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#MeToo und die Folgen:Wer mitten in der Saison seinen Job verliert, muss warten

David Wachtenheim war ebenfalls an der Produktion von "The Cops" beteiligt, er hat die erste Folge inszeniert und hätte bei drei weiteren Episoden Regie führen sollen. Er habe die hässlichen Gerüchte gekannt, sagt er, die sich die Leute auf Partys über C. K. zugeflüstert haben. Und er habe befürchtet, dass sie wahr sein könnten. "Die Leute haben von einem Tag auf den anderen ihre Arbeit verloren", sagt er nun. "Es gab keine Entschuldigung und keine Entschädigung, gar nichts." Louis C. K. wisse wahrscheinlich noch nicht einmal, welch weitreichende Folgen sein Verhalten habe. "Die Auswirkungen sind viel größer, als viele Leute glauben. Es ist aber leider eine ziemlich egoistische Branche."

Giglio und Wachtenheim sind das, was sie in Hollywood on the line nennen, Auf-der-Linie-Leute: wichtig, aber nicht unersetzlich. Above the line, da werden die Prominenten und Mächtigen geführt. Die, die man kennen muss und die bei Preisverleihungen in den ersten Reihen sitzen, damit sie auch ja niemand übersieht: Hauptdarsteller, Produzenten, Studiobosse. Wer es dorthin geschafft hat, der darf bei einem Skandal - Reue und gute Führung vorausgesetzt - nach fünf bis zehn Jahren zurückkehren. Mel Gibson etwa wurde heuer, zehn Jahre nach der Aufregung um antisemitische und menschenverachtende Äußerungen, für den Oscar nominiert.

Below the line, das sind die Austauschbaren: Maskenbildner, Produktionsassistenten, Beleuchter. Es sind berufliche Nomaden, der Gunst der Above-the-line-Leute hoffnungslos ausgeliefert. Beim nächsten Projekt wird nur berücksichtigt, wer keinen Ärger macht. Das führt zu diesem ungeheuerlichen Macht-Ungleichgewicht, das Missbrauch ermöglicht und gleichzeitig als Teppich zum Drunterkehren dient. Wer in Hollywood arbeiten will, der muss oftmals groteske Verschwiegenheits-Erklärungen unterschreiben, die zwar kaum ein Gericht anerkennen würde, jedoch in feinstem Juristen-Englisch die eindeutige Botschaft senden: "Halt verdammt noch mal deine Schnauze, du unbedeutender Wicht, sonst findest du nie wieder Arbeit in dieser Stadt!"

Harvey Weinstein, das war in dieser Woche in der New York Times zu lesen, hatte jahrzehntelang ein feines und überaus festes Netz aufgebaut, damit seine Untaten auch ja nie an die Öffentlichkeit gelangen. Er bedrohte Leute mit Sätzen wie: "Ich habe unglaubliche Mittel zur Verfügung." Oder: "Ich habe meine Augen und Ohren überall. Du weißt, wozu ich fähig bin." Oder: "Ein Anruf, und du bist fertig." Es war nicht nur eine Kultur des Missbrauchs und des Schweigens. Es war auch eine Kultur der Angst.

Eine Anstellung bei einer Serie wie "The Cops" war deshalb wie ein Lottogewinn für die Below-the-line-Leute: ein berühmter und bis zum Skandal äußerst beliebter Erfinder wie der Komiker Louis C. K., ein bewährter Autor und Nebendarsteller wie Albert Brooks, ein allerbester Sendeplatz beim Sender TBS. Es hätte in einer Zeit, in der mehr als die Hälfte aller Serien noch vor der Ausstrahlung der dritten Folge abgesetzt wird, mehrere Staffeln geben können, eine Jobgarantie für mehrere Jahre und die Empfehlung für weitere lukrative Projekte.

"Es war eine interessante Serie mit interessanten und vielfältigen Charakteren", sagt Wachtenheim. Noch gilt sie lediglich als auf Eis gelegt, allerdings war sie derart auf Louis C. K. und Albert Brooks zugeschnitten, dass sie höchstwahrscheinlich niemals verwirklicht wird. Genau deshalb wurden viele Skandale in den vergangenen Jahren unter den Teppich gekehrt: Ohne den Above-the-line-Star funktionieren viele Projekte nicht - die durften deshalb machen, was immer sie wollten.

Auf den Partys fehlt dieses zwanghafte Lächeln, denn die Macht hat an Wirkung verloren

"Genau das darf nicht passieren", sagt Francis Giglio. Auf seinen offenen Brief an Louis C. K. habe sich eines der Opfer bei ihm gemeldet und sich entschuldigt. Aber er sagt: "Diese Frauen müssen sich für gar nichts entschuldigen. Wir müssen ein Umfeld schaffen, in dem es den Opfern von Missbrauch möglich ist, sich äußern zu können, ohne Angst haben zu müssen, dass gleich die ganze Produktion eingestellt werden könnte. Ich bin bereit, von jedem einzelnen Projekt zurückzutreten, um jemanden zu unterstützen, der von sexueller Nötigung oder Belästigung berichten möchte."

Nur so ein Gedanke: Vielleicht ist das gar keine Angst, die da gerade in den Gesichtern der Gäste auf Hollywood-Partys zu sehen ist. Zum ersten Mal seit Jahren müssen die Leute keine zwanghaft fröhliche Fassade mehr auflegen. Sie müssen nicht mehr so tun, als wären sie glücklich. Sie dürfen ernst dreinblicken, wütend, verärgert, und dürfen so die vorsichtige Hoffnung vermitteln, dass das mit der Angst nun endlich vorbei sein könnte.

© SZ vom 09.12.2017/doer

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