Best-of-Plattenkabinett Taylor Swift: 1989

"Prätentiöser Großkotz?" Kann ich mit leben, wenn das vom "Hauptsache: Huch"-Magazin Vice kommt, dem Zentralorgan der prätentiösen Hipster-Großkotzigkeit. Die Vice urteilt jedenfalls so über die, die "1989" von Taylor Swift für das Album des Jahres halten.

"1989" ist trotzdem das Album des Jahres. Ganz klar.

Großkotz also: Wenn ich mir - bei allem Respekt - die Wahl meiner über die Maßen geschätzen Kollegen so ansehe: The Notwist, Ryan Adams, Swans, St. Vincent ... Gute Alben, klar, kann man alles hören. Genau wie, Ja, Panik mit "LIBERTATIA", Jens Friebe ("Nackte Angst, zieht Dich an, wir gehen aus"), Flying Lotus ("You're Dead!"), Neneh Cherry ("Blank Projekt"). Stehen alle auf meiner 2014-Liste weit vorne. Aber Alben des Jahres? Ne... Das sind keine Alben, die dieses Jahr geprägt haben, die man mit diesem Jahr verbindet. Nicht so jedenfalls wie "1989".

Da kann die Vice sagen, was sie will: Taylor Swifts "1989" ist eines der Alben des Jahres 2014.

(Foto: dpa)

2014 hat die ehemalige Country-SängerinTaylor Swift endgültig zum Pop-Superstar gemacht. Die Fakten: "1989" ist das einzige Album, das in diesem Jahr mehr als eine Million Mal verkauft wurde, allein in der ersten Woche waren es 1,3 Millionen Stück. Das Time Magazin wählte Swift zu "Amerikas wichtigster Musikerin".

Erfolg ist noch kein Ausweis von Qualität, wird da allerorts gemeckert? Quatsch.

Natürlich liegt die Qualität eines Popkünstlers nicht im Misstrauen, das ihm von der Masse entgegengebracht wird - so wie in anderen Kunstgenres -, sondern auch und vor allem im Erfolg. Der ist im Pop, dieser Feier des Augenblicks, natürlich eine ästhetische Kategorie.

"1989" ist großartig gemacht, handwerklich grandios gearbeitet. Mit einem Überhit: "Shake It Off". Perfekt. Swift hat keine überragende Stimme, aber das weiß sie und macht daraus das beste: glatt und laut und leicht. Das ist Gute-Laune-Pop inklusive Fingerschnippen und dem unbedingten Bedürfnis, mitmachen zu wollen. 2014 hat das niemand besser gemacht.

Bewusst naiv und voller Selbstironie

Swift spielt das Spiel des Pop, in dem es darum geht, Erwartungen auch mal ostentativ zu erfüllen, so gut wie niemand sonst gerade. Das, was schon da ist, arbeitet sie musikalisch durch. Nicht am HipHop und R&B orientiert sie sich mit ihren Songs, so wie das die anderen weiblichen Stars im Moment vorführen, sondern an den späten Achtzigern, den großen Popgesten - und optimiert dieses Modell.

Swift singt über das Gefühl, heute jung zu sein. Und intelligent. Und verspricht dabei nicht zu viel. Erzeugt keine übertriebenen Erwartungen an sich, das Frau-Sein, das Leben. Wie ihre Freundin Lena Dunham, Schöpferin der TV-Serie Girls, unterwirft sie sich nicht dem Diktat der Hipness, der ständigen Selbstoptimierung. Das ist natürlich ein bisschen naiv, aber es ist bewusst naiv und voller Selbstironie. "Haters gonna hate hate. Hate hate hate. Baby I'm just gonna shake, shake. Shake, shake, shake. Shake it off."

Die Vice schreibt übrigens auch über "1989"-Apologeten wie mich:

"Du solltest weniger Musik hören und in die japanische Politik gehen oder wahlweise der Pegida-Bewegung unter die Arme greifen, die können Typen wie dich gebrauchen." Da muss ich dann doch entschieden widersprechen. Die angstzerfressenen Pegida-Deppen, die haben nun wirklich keinen Sinn für den Spaß, den "1989" in diesem Jahr gemacht hat.

Sebastian Gierke

  • Das Christkind beschenkt mit dieser Platte ... Menschen, für die die Vice zu angestrengt hip ist.
  • Wer dieses Album in zehn Jahren auflegt, denkt: Das war also 2014.

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