bedeckt München

Münchner Stadtmuseum:Die Großstadtnomadin

Frauke von der Haar ist die neue Direktorin des Münchner Stadtmuseums.

Umzugshelferin mit großer Verantwortung: Frauke von der Haar, die neue Direktorin des Stadtmuseums.

(Foto: Kulturreferat München)
  • Frauke von der Haar übernimmt im Januar die Leitung des Münchner Stadtmuseums.
  • Das Museum wird ab 2020 für etwa sieben Jahre saniert. In der Zeit werden die Sammlungen und ihre Kuratoren auf Wanderschaft durch ganz München gehen.
  • Von der Haar und Kulturreferent Anton Biebl haben in dieser Woche das grobe Konzept für die kommende Jahre vorgestellt. Es heißt "Stadtmuseum unterwegs".

Von Susanne Hermanski

Eine Wohnung hat sie schon gefunden. Wo? "In Harlaching. Das fragt mich wirklich jeder hier", sagt Frauke von der Haar. Trotzdem wird die neue Direktorin des Münchner Stadtmuseums in gewisser Weise ohne Herberge sein in den nächsten Jahren. Denn das Museum wird, kaum dass die 59-Jährige 2020 ihre Arbeit aufnimmt, seine mehr als 700 000 Sachen packen und ausziehen aus seinen historischen Gebäuden in der Innenstadt. Weil es kein eigenes Interimsquartier für das Haus gibt, werden die Sammlungen und ihre Kuratoren mehr als sieben Jahre lang auf Wanderschaft gehen durch ganz München und womöglich auch darüber hinaus. "Stadtmuseum unterwegs" heißt das Konzept, das Frauke von der Haar und Kulturreferent Anton Biebl in dieser Woche schon einmal vorgestellt haben. Nicht en detail, aber doch in groben Zügen.

Es sieht vor, Kooperationen mit anderen Museen einzugehen. "Die können auch außerhalb Münchens oder Bayerns liegen, ich bin gut vernetzt", sagt von der Haar, die zuletzt in Bremen gearbeitet hat. Sie war dort Direktorin des Bremer Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte, genannt "Focke-Museum". Vor allem aber wolle man andere städtische Institutionen wie zum Beispiel Stadtteilbibliotheken bespielen. Auch das "Motorama" sei ein künftiger Ort, an dem das Stadtmuseum sich zeigen soll, obwohl sein Stammhaus geschlossen sein wird. Das "Motorama" liegt vis-à-vis dem Gasteig, an der Rosenheimer Straße, und wird in dessen Sanierungszeit wiederum der Münchner Stadtbibliotheks-Zentrale als Ausweichquartier dienen. So finden in dem ehemaligen Mega-Autohaus künftig die beiden Mammut-Kultur-Sanierungsprojekte der Stadt ihre Schnittmenge.

Lange Nacht der Museen in München, 2018

Auch für das Filmmuseum im Stadtmuseum wird sich einiges ändern. Allerdings wird dieser Bereich voraussichtlich als letzter ausziehen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Seit 1999 war der Sanierungsbedarf des Stadtmuseums bekannt, doch erst im Juli 2019 bewilligte der Stadtrat nun die nötigen Mittel für das Projekt. 183,47 Millionen Euro sollen die Baumaßnahmen kosten, hinzu kommen knapp 20 Millionen Euro für die Neugestaltung der Ausstellungsbereiche. Umgesetzt wird ein Vorschlag des Architekturbüros Auer Weber, das auch den Umbau des Münchner Hauptbahnhofs gestaltet. Dessen Lösung für das Stadtmuseum sieht einen neuen Haupteingang direkt gegenüber dem Rindermarkt vor. Zudem ein überdachtes Atrium mit eingestelltem "Kubus" und zusätzliche Veranstaltungs- und Vermittlungsbereiche.

Frauke von der Haar wird deshalb in ihren ersten Monaten im Amt nicht - so wie andere Direktoren, die neu an ein Haus kommen - eine möglichst spektakuläre Ausstellung ersinnen, um ihre Visitenkarte abzugeben. Sie wird den Umzugsplan weiterentwickeln, der einen sukzessiven Auszug in den Jahren 2021 und 2022 möglich macht. Der konkrete Sanierungsbeginn soll Ende 2022, Anfang 2023 sein. Dauern werden die Bauarbeiten aller Voraussicht nach viereinhalb Jahre, bis Mitte 2027. Frauke von der Haar wird dann 66 Jahre alt sein und die Ruhestandsgrenze erreicht haben. "Mir ist klar, wie groß dieses Projekt ist, und dass es für mich nicht darum gehen kann, die Früchte dieser Arbeit in der Form zu ernten, dass ich das Haus dann selbst bespiele", sagt sie. "Ich sehe meine Aufgabe aus ganz anderer Perspektive."

Damit das in die Jahre gekommene Stadtmuseum vor seiner Schließung wieder an Präsenz bei Münchnern und München-Besuchern gewinnt, hat die Stadt schon für 2020 den Ausstellungsetat erhöht: von 450 000 auf 750 000 Euro. Zudem sind 200 000 Euro Sondermittel für die Kostümbibliothek von Parish bewilligt. Diese weltweit einzigartige Sammlung von Modegrafiken feiert im nächsten Jahr 50. Bestehen. Stolz verwies Anton Biebl außerdem darauf, dass in den vergangenen fünf Jahren im Stadtmuseum sechs neue Stellen für "Kulturelle Bildung, Migration, Inklusion, Provenienzforschung und die von Parish Sammlung" geschaffen worden sind. Der Ankaufsetat zur gezielten Erweiterung der Sammlung umfasste im selben Zeitraum 900 000 Euro. Über deren Verwendung befand noch Isabella Fehle, die im November als Stadtmuseumschefin in den Ruhestand gegangen ist.

Anders als Isabella Fehle war Frauke von der Haar in den vergangenen Jahren auch kuratorisch tätig. Mit der Schau "Oh Yeah. Popmusik in Deutschland", die sie in Bremen gemeinsam mit einem Berner Museum entwickelt hat, gelang ihr ein Hit im wahrsten Sinne. Beworben als "die Ausstellung, die sie gehört haben müssen", ging sie in mehreren deutschen Städten auf Tour. Eine Station war auch das imposante Museum für Kommunikation in Berlin. Das Thema der Ausstellung war 90 Jahre Popmusik in Deutschland. Dabei tauchten die Besucher, mit Kopfhörern ausgestattet, ein in die Welt des Swing der Zwanzigerjahre, die Beat-Ära, den Punk, die Neue Deutsche Welle, Techno, Hip-Hop bis hin zu heutigen Trends. In Ton, Videobildern und einem Parcours durch allerlei Plakate, Platten-Cover und andere Devotionalien der Popkultur.

2015 hatte Frauke von der Haar einen Masterplan entwickelt, der die Neuausrichtung des Focke-Museums beschrieb. Im Zuge dessen hat sie nicht nur die für Museen in Zeiten der Digitalisierung besonders knifflige Raumbedarfsplanung für das Haus vollzogen. Sie hat auch Geschick beim Einwerben von Bundesmitteln bewiesen und die Entwicklung einer neuen Corporate Identity unter ihren Fittichen gehabt. In Bremen hatte sie 50 Mitarbeiter, in München wird sie mehr als 100 Beschäftigte führen und über ein Jahresbudget von mehr als elf Millionen Euro verfügen. Schon während ihres Studiums der Volkskunde, Kunstgeschichte und Germanistik hat die promovierte Kulturwissenschaftlerin einen Schwerpunkt auf das Museumswesen gelegt. Im Laufe ihrer Karriere hat die Mutter von vier Kindern dann für mehrere kulturhistorische und technische Museen gearbeitet.

Aus Münchner Perspektive besonders interessant ist die Zeit, die die gebürtige Münsterländerin am Deutschen Museum verbrachte. Vier Jahre lang hat sie dort als Kuratorin und Projektmanagerin gearbeitet. "Mein Schwerpunkt war das neu einzurichtende Verkehrszentrum auf dem Areal der Alten Messe. Ein damals durchaus kontrovers diskutiertes Projekt", sagt sie. Das Thema Mobilität werde nun auch im Stadtmuseum wieder eine Rolle spielen. "Wie in jeder multinationalen Metropole, die München längst ist", sagt sie. Und wegen der Wanderschaft, auf die sie und ihr Team sich nun begeben werden.

© SZ vom 13.12.2019/syn
Zur SZ-Startseite
Hans-Georg Küppers, Kulturreferent, Abschied. In seinem Büro im Kulturreferat der Landeshauptstadt München

SZ PlusHans-Georg Küppers
:"Viele Städte schauen schon ein bisschen neidisch auf München"

Kulturreferent Hans-Georg Küppers geht Ende Juni in den Ruhestand. Ein Gespräch über die Freiheit der Kunst, finanzielle Ungleichgewichte und Männer mit Strahlkraft.

Interview von Egbert Tholl und Michael Zirnstein

Lesen Sie mehr zum Thema