einer kurzen Live-Performance am New Yorker Broadway gewinnt "Hamilton - das Musical" den Grammy für das beste Musiktheater-Album. Die rappenden Männer und Frauen im epochenechten Gewand werden gefeiert und bejubelt. Hat sich da jemand an der Geschichte vergangen? Oder am Hip-Hop? Wahrscheinlich ist Hamilton aber auch einfach nur zu amerikanisch. Zumindest für europäische Augen und Ohren.

Ein Mann sprengt seine Ketten

Die Überfigur

Der große Mann dieses Abends kommt in Ketten: Mit schweren Schritten und blauem Auge schleppt sich Kendrick Lamar zum Bühnenrand, legt die gefesselten Hände umständlich um den Mikrofonständer. In der Gefängniszelle neben ihm stöhnt das Saxophon und Kendrick stürzt sich in dystopische Tribal-Versionen von "The Blacker the Berry" und "Alright". Am Ende steht "Compton" in schwarzen Lettern im großen, weißen Umriss von Afrika. Ein hektischer, ein wütender, ein manischer, ein überwältigender Auftritt. Diese Songs sind zu komplex für Pop - und treffen doch genau in dessen Herz: Das ist die definitive Musik unserer Zeit. Nach dem viel diskutierten Auftritt von Beyoncé beim Superbowl erleben die USA zum zweiten Mal in einer Woche schwarzen Protest und schwarze Selbstermächtigung zur besten Sendezeit.

Der unverdiente Gewinner

Nun ist die Kategorie "Record of the Year" trotz ihrer prominenten Platzierung ganz am Ende der Grammy-Verleihung nur der kleine, um Aufmerksamkeit heischende Bruder des besten Songs des Jahres. Der Preis geht ja nicht an den besten Songschreiber, sondern an das beste Produktionsteam. Dass Überraschungsgast Beyoncé den Grammy nach einer kurzen, aber beeindruckenden Laudatio an Mark Ronson und Bruno Mars und deren Song "Uptown Funk" übergibt, ist dennoch eine kleine Überraschung. "Art is the unapologetic celebration of culture through self expression", philosophiert Queen Bee. Das trifft auf Kendrick Lamar zu. Und auf ihren eigenen Auftritt beim Super Bowl. Aber auf Bruno Mars und Mark Ronson? Und diesen ganz schmissigen, aber retromanisch drögen Funk-Aufwärmer von einem Song? Da sagt selbst "Blank Space" von Taylor Swift mehr über unsere Zeit aus.

Das beste Album

Achja, Taylor Swift. Die räumt an diesem Abend ganz entspannt drei Grammys ab - einen davon für das beste Album des Jahres - und stichelt in ihrer Dankesrede subtil gegen Kanye: "Es wird immer Menschen geben, die deinen Erfolg untergraben oder deine Errungenschaften für sich beanspruchen wollen." Die Aufregung im Netz war sofort groß. Dabei ist die mögliche Reaktion auf Kanyes "I made that bitch famous"-Zeile von der gerade erschienenen Platte "The Life of Pablo" nicht einmal ein kleines Skandälchen, sondern nur das wohlinszenierte Klappern des großen Pop-Getriebes. Was man dabei nicht vergessen darf: "1989" ist wirklich ein verdammt gutes Album.

Die beste Newcomerin

Zu den Grammys gehört auch immer die Gleichzeitigkeit von eigentlich unvereinbaren Welten. Traditionalisten und Avantgarde, Country und Rap, die alten Klapprigen und die jungen Wilden. Oder auch Taylor Swift und Newcomerin Meghan Trainor. Die eine ermutigt in ihrer Dankesrede alle jungen Frauen, selbstbewusst ihren Weg zu gehen. Die andere zittert ihm Heulkrampf gerade mal ein Danke an Mum und Dad heraus. Das könnte man als zwar arg klischeehafte, aber ganz süße Episode verbuchen, wäre da nicht die arg traditionelle Fantasie in ihrem Song "Dear Future Husband". Meghan Trainor - selbstbewusster Nachwuchs und doch Traum-Hausfrau.

Der Vergessene

Haben wir nicht jemanden vergessen? Nein, nicht Adele. Deren Rekordbrecher-Platte "25" ist aufgrund ihres späten Erscheinungsdatums erst bei der nächsten Grammy-Runde mit dabei. Trotzdem sang sie sich an diesem Abend souverän durch alle technischen Probleme. Nein, die Rede ist von Drake. Der tauchte in gerade mal zwei Kategorien auf - und musste sich in beiden von Kendrick Lamar demütigen lassen, der die Preise für das beste Rap-Album und die beste Rap-Performance gewann. Und "Hotline Bling" war gar nicht erst nominiert. Warten wir also auf die ersten traurigen Drake-Meme.

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